Die Schweiz des Ostens – oder ein slawischer Libanon? Was Deutschland in Sachen Ukraine alles ausblendet

Ein Gastbeitrag von Thilo Schneider

Nachdem sich das Verteidigungsministerium endlich dazu durchgerungen hat, 40 Marder-Schützenpanzer (defensiv) an die Ukraine zu liefern, wird gleich die nächste Forderung nach Leopard-Panzern laut, die selbstverständlich auch nur defensiv eingesetzt werden können, sollen, dürfen. Ich bin überrascht, mit wie wenig Weitblick Regierung und Militärs auf derartige Forderungen reagieren.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Putins Angriff auf die Ukraine ist mit nichts zu rechtfertigen und jedes Land hat das Recht, sich mit allen Mitteln zu verteidigen, seien es russische Panzerspitzen im Donbass oder Kassam-Raketen auf Israel. Kein Staat der Welt muss es dulden, dass sein Staatsgebiet beschossen wird. Mir geht es um etwas Anderes, denn es scheint mir, dass kein Plan existiert, wie dieser Krieg beendet werden kann und was aus einem Sieg oder einer Niederlage der Ukraine für Konsequenzen erwachsen. Natürlich wäre Diplomatie wünschenswert, diese funktioniert aber nur, wenn beide Seiten an einer friedlichen Lösung Interesse haben. Diplomatie funktioniert nicht, wenn auf einer der beiden Seiten niemand ans Telefon geht. Wir blenden auch aus, dass uns die Lieferung von Leos zumindest rudimentär endlich zur Kriegspartei macht, denn Putin braucht keinen echten Grund, um ein Nachbarland zu überfallen.

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Daher spielen wir es einmal durch. Wir gehen der Einfachheit halber davon aus, dass Folgendes passiert:

  1. Die Transporte mit deutschen Panzern rollen ungehindert in der Ukraine ein. Die Russen schauen dabei einfach nur zu und zucken die Schultern. Es bleibt bei lahmen Protesten.
  2. Die Ukrainer sind pfiffig genug, so ein hochkomplexes Waffensystem wie den Leopard in einer Woche Crash-Kurs zu erlernen.
  3. Die Versorgung mit Munition und Ersatzteilen ist sichergestellt, die entsprechende Logistik funktioniert, ohne dass Russland etwas dagegen unternimmt.
  4. Es gelingt den Ukrainern mit Hilfe von Leopard-Panzern, Mardern und ausrangierten Lieferwagen der Deutschen Post AG die Russen aus allen Gebieten inklusive (oder exklusive?) der Krim zu vertreiben.
  5. Keine Seite besitzt eine Luftüberlegenheit

Was dann? Was jetzt? Die militärische Logik verbietet es, dass Leos und Marder an der ehemaligen und jetzt wieder neuen Grenze zu Russland einfach stehenbleiben, die Besatzungen mit den Schultern zucken und Selenskij strahlend verkündet, dass „es jetzt vorbei ist“. Geschlagene Kräfte müssen weiterverfolgt werden, um eine erneute Sammlung zu verhindern. Man stelle sich vor, Napoleon wäre nicht über die Beresina verfolgt worden, oder die Alliierten wären an Rhein und Oder einfach stehengeblieben und wären nicht ins Dritte Reich vorgedrungen. Eine feindliche Armee kann nicht einfach besiegt werden – sie muss vernichtet und aufgelöst werden. Wie soll das bei einer Atommacht wie Russland funktionieren?

Aber nehmen wir einfach an, es klappt. Die Russen ziehen sich zurück, die Ukraine respektiert die ehemaligen und neuen Grenzen zu Russland. Die UN errichtet mit Hilfe kongolesischer und irischer Blauhelme eine Pufferzone im Donbass und überwacht diese. Russland zahlt als Besiegter Reparationen an die Ukraine und setzt irgendwie Putin ab oder er stirbt einfach. Ist es nicht logisch, dass auch der nächste Herrscher im Kreml alles daran setzen wird, die „verlorenen Gebiete“ wieder zurückzuerobern? Derartige Landverluste bleiben immer eine offene Wunde, getreu dem Motto „Nie darüber reden, immer daran denken“. Die Franzosen hatten 1871 auch die Geduld, sich erst 1918 das Elsass wieder einzuverleiben, und Schlesien blieb Jahrzehnte der Zankapfel zwischen Preußen und Österreich. Und Polen fordert heute noch von Deutschland Reparationen für seine Ostgebiete, die sich doch lustigerweise die Russen bereits 1939 einverleibt haben. Es wird also keine Gewinner geben, sondern einen auf vielleicht 10 – 20 Jahre eingefrorenen Konflikt, auf dessen Fläche es zwangsläufig ethnische Säuberungen geben muss, wenn sich die Ukraine nicht auf Jahrzehnte hinaus mit russischen Guerillatruppen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen herumschlagen will. Das ist moralisch nicht hübsch, aber militärstrategisch und politisch unabdingbar. Die Russen, Polen und Tschechen mussten exakt so 1945 handeln, so grauenhaft das für die deutschen und jeweiligen polnischen Minderheiten war.

Das Papier nicht wert

Und wie kann die Ukraine vor künftigen Übergriffen des Nachbarn geschützt werden? Unter der Annahme, dass eine Blaumhelmtruppe, verteilt über ein derart riesiges Gebiet, nicht effektiv schützen wird, bleibt der Ukraine nur militärisch der Beitritt zur NATO und wirtschaftlich zur EU. Eine andere Lösung gibt es nicht, wenn Grenzgarantien, wie 2004 im Minsker Abkommen geschehen, das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Der nächste russische Angriff auf die Ukraine wird dann ein Angriff auf die NATO sein.

Wie aber wird das besiegte Russland reagieren? Wird es Russland überhaupt noch geben oder zerfällt es in Teilrepubliken, Oblasten und Regionen, die sich selbst zu Staaten küren? Sehen wir schlimmstenfalls in Russland einen erneuten Bürgerkrieg zwischen nach Unabhängigkeit strebenden Teilstaaten, Warlords und einer marginalisierten Zentralverwaltung, die ihre militärische Schwäche durch extensive Grausamkeit auszugleichen versuchen wird?

Noch einmal: Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Ukraine hat jedes Recht sich zu verteidigen. Ich wüsste nur gerne, wie der Plan ist und ob man sich im Bendlerblock genug Gedanken gemacht hat. Ich sehe keinen. Und das ist der dümmste strategische Fehler, den Militärs machen können. Man sollte eigentlich erwarten, dass die Damen und Herren und Diversen mit den Schulterklappen aus 3000 Jahren dokumentierter Militärgeschichte gelernt hätten. Und da haben wir noch nicht darüber gesprochen, was passiert, wenn die Leoparden scheitern. Liefern wir dann Tornados und ausrangierte Phantom-Jäger und Migs an die Ukraine? Oder sogar von dem guten Zeug? Ich habe leider keine Lösung parat, ich wüsste aber gerne, welche Lösung kompetentere Politiker und Militärs als ich, sehen. Ich würde mir die Ukraine als eine Art Schweiz des Ostens wünschen – aber bestenfalls wird sie wohl zum Libanon der slawischen Staaten.

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Thilo Schneider, Jahrgang 1966, freier Autor und Kabarettist im Nebenberuf, LKR-Mitglied seit 2021, FDP-Flüchtling und Gewinner diverser Poetry-Slams, lebt, liebt und leidet in der Nähe von Aschaffenburg. Weitere feministische Artikel von Thilo Schneider finden Sie unter www.politticker.de. In der Achgut-Edition ist folgendes Buch erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Bild: robert coolen/Shutterstock

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