Die Wahrheit über die Explosion von Nord Stream Eine unbequeme, ketzerische Spurensuche

Wer ständig den Belehrungs- und Erziehungsjournalismus der Kollegen kritisiert, vor allem bei den Gebühren-Anstalten, muss selbst auf der Hut sein, nicht den gleichen Fehler zu machen. Das ist zum Beispiel einer der Gründe, warum ich mich beim Thema Russland/Ukraine aktuell sehr zurückhalte. Meine Meinung dazu ist bekannt. Aber ich respektiere eben auch andere. Mehr noch: Ich setze mich dafür ein, dass Menschen mit anderen Meinungen diese auch frei äußern dürfen. Für die nächste Ausgabe der „Jungen Freiheit“ habe ich einen flammenden Appell gegen die Saal-Kündigungen für Daniele Ganser geschrieben – und zwar nicht obwohl, sondern weil ich eine ganz andere Meinung als dieser habe. Demokratie und Freiheit leben vom Meinungsstreit. Unterdrückung anderer Meinungen tötet sie. Ganser muss seine Meinung frei kundtun können!

Dass viele Menschen in Deutschland Meinungen, die von der eigenen abweichen, nicht respektieren, ja nicht mal akzeptieren, zeigt in meinen Augen, dass unsere „Vergangenheitsbewältigung“ fehlgeschlagen ist. Früher wurde mir das von denen vorgehalten, die brav auf Seiten der Regierung stehen. Heute kommen Schläge zuweilen auch von denen, die sonst kritisch denken und hinterfragen. Auch bei ihnen sind offensichtlich nicht alle vor der gefährlichen Erwartung gefeit, man müsse bei allem einer Meinung sein. Der Historiker Winkler spricht von „intellektuellem Absolutismus“ und beschreibt ihn wie folgt: „Die deutsche Debattenkultur trägt Schlacken der absolutistischen Zeit, Spuren der Parole: Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein. Diese Art politischer Debatte im Geiste der Religionskriege ist ein Stück der deutschen Pathologie.“

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Entschuldigen Sie das Abschweifen ins Philosophische – aber dieser Hang zum Meinungs-Absolutismus setzt mir sehr zu. Vor allem, weil er leider auf beiden Seiten der Barrikaden zu finden ist. Aber nun zum Auslöser: Ich bekam dieser Tage mehrere Zuschriften, ich solle mich doch in Sachen Nord Stream äußern. Teilweise klangen sie für mich wie harsche Aufforderungen zu einem Glaubensbekenntnis. Womit wir beim Thema Religionskriege wären.

Der Kollege Josef Kraus nennt die großen Medien in Deutschland „Apportier-Medien“. Weil sie auf Wunsch der Regierenden apportieren. Ich werde nicht apportieren. Für niemanden. Und ich mache nicht Männchen. Einzelne Leser haben offenbar die Erwartung, ein Journalist müsse ein „Super-Man“ sein, der zu allem eine Meinung hat. Und natürlich die richtige. Also die ihre. Ich halte so eine Erwartung, diplomatisch ausgedrückt, für unreif, ja infantil.

Ich bin keine Kirche.

Und ich bin keine öffentlich-rechtliche Anstalt. Ich bin nicht schizophren und schiele nicht. Darum habe ich eine Sichtweise. Ich hoffe, oft eine richtige, aber sicher auch oft eine falsche. Mein Tag hat nur 24 Stunden, ich muss mich anders als große Medien auf die Themen konzentrieren, bei denen ich glaube, unterbelichtete Perspektiven beleuchten und Wesentliches beitragen zu können. Ich kann dabei nicht „per se“ objektiv sein. Ich kann nur, auf Basis meiner persönlichen Überzeugungen und meiner Sichtweise, dazu beitragen, die Vielfalt der Stimmen zu erweitern, damit Sie sich, in Kenntnis unterschiedlicher Sichtweisen, möglichst objektiv eine Meinung bilden können.

Auslöser für die Aufrufe zum „Apportieren“ ist eine Geschichte von Seymour Hersh, einem Investigativjournalisten aus den USA, der einige wichtige Enthüllungen auf seinem Plus-Konto verbuchen kann. Aber umgekehrt auch schon heftig daneben lag. Gleichzeitig ist er ein überzeugter Linker. Auf seinem Blog veröffentlichte er einen Beitrag, dem zufolge die USA gemeinsam mit Norwegen hinter den Explosionen der Nord-Stream-Pipelines am 26. September 2022 stecken. Er berief sich dabei auf eine Insider-Quelle.

So weit, so gut. Enthüllungen ohne Handfestes unter Berufung auf Insider-Quellen, die sich nicht belegen lassen, kann man glauben. Oder auch nicht. Entscheidend ist zu begreifen: Es ist eine Glaubensfrage. Womit wir schon wieder beim Thema Religionskriege wären.

Meine Position zu den Explosionen war von Anfang an klar: Ich bin nicht das Orakel von Delphi, anders als viele Kollegen habe ich die Wahrheit nicht für mich gepachtet und kann nur mutmaßen. Alle, die generell, aber auch in dieser Frage, glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, betrachte ich mit einer gewissen Skepsis.

Unbequeme Fragen

Was ich sicher weiß: Ein ehemaliges russisches Regierungsmitglied hat mir vor Jahren persönlich erzählt, dass der Kreml eigene Energie-Pipelines auch zu eigenem wirtschaftlichen Nachteil sabotieren lässt, wenn es in Propaganda-Narrative oder geopolitische Planspiele passt.

Ist das ein Beweis für Moskaus Urheberschaft an den Explosionen?

Mitnichten!

Wer sich auch nur ansatzweise mit Moskaus Desinformation befasst – die übrigens „Fachkräfte“ aus dem Kaiserreich für die Boleschewiken bzw. ihren Geheimdienst auf diabolisch-geniale Weise schufen, weiß: Moskau nutzt seit vielen, vielen Jahrzehnten westliche Journalisten, Politiker und andere, um sie mit gefälschtem Material oder gefälschten Quellen auf falsche Spuren zu bringen. Viele agierten dabei als nützliche Idioten. Darüber sind ganze Bücher geschrieben worden.

Ist das ein Beweis dafür, dass Seymour Hershs Enthüllung eine Desinformation ist?

Mitnichten.

In Hershs Artikel ist kein einziger harter Fakt zu finden. Mit solchen hätte ich mich gerne inhaltlich auseinander gesetzt. Aber das geht nicht: Denn er beruft sich ausschließlich auf Erzählungen einer einzigen anonymen Quelle, die damit nicht überprüfbar ist. Ist das ein Beweis dafür, dass er die Unwahrheit schreibt?

Mitnichten.

Ist umgekehrt eine anonyme Quellen ein ausreichender Beleg für die Richtigkeit seiner Angaben, von der nun viele ausgehen, und sie für unumstößlich und belegt halten?

Mitnichten.

Kritische russische Medien verweisen auf Widersprüche bzw. Brüche in den Angaben von Hersh. Ist das ein Beweist dafür, dass sie falsch sind?

Mitnichten.

Washington und Norwegen dementieren die Enthüllungen entschieden. Ist das ein Beweis dafür, dass sie falsch sind?

Mitnichten.

Ist Putins Schuldzuweisung an den Westen ein Beweis dafür, dass er unschuldig ist?

Mitnichten.

Kann man sagen, dass Putin die Tat nicht zuzutrauen ist?

Mitnichten.

Kann man sagen, dass den USA die Tat nicht zuzutrauen ist?

Mitnichten.

Ist das unsägliche Taktieren und Schweigen der Bundesregierung, ihre Weigerung zur Transparenz ein Beweis in die eine oder andere Richtung?

Mitnichten.

Der vierte Strang der Pipeline wurde nicht zerstört, es kann also weiter Gas in sehr großen Mengen aus Russland nach Deutschland fließen. Ist das ein Beweis dafür, dass es Putin war bzw. die Amerikaner es nicht gewesen sein können, weil sie die Pipeline komplett zerstört hätten?

Mitnichten,

Hat Putin ein Motiv?

Wenn man ihn mit westlichen Augen betrachtet, nein. Wenn man die Innenwelt des russischen Führers kennt und weiß, wie er tickt, sind mehrere Motive denkbar. Etwa, die Tat den USA in die Schuhe zu schieben. Und so einen tiefen Keil zwischen die USA und Europa, allen voran Deutschland zu treiben. Das ist einer von Putins wichtigsten geopolitischen Plänen. Zu denen er sich offen bekennt. Dafür wäre ihm wohl kaum ein Preis zu hoch. Für westliche Ohren schwer zu verstehen. Doch wer die Geschichte der Sowjetunion und des KGB kennt, weiß: Für den Kreml eher Alltagsgeschäft.

Ist all das ein Beweis für Moskaus Schuld?

Mitnichten.

Haben die USA ein Motiv?

Selbstverständlich.

Beweist das die Schuld der USA?

Mitnichten.

Sie langweilt meine Aufzählung?

Mich auch.

Darum wollte ich Ihnen diesen Artikel ersparen. Weil ich weiß, dass ich nichts weiß.

Aber der „Bekenntniszwang“, den einige Leser geltend machten, hat mich dazu gebracht, diesen Beitrag dennoch zu schreiben.

Um die große, große Mehrzahl meiner Leser, die keine Ideologen sind, die lieber zweifeln als sich in Gewissheit zu wiegen, zu warnen, allzu leicht irgendwelchen vermeintlichen Gewissheiten auf den Leim zu gehen.

Wie manche Kollegen das tun, und dafür noch Applaus einheimsen, befremdet mich offen gestanden. Aber es ist ihr gutes Recht.

Meinungs-Absolutismus

Ich weiß, dass ich mich mit diesem Beitrag bei einigen Lesern unbeliebt machen werde. Aber meine Überzeugung ist mir wichtiger. So traurig ich bin, dass der „Meinungs-Absolutismus“ sich so tief in unsere Gesellschaft gefressen hat (oder vielleicht nie weg war): So sehr habe ich doch die Hoffnung, dass die überwiegende Mehrzahl von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gerade deshalb auf meiner Seite ist, weil sie keinen Journalismus sucht, der sie nur bestätigt in ihrer Meinung und ihnen nach dem Mund redet. Sondern einen, der auch einmal bei ihnen aneckt, neue Perspektiven auftut, die Sie vielleicht nicht teilen – aber die Sie doch zum Nachdenken anregen.

So sehr ich gegen jede Form der Belehrungen durch Journalisten bin – eine kleine Bitte habe ich heute doch an Sie: Seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand „Wahrheiten“ verkauft. Vor allem, wenn es ein Journalist oder Politiker tut. Sollte ich einmal auf diesen Abweg geraten – klopfen Sie mir bitte kräftig auf die Finger. Verbal natürlich!

Danke!

Ach ja, und fast hätte ich vergessen, explizit die Antwort zu geben auf die Frage, die meine Überschrift aufwirft (zwischen den Zeilen ist sie ja beantwortet): Die Wahrheit über die Explosionen ist zum heutigen Stand, dass wir die Wahrheit nicht kennen. Und nicht wissen, ob wir sie je erfahren werden.

PS: Wenig überraschend, aber dennoch bemerkenswert fand ich, in der heutigen Bundespressekonferenz zu sehen, wie die lautesten Hetzer gegen „Corona-Leugner“ unter den Kollegen beim Thema Nord Stream stramm auf der anderen Seite der Front stehen.

Für meine Arbeit müssen Sie keine Zwangsgebühren zahlen und auch nicht mit Ihren Steuergeldern aufkommen, etwa über Regierungs-Reklameanzeigen. Hinter meiner Seite steht auch kein spendabler Milliardär. Mein einziger „Arbeitgeber“ sind Sie, meine lieben Leserinnen und Leser. Dadurch bin ich nur Ihnen verpflichtet! Und bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Unterstützung! Nur sie macht meine Arbeit möglich!

Aktuell ist (wieder) eine Unterstützung via Kreditkarte, Apple Pay etc. möglich – trotz der Paypal-Sperre: über diesen Link. Alternativ via Banküberweisung, IBAN: DE30 6805 1207 0000 3701 71. Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut.

Mein aktuelles Video:

„Es geht um die Abschaffung des Mittelstands“: Nach viralem Video – Unternehmerin klagt weiter an.
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Bild: Screenshot Youtube-Video NDR Slahi und seine Folterer | Doku & Reportage | NDR Doku

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