Ivermectin: Heilsbringer oder Hokuspokus? Umstrittene Alternative zur Covid-19-Impfung

Von Daniel Weinmann

Wäre Ivermectin ein Mensch, müsste er wohl im Pandemie-Panoptikum ein erbarmungswürdiges Dasein als Querdenker oder Corona-Ketzer führen. Liest man die Definition bei Wikipedia, lässt sich dies durchaus nachvollziehen: „Ivermectin ist ein Arzneistoff, der gegen Ektoparasiten und Endoparasiten, vor allem Fadenwürmer eingesetzt wird.“ Dass genau dieses Präparat erfolgreich gegen das Corona-Virus sein soll, klingt nach dieser Lesart wie Voodoo. „Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh“, twitterte im Spätsommer die US-Arzneimittelbehörde FDA, „im Ernst, Leute, hört auf damit“. Die »Apotheken-Umschau« drückte sich Ende November etwas vornehmer aus und warnte eindringlich: „Ivermectin kann hochgiftig sein.“

Das Blatt zitiert das Robert Koch-Institut (RKI), das bisher keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit von Ivermectin gegen COVID-19 in Bezug auf die Notwendigkeit künstlicher Sauerstoffzufuhr oder die Sterblichkeit nach einer Corona-Infektion sehe. Das RKI bezieht sich auf eine übergreifende Analyse von 14 klinischen Studien vom Juli dieses Jahres. „Wir sind unsicher in Bezug auf Wirksamkeit und Sicherheit von Ivermectin bei der Behandlung oder Vorbeugung von COVID-19“, lautet der Befund der Wissenschaftler. Dies könnte einer der Gründe für den »Focus« gewesen sein, Ivermectin just am Nikolaustag zu den „Sieben Corona-Mythen“ zu zählen.

Dass immer wieder Berichte über das patentfreie – und somit sehr günstige – Arzneimittel gelöscht werden, wirft indes Fragen auf. Ebenso, dass positive Studien zur Wirksamkeit von Ivermectin bei den meinungsbildenden Medien tabu zu sein scheinen. Das Webportal „ivmmeta.com“ etwa listet 67 Studien, die auf Basis von mehr als 49.000 Patienten durchgeführt wurden.

Fast die Hälfte der Arbeiten, an denen 650 Forscher mitgewirkt haben, war randomisiert, einem Teil der Untersuchten wurde somit nach dem Zufallsprinzip kein Wirkstoff verabreicht. Zwei Drittel der Studien wurden in Zeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht. „Statistisch signifikante Verbesserungen zeigen sich bei Sterblichkeit, Beatmung, Aufnahme auf der Intensivstation, Krankenhausaufenthalt, Genesung, Fallzahlen und Virusfreiheit“, heißt es auf „ivmmeta.com“.

Die WHO und die US-Medikamentenbehörde FDA raten von der Nutzung ab

Die Ergebnisse seien sehr robust – bei einer Sensitivitätsanalyse mit Ausschluss im schlimmsten Fall müssten 58 von 70 Studien ausgeschlossen werden, um keine statistisch signifikante Wirksamkeit zu finden. Nur gut jede vierte Ivermectin-Studie weise null Ereignisse in der Behandlungsgruppe auf. Ebenfalls nicht vereinbar mit den Befunden im »Focus« oder der »Apotheken-Umschau«: Mehr als 20 Länder haben Ivermectin für COVID-19 zugelassen. „Die Evidenzbasis ist viel größer und es gibt viel weniger Interessenkonflikte als bei der üblichen Zulassung von Medikamenten“, ergänzt „ivmmeta.com“.

Das peer-reviewte Fachmagazin „New Microbes and New Infections“ wiederum veröffentlichte in seiner September-Ausgabe eine weitere Studie, die die Wirksamkeit von Ivermectin gegen COVID-19 bestätigte. Wie die Anwendung von Ivermectin im Alltag wirkt, schilderten zwei US-Wissenschaftler im Januar 2021 in der im „International Journal of Antimicrobial Agents“ erschienenen Studie.

“Wir zeigen, dass Staaten, die routinemäßig prophylaktische Chemotherapie verabreichen, wozu auch Ivermectin gehört, eine deutlich niedrigere Inzidenz von COVID-19 aufweisen“, schreiben die Autoren. Berichte über den nutzbringenden Einsatz des Präparats liegen beispielsweise aus Brasilien, Peru, Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern vor.

Im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, in dem mehr als 200 Millionen Einwohner leben, waren im November 40 von 75 Bezirke des indischen Bundesstaates coronafrei. Die dortige Regionalregierung führte diese Entwicklung auf den frühen Einsatz von Ivermectin zu.

Unterdessen raten die WHO und die US-Medikamentenbehörde FDA unisono von der Nutzung von Ivermectin gegen COVID-19 ab. Die Europäische Arzneimittelagentur wiederum verweigert ihre Zustimmung zum Einsatz von Ivermectin. Ihre Begründung: Eine positive Wirkung sei nicht in allen Studien festgestellt worden.

Ivermectin als magisches COVID-19-Heilmittel zu glorifizieren, mag übertrieben sein. Es als giftig und nicht bei Menschen anwendbar zu verteufeln, entbehrt jedoch auch jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Der ungleiche Kampf um die Deutungshoheit wird weitergehen – zumindest, bis weitere valide Studien verfügbar sind.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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