Die sechs Rätsel, die der russische Putschversuch aufwirft Ein Blick hinter die Kulissen

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Seine Männer waren nur 200 Kilometer vor Moskau, da blies Söldner-Chef Jewgeni Prigoschin gestern seinen Putschversuch ab. Er gab seinen Söldnern den Befehl, den „Marsch der Gerechtigkeit“, wie er ihn nannte, zu beenden: „Wir drehen die Kolonnen um und kehren in die Feldlager zurück, wie geplant“, sagte er in einer Audio-Botschaft. Zuvor hatte er Moskau massivst attackiert. Er hatte die Begründung des Kreml für den Angriff auf die Ukraine abgestritten und gesagt, es habe keine Bedrohung durch das Nachbarland oder die Nato gegeben. Zudem sagte er, dass die Zahl der Verluste um ein Zehnfaches höher sei, als Moskau sie offiziell eingestehe.

Aus der Söldner-Armee, die zu Teilen aus Strafgefangenen besteht, wurde heute Unmut laut. Im Internet warfen Bewaffnete (die Sie auf dem Bild zu diesem Beitrag oben sehen) dem (Ex-)Putin-Vertrauten Prigoschin Verrat vor, bezeichneten ihn als „Unmenschen“ und Feigling, der seine Männer habe hängen lassen. Hintergrund für den Konflikt zwischen Prigoschin und dem Kreml ist, dass seine Söldnertruppe zum 1. Juli unter den Oberbefehl seines Erzfeindes, Verteidigungsministers Sergej Schoigu, gestellt werden sollte und er damit sein „Lebenswerk“ verloren hätte. Prigoschin beschuldigte Schoigu, dessen Armee habe Lager seiner Söldner bombardieren lassen und dabei viele seiner Männer umgebracht.

Der Putschversuch gibt viele Rätsel auf. Hier die wichtigsten – mit dem Versuch einer Einschätzung:

  1. Noch am Morgen hatte Putin in einer Fernsehansprache erklärt, die Bestrafung der Aufständischen sei unabwendbar. Der Kreml-Chef gilt als nachtragend und er hat mehrfach in der Vergangenheit geäußert, dass man Verrätern nie verzeihen dürfe und sie vernichten müsse. Von genauso einem Verrat hatte er am Samstag Morgen noch gesprochen. Am Abend ließ er dann seinen Sprecher mitteilen, die bereits aufgenommenen Ermittlungen gegen Prigoschin wegen Hochverrats würden eingestellt und er könne nach Weißrussland auswandern. Wie kam es zu dem Sinneswandel Putins?
  2. Prigoschin weiß, dass im Machtkampf in einem System wie dem Putins Zusagen wenig gelten. Was hat ihn bewogen, den Zusagen zu glauben, dass er geschont werde? Sobald er nicht mehr von seinen Söldnern beschützt wird, wäre wohl keine Lebensversicherung gut beraten, eine Police auf ihn abzuschließen. Warum hat sich Prigoschin dennoch zur Aufgabe entschlossen, die ihn zudem in den Augen vieler seiner Anhänger als Feigling aussehen lässt?
  3. Die Söldner-Kolonne zog mehrere hundert Kilometer weitgehend unbehindert durch Russland Richtung Moskau, von einigen wenigen Schusswechseln abgesehen. Berichte, wonach drei Hubschrauber die Kolonne beschießen wollten, aber ihrerseits abgeschossen wurden, sind noch nicht bestätigt. Warum hat die russische Luftwaffe nicht beherzt eingegriffen? Mit einem Luftschlag hätte sie die Kolonne wohl sehr schnell und wirksam auflösen können. Warum tat sie es nicht?
  4. In Moskau wurden Muldenkipper mit Sand zu den Stadteingängen gefahren, einige Fahrspuren wurden durch Müllwagen und Lastwagen blockiert. Diese Versuche der Blockade wirkten geradezu hilflos. Ist das Verteidigungsministerium so blank, dass es in der Hauptstadt kein nennenswertes Aufgebot von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen mehr aufbieten wollte? Oder gab es andere Gründe dafür, dass man nur eher operettenhaft mit Muldenkippern und Müllwagen Barrikaden errichtete?
  5. Bei früheren Versuchen, das Militär in den Machtkampf einzubinden wie 1991 und 1993, stellten sich bekannte Militär-Kommandeure öffentlich an die Seite der Präsidenten – Gorbatschow und Jelzin. Diesmal ist kein einziges derartiges Bekenntnis bekannt. Warum schwiegen die Generäle und Militärführer öffentlich?
  6. Wie kann es sein, dass der US-Geheimdienst laut US-Medien schon einen Tag vor dem Putsch-Versuch Hinweise auf diesen hatte und auch dem Präsidenten mitteilte? Ist es realistisch anzunehmen, dass dann der russische Geheimdienst gleichzeitig nichts wusste? Wenn er aber etwas wusste – wieso war man dann in Moskau ganz offensichtlich so schlecht vorbereitet? Zumal laut US-Geheimdienst die Vorbereitungen seitens Prigoschins schon lange liefen. Dies ist auch offensichtlich – eine Aktion wie der Marsch auf Moskau musste von langer Hand vorbereitet sein. Die Söldner waren schwer bewaffnet und mit schwerem Gerät unterwegs. Dass sich dieses mitsamt Panzern plötzlich von der Front weg Richtung Russland bewegte, kann kaum unbemerkt geblieben sein.

Es wäre unseriös, wenn ich Ihnen nun eine verbindliche Antwort auf all diese fünf Fragen geben könnte. Ich denke, selbst die Geschichtsschreibung wird sich dereinst nicht einig darüber sein, was hier passiert ist. Umso meinungsfreudiger sind viele im Internet – man hat den Eindruck, während vergangene Woche noch alle U-Boot-Experten sind, sind nun mit einem Mal alle Russland-Experten – auch diejenigen, die kein Wort Russisch sprechen und noch nie in Russland waren. In den sozialen Medien lese ich viele Stimmen, die überzeugt sind, die USA stünde hinter dem Putschversuch. Man kann den USA ja viel vorwerfen – aber in diesem Fall ist spätestens seit dem Rückzug des erklärten USA-Hassers Prigoschin die US-These mehr als gewagt.

Auch die ursprüngliche These, der ich durchaus nicht abgeneigt war, dass Prigoschin einfach kurzfristig die Nerven verloren hatte, wirkt nun eher unwahrscheinlich – denn immer mehr spricht dafür, dass die US-Geheimdienste Recht haben mit ihrer These, der Putsch sei lange vorbereitet gewesen. Die ständigen Rufe nach mehr Munition von Prigoschin können das Ziel gehabt haben, diese zu horten für den Putschversuch. Prigoschin saß in jungen Jahren länger im Gefängnis wegen Verbindungen zur organisierten Kriminalität; sein Auftreten heute gleicht in vielem dem eines Schlägertyps.

Nicht auszuschließen – aber alles andere als bewiesen – ist eine andere These, die für westliche Beobachter, die sich nicht gut mit den Verhältnissen in Russlands Machtzirkel auskennen, eher unwahrscheinlich ist: Dass wir es mit einer Art militärischem „Wrestling“ zu tun hatten. Also in gewisser Weise einem Schaukampf – bei dem allerdings anders als beim echten „Wrestling“ das Ergebnis nicht vorab feststand und es ein wirkliches Kräftemessen gab, eine Art Austarieren eines neuen Mächtegleichgewichtes. Allerdings eines, bei dem alle Beteiligten bis zuletzt die Hoffnung hatten, dass die Entscheidung ohne größeres Blutvergießen abläuft.

Was wird Prigoschin machen?

Um die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios zu bewerten, müssen wir abwarten, was weiter mit Prigoschin und seinen Haupt-Konkurrenten passiert – Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Valery Gerasimov. Insbesondere spannend wird sein, ob Prigoschin im angeblichen Exil weiter Einfluss auf seine Söldner und die russische Politik haben wird. Oder sich kleinlaut zurückzieht.

Dazu würde die in Deutschland kaum bekannte, aber unter Fachleuten lebendig diskutierte These passen, dass im Kreml längst ein „kollektiver Putin“ herrsche, also in Wirklichkeit ein enger Kreis von mächtigen Männern den Kurs bestimmt, mit Putin als Aushängeschild, aber nicht als wirklich starkem Mann.

Man muss dazu wissen, dass Kompromisse in Russland generell und in den Machtzirkeln im Besonderen als Zeichen der Schwäche gesehen werden. Und eine der Lebensmaximen von Wladimir Putin ist es, dass man nie Schwäche zeigen darf. Das habe er in seiner Kindheit im Hinterhof – seiner „Straßenuniversität“, wie er diese nannte, gelernt: Dass der Schwache geschlagen wird, und nur der Starke geachtet.

'Sorge ums Vaterland?'

Gestern aber hat Putin massiv Schwäche gezeigt durch den Kompromiss. Prigoschin zeigte zwar ebenfalls Schwäche, aber er ist nicht Präsident, und er kann die Schwäche leichter als „Sorge ums Vaterland“ und den Versuch, Blutvergießen zu vermeiden, verkaufen.

Wladimir Putin wird das zwar auch versuchen – aber dass er am Morgen noch Rache schwor und eine harte Bestrafung der Verräter ankündigte, und am Abend dann kuschte, wird schwer an seiner Machtposition zehren. Wenn er diese überhaupt noch hat in dem Umfang, wie es viele annehmen.

Sie sehen – wir befinden uns im spekulativen Bereich. Und müssen an den alten Ausspruch von Winston Churchill zurückdenken. Dem wird folgender Ausspruch nachgesagt: „Politische Intrigen im Kreml sind vergleichbar mit einem Bulldoggenkampf unter dem Teppich. Ein Außenstehender hört nur das Knurren, und wenn er sieht, wie die Knochen darunter hervorfliegen, ist klar, wer gewonnen hat.“

Aktuell können wir noch nicht abschätzen, wessen Knochen fliegen werden, um in Churchills Bild zu bleiben.

Fakt ist nur eines: Die Überzeugung mancher Russen und vieler westlicher Beobachter, dass Putins die volle Macht habe und diese stabil sei, ist spätestens gestern wie eine Seifenblase zerplatzt. Die Lage in der zweitgrößten Atommacht der Welt ist ganz klar unstabil und wackelig. Putin bzw. die mächtigen Männer in seinem Umfeld können sich ihrer Macht nicht sicher sein. Das macht sie nicht unbedingt berechenbarer. Es wird – leider – spannend bleiben.

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