Der Zerfall von Kritik »Soviet Life«: Das Propagandablatt, was schließlich zum Mainstream wurde

Ein Gastbeitrag von Vera Sandström

Während meines Auslandsstudienjahres im Mittleren Westen der USA Mitte der 1990er Jahre ging ich, wenn ich für mich sein wollte, gerne in die Bibliothek unserer Universität, ein neunstöckiges Gebäude. Die Bibliothek musste an einer nicht besonders renommierten US-Uni wie meiner repräsentativ sein, ebenso wie die Sportanlagen (u.a. hatten wir auch zwei 50-Meter Schwimmbecken und ein Eisstadion), um zahlungswillige Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind gerade dorthin in die Einöde zu schicken. Jedenfalls hat keine deutsche Universität, die ich je von innen gesehen habe, eine vergleichbare Bibliothek. Dort las ich zum Entspannen gerne den Spiegel, der damals noch durchaus lesenswert war und jede Woche frisch in den Regalen stand.

Faszinierend fand ich aber vor allem die Zeitschrift »Soviet Life«, ein Propagandablatt der sowjetischen Botschaft in Washington, das dem geneigten amerikanischen Leser den Alltag sowjetischer Bürger nahe bringen wollte. Die Universität hatte sämtliche Ausgaben vom Beginn der Zeitschrift irgendwann Ende der 1950er Jahre bis zum natürlichen Ende 1991. »Soviet Life« versuchte, nicht zu offensichtlich propagandistisch zu sein, widmete sich vielen durchaus interessanten Fragen sowjetischer Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft und war so ein Spiegelbild sowjetischen Sendungsbewusstseins. Auch Probleme wurden in abgeschwächter Form beleuchtet. Bemerkenswert fand ich dabei den so offensichtlich sichtbaren und lesbaren Niedergang eines Systems – von der Euphorie der frühen 1960er Jahre bis hin zur Orientierungslosigkeit der 1980er.

Zwischen den Zeilen konnte man bei »Soviet Life« erkennen, wie wahrlich überzeugt die Schreiber in den frühen Ausgaben waren und wie zynisch-defätistisch in den letzten. Die letzten Ausgaben Anfang der 1990er waren geradezu schockierend hohl und voll mit Werbung, offensichtlich motiviert aus einer Mischung von Geldnot und Stolz, mit Werbung nun auch der „kapitalistischen Welt“ anzugehören. Keines der brennenden Themen der sowjetischen Gesellschaft wurde in den letzten Ausgaben von »Soviet Life« 1990 und 1991 thematisiert. Stattdessen wurde zum Beispiel – ich versuche mich zu erinnern – vom erfolgreichen Kampf sowjetischer Mediziner gegen die Tuberkulose in Afrika berichtet und nebenbei eine Prognose der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gezeigt, wonach die durchschnittliche Lebenserwartung sowjetischer Bürger im Jahr 2000 bei fast 100 Jahren liegen würde.

Selbst der überzeugteste amerikanische Kommunist musste beim Lesen von »Soviet Life« Anfang der 1990er erkennen, dass das sowjetische System im Sterben lag und, noch schlimmer, die Schreiber kein bisschen Lebenshoffnung mehr für den Kommunismus hatten. Man muss dem machthungrigen Boris Jelzin, dem gutmütigen Dilettantismus von Michail Gorbatschow, den schwachen staatlichen Institutionen der Sowjetunion und dem anarchischen Geist der Russen dankbar sein, dass sie für einen schnellen Tod des Systems sorgten und kein ewiges Dahinsiechen zuließen.

Auch wenn der Zusammenbruch ohne Zweifel auch eine Tragödie war, besonders für die Rentner und Sparer, für die Peripherie der Sowjetunion und geopolitisch für viele von ihr total abhängige Staaten wie Kuba, Nordkorea – und in diesen Tagen besonders sichtbar Afghanistan, wo der von den Sowjets unterstützte Nadschibullāh eine echte Hoffnung und ein Versöhner für das Land war wie in den Jahrzehnten davor und danach kein anderer Politiker. Selbst für die USA und Westeuropa scheint der Zusammenbruch des geopolitischen Gegners im Rückblick eine Katastrophe gewesen zu sein, wenn man davon ausgeht, dass die darauf folgende selbstzerstörerische „humanitäre“ Geopolitik westlicher Eliten in einer bipolaren Welt unterblieben wäre. Heute schon kann man ohne jede Ironie sagen, dass vor allem China, die Islamisten und … Russland von der Auflösung der Sowjetunion profitiert haben.

Wenn ich heute deutsche Leitmedien lese, so erinnert mich das auf unheimliche Weise an »Soviet Life« in der Spätphase der Sowjetunion. Wenn man Spiegel, Zeit, Focus und all die anderen, die voneinander abschreiben, liest: Dieselbe hohle Phrasendrescherei, dieselbe Nicht-Beleuchtung realer gesellschaftlicher Probleme, dieselben dümmlich optimistischen Prognosen ohne jeden Bezug zur Realität, dasselbe Schielen auf die vermeintlichen Probleme der rückständigen Anderen um „unser schönes Land“ herum, um von eigenen Themen abzulenken, dieselbe Suche nach vermeintlichen Saboteuren innerhalb der Gesellschaft.

Top-Thema Klimawandel – unsere westlich-freiheitliche Zivilisation geht in ihren fundamentalen Grundwerten zugrunde und alle schreiben über das Wetter, das uns den sicheren Untergang bringen soll, wenn wir nicht anfangen, sofort ein frommes Leben voller Entsagung zu führen. Daneben geht es uns allen primär, wenn man den großen Medien folgt, um das Recht auf Geschlechterwechsel, das Recht auf öffentliches Ausleben verschiedener Formen von Sexualität (nicht öffentlich wird diese ohnehin überall auf der Welt gelebt) möglichst überall auf der Welt unter staatlichem Schutz und die korrekte Verwendung von Sprache. Als die drängenden Probleme werden ausschließlich Gespenster der Vergangenheit (Geschlechterungerechtigkeit, „Nazis“, „Rassisten“ und neuerdings „Impfgegner“) identifiziert, die es zu bekämpfen gilt, ohne die bei uns sonst angesagte Toleranz.

Und: Seit zwei Jahren ist nun ein lebensgefährliches Virus Top-Thema, dem wir alles zu unterwerfen haben, was unser „freiheitlich-liberales“ Leben früher mal ausgemacht hat. „Ja, aber natürlich nur vorübergehend!“ Natürlich … nach dem Endsieg (über das Virus) wird alles wieder gut …

Wer es nicht ahnt: Unsere großen Themen Klimawandel und Corona sind keineswegs überall auf der Welt beherrschend. Nein, der Kampf gegen diese Gefahren sind exklusive und verbindende Themen westlicher medial-politischer Eliten geworden. Die Menschen in den allermeisten Ländern der Welt halten sie nicht für die zentralen Themen unserer Zeit und schon gar nicht für solche, denen man sein Leben unterzuordnen habe. Und das, obwohl Klimawandel und eine Pandemie quasi naturgemäß globale Themen sind. Es genügt, deutsche Presse aus sicherer Distanz zu lesen, um zu erkennen wie träge und blind unser politisches System geworden ist. »Soviet Life« lässt grüßen, die Dekadenz ist greifbar.

Was das westliche System in globaler ideologischer Konkurrenz derzeit am meisten gefährdet, ist keineswegs die Panik am Flughafen von Kabul als sichtbares Zeichen des Versagens. Sondern die Möglichkeit, dass die Taliban aus ihren Fehlern Ende der 1990er Jahre gelernt haben könnten. Dass sie also keine mittelalterliche Barbarei veranstalten mit Steinigungen im Sportstadion, Musik- und Tanzverbot und Koranschulen als einzige Bildungsmöglichkeit. Dass sie nicht ihren Feinden die Köpfe abschneiden wie der IS, der im Übrigen in vieler Art von Islamisten aus Europa gespeist wurde, also von in europäischen Sozialsystemen aufgewachsenen geistig Verwahrlosten, die ihre unterdrückte Brutalität ausleben und ihre westlichen „Heimatländer“ damit schockieren wollten.

Wenn die Taliban tatsächlich eine halbwegs gemäßigte Position vertreten, wenn sie das Land nach über 40 Jahren Krieg befrieden können und bereit wären für eine Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Land, das wäre für westliche Ideologen ein noch größerer Schocker. Erste Hinweise darauf sind zu erkennen – so betreten die Taliban laut Berichten bislang keine fremden Häuser, lassen die Leute weitgehend in Ruhe und zeigen sich gesprächsbereit mit allen gesellschaftlichen Kräften.
Eine gemäßigt islamistische Ideologie ohne sinnlose Brutalität, eine Art islamische Revolution 2.0, hätte eine große Attraktivität für Länder mit bedeutendem moslemischem Bevölkerungsanteil. Damit sind auch wir gemeint. Das wäre dann eine echte innere (!) Gefahr für ein liberales Westeuropa.

Es ist wie in der Psychotherapie: Wenn wir nicht anfangen, wieder offen über unsere wirklichen Themen und Probleme zu sprechen und zu schreiben, wenn die großen Medien ihre zynisch-defätistische Attitüde nicht ablegen, werden wir enden wie »Soviet Life« und die UdSSR. Nur werden wir leider lange dahinsiechen, weil kein Boris Jelzin zu erkennen ist, weil die Institutionen zu mächtig und stark sind (ohne ihre eigentliche Aufgabe wahrzunehmen) und weil die Bevölkerung der Führung vertrauen möchte, egal wie schlecht diese Führung ihre Aufgaben macht. Also Schrecken ohne Ende statt Ende mit Schrecken.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
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Die Autorin (m/w) ist Psychologin und Therapeutin und schreibt hier unter Pseudonym.
Bild: Creative Lab/Shutterstock
Text: Gast

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