Der FDP-Parteitag – ein missglückter Witz Eilige Empörungsspirale, hastiges Männchen-Machen von Lindner

Die Infantilisierung der Politik in Deutschland nimmt immer bedrückendere Züge an. Dies zeigt auch der Bundesparteitag der FDP bzw. die Berichterstattung darüber. Es ist ja durchaus zulässig, zu meinen, der Kongress der Liberalen sei ein misslungener Witz gewesen. Bedrückend wird es allerdings, wenn ein solcher zum wichtigsten Thema der Berichterstattung wird – und das selbst in liberalen bzw. konservativen Medien.

Es gibt vieles, woran man angesichts des Parteitags Kritik üben kann. Daran, dass es der FDP wieder einmal nicht gelungen ist, sich überzeugend als bürgerliche, liberale Alternative zu präsentieren, die so dringend benötigt würde. Sie verhält sich wie ein Fußballspieler, der mit dem Ball vor dem leeren Tor steht und sich nicht traut hineinzuschießen. Weil im Stadion die Fans der gegnerischen Mannschaft in der Mehrheit und lauter sind sind und ihn sofort auspfeifen würden.

Stattdessen biedern sich die Liberalen bei Linksgrün an. So kam die Frauenquote, wenn auch nur durch die Hintertür als „Zielvereinbarung“. Und selbst die Forderung nach einer Senkung des Wahlalters auf 16 wurde übernommen.  Für die Liberalen ist das geradezu politischer Selbstmord angesichts der Fünf-Prozent-Hürde. Dafür blieb sie bei den großen Themen, die so viele Menschen bewegen, überzeugende Antworten und klare Kante schuldig. Etwa bei der Migrationspolitik, bei der Zukunft der EU, bei der inneren Sicherheit oder der Energiepolitik. Durchmogeln statt Akzente setzen – damit lässt sich zwar ein Shitstorm der linken Leitmedien vermeiden. Aber damit punktet man nicht beim Wähler. Man gewinnt den Eindruck, die Liberalen hechelten dem Zeitgeist hinterher, statt ein Gegenmodel aufzuwerfen und dafür zu werben.

Angesichts solcher Profillosigkeit kommt es nicht von ungefähr, dass ausgerechnet ein Witz von Lindner zentrales Thema der Medien wurde. So lautete etwa die Schlagzeile bei Focus Online: „Verunglückte Bemerkung: Lindner erntet für ‘Altherrenwitz‘ erboste Kritik.“ Im Vorspann, der das Wichtigste zusammenfasst, heißt es: „Nicht mal ein Viertel der FDP-Mitglieder sind Frauen, die FDP kann ihr Image als Männerpartei nicht abschütteln. Ein verunglückter Witz des FDP-Chefs auf dem Parteitag illustriert das Problem. Lindner wendet sich dort an Linda Teuteberg, die er ruppig als Generalsekretärin abgesetzt hatte.“

Das Vergehen Lindners bestand in einer flapsigen Bemerkung. „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300 Mal, ich hab mal so grob überschlagen, ungefähr 300 Mal den Tag zusammen begonnen haben“, hatte er zunächst gesagt, und dann auf das Gelächter im Saal  mit folgenden Worten reagiert: „Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht, was ihr jetzt denkt.“

Mir ist bewusst, dass ich nach 16 Jahren Russland, wo ein sehr deftiger und politisch unkorrekter Humor herrscht, eine ganz andere Sensibilität für Witze habe als wohl der Durchschnittsdeutsche oder zumindest der deutsche Durchschnittsjournalist. Böse könnte man sagen, dass ich in Sachen Witze für deutsche Verhältnisse verdorben bin (für russische hingegen immer noch ein Spießer). Insofern fällt es mir etwas schwer, die massive Aufregung über diesen Witz nachzuvollziehen. Etwa wenn der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer, offenbar einer der grünen Quoten-Männer in der Union, die Aussage in Anspielung auf das Motto des FDP-Parteitags auf Twitter aufs Korn nimmt: „#MissionAltherrenwitz statt #MissionAufbruch.“ Oder wenn die SPD-Abgeordnete Dorothee Martin twitterte: „Mit Verlaub Herr Lindner, das geht gar nicht und das war auch nicht nur „missverständlich“. Wie hätten Sie denn einen männlichen Generalsekretär verabschiedet? Sicher nicht mit anzüglichem Kommentar!“

Über Humor lässt sich bekanntlich streiten. Aber selbst einen verunglückten Witz kann man einfach mal ignorieren, statt eine Staatsaffäre daraus zu machen. Umso bemerkenswerter ist, dass Lindner sofort Männchen machte und wie so oft das Büßergewand anzog. „Ich bitte um Nachsicht: Die Erwähnung der morgendlichen Telefonkonferenz mit der Generalsekretärin war kein Witz – vereinzeltes Lachen hat mich irritiert“, schrieb er auf Twitter. „Es war also nur eine missverständliche Formulierung. Einmal auf Twitter bitte im Zweifel für den Angeklagten …“

Egal, wie streng und politisch korrekt man es mit Humor nimmt, und was auch immer man von Lindners Witz halten mag: Dass dieser nun das Markanteste ist, was vom FDP-Parteitag hängen bleiben wird, zeigt, wie sehr unsere Politik und unsere Medien auf den Hund gekommen sind.

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Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: br
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