Lauterbach bei Anne Will: „Man kann die Ungeimpften sich nicht selbst überlassen!“ Sahra Wagenknecht unbeeindruckt von Arroganzanfällen

Von Steffen Meltzer

Der nachfolgende Beitrag legt den Schwerpunkt auf die Kräftekonstellation, die Moderation und die Machart des „Streitgespräches“. Unfair-TV und Corona-Panik bei Anne Will in der ARD am Sonntagabend: Diesmal alle gegen Sahra Wagenknecht. Sie darf sogar als Steilvorlage als Erste das Wort ergreifen und spricht über die Gefahr möglicher Impf-Langzeitfolgen. Der angespannt dasitzende Karl Lauterbach schließt in seiner Gegenrede aus, dass der Impfstoff Langzeitwirkungen besitzt. Das anzunehmen, bezeichnet er in Richtung Wagenknecht als „Räuberpistole“, diese persönliche Abwertung einer anderen Meinung wird er noch weitere dreimal in Richtung seiner Widersacherin wiederholen. Offensichtlich müssen Schmähungen so lange durchexerziert werden, bis sie als „Fakt“ anerkannt sind. Er meint, die neuen mRNA-Impfstoffe wären besonders sicher. Zum Haftungsausschluss der Hersteller bezüglich Langzeitfolgen und Nebenwirkungen führt er an, der Staat würde dabei immer haften, egal um welchen Impfstoff es sich handelt. Ich muss dann die Frage stellen, warum das Europäische Parlament einen „Entschlussantrag zur Einrichtung eines europäischen Fonds zur Entschädigung der Opfer der COVID-19-Impfstoffe“ (B9-0475/2021 vom 23.09.2021) eingereicht hat? Weil das „so üblich“ ist? Wohl kaum.
 

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Lauterbach holt noch weiter aus, die Impfung wäre ein Akt der Solidarität und keine individuelle Entscheidung. Es ginge darum, Andere nicht zu gefährden. Wagenknecht widerspricht, Geimpfte hätten die gleiche Viruslast wie die Ungeimpften. Lauterbach versucht, sie immer wieder mit der Bemerkung: „Das ist falsch!“ zu unterbrechen. Nun spricht der großgemachte Experte „Anderen“ die medizinische Kompetenz ab, das einzuschätzen. In seinem Vortrag legt er gönnerhaft großen Wert darauf, sich so auszudrücken, dass es auch „Laien“ verstehen. Ein autoritärer Titel ist jedoch kein eigenes Argument, deshalb zeigt sich Wagenknecht, die selbst über einen Doktor-Titel verfügt, von diesem Arroganzanfall gänzlich unbeeindruckt. Sie möchte in die Gegenrede, Anne Will weiß das zu verhindern. Sie erteilt schnell der bekannten Impfbefürworterin Christina Berndt (Wissenschaftsredakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“) das Wort, die prompt die Erwartungen der Moderatorin erfüllt und den Sozialdemokraten argumentativ unterstützt. Wagenknecht gerät ab diesem Moment zahlenmäßig in die Defensive, denn sie kommt in Bezug auf Lauterbachs Unterstellungen („falsch“, „Räuberpistole“ etc.) nicht mehr zu Wort. Sie wird durch Will abgewürgt.

Jetzt ist der eingeladene FDP-Politiker Marco Buschmann (FDP, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion) an der Reihe: Der ist natürlich auch für die Impfung und wird sich im Laufe der Talk-SHOW mit Lauterbach verbünden. Auch heute Abend lautet die Kräftekonstellation bei Anne Will typisch unausgewogen 1:4. Man hat sich wieder ein schönes Heimspiel organisiert.

Pappkamerad Kimmich

Zum wiederholten Male führt die Moderatorin den eigenständig denkenden Joshua Kimmich in die Diskussion ein. Der ist aber gar nicht anwesend und kann sich demzufolge nicht wehren. Eine Schattendiskussion über ein gemaltes Gespenst an der Wand, das stellvertretend für alle Ungeimpften öffentlich abgestraft werden soll.

Anne Will bringt jetzt den FDP-Politiker gegen Wagenknecht in Stellung. Der attestiert brav, wie gefordert, dass sich Wagenknecht mit dem, was sie von sich gibt, „irren“ würde. Dafür bekommt er ein Bienchen ins Muttiheft.

Zwischendurch erwähnt die ARD-Journalistin, dass Karl Lauterbach „Morddrohungen“ erhalten würde. Das ist selbstverständlich zu verurteilen — anderseits: Wer erhält diese heutzutage nicht, wenn man öffentlich seine Meinung vertritt? Ratgeber Gefahrenabwehr: Wer tatsächlich ernsthaft bedroht wird, sollte hierzu lieber seinen Mund halten, seine „Wichtigkeit“ zumindest dabei hintanstellen und die Arbeit der Polizei nicht dadurch erschweren, dass er das zum Anlass nimmt, in die Opferrolle zu schlüpfen.

Aber Will ist mit dem Bayern-Star noch nicht fertig, wieder fällt sie in ihrer Moderation über Kimmich her. Es scheint sie stark zu beschäftigen, dass jemand eine Meinung gegen die befohlene Marschrichtung vertritt. Denn nun soll Wagenknecht zu dem Fußballspieler mit dem eigenen Kopf etwas sagen. Doch diese geht nicht auf die Suggestivfrage ein, sondern führt stattdessen als wichtiges Problem an, dass 5.000 Intensivbetten abgebaut wurden. Will versucht Wagenknechts Glaubwürdigkeit zu erschüttern, indem sie diese immer wieder erfolglos auf die Zahl „4.500“ korrigiert. Sahra Wagenknecht prangert zusätzlich an, dass ungeimpfte Menschen geächtet werden. Außerdem greift sie das Gesundheitssystem an und verweist darauf, dass Krankenhäuser kommerzialisiert und kaputtgespart werden. Das bringt wiederum emotional den anwesenden „Liberalen“ auf die Palme. Das „große Tier“ in der Runde, Lauterbach, unterstellt ihr eifrig, sie „mische alles durcheinander“ und betont das geschätzt zehnte Mal, dass sie „falsch“ liege. Für mich auffallend ist, dass er Wagenknecht wie eine Studentin professoral ständig von oben herab stark abwertet. Dazu passt auch seine „Feststellung“, sie würde „Unsinn“ erzählen. Diese anmaßenden Bewertungen wendet Lauterbach ganz bewusst als Kommunikationskiller an, auch, damit seine Gegnerin klein wirkt und er sich selbst aufwerten kann.

Will zieht jetzt die pseudoempathische Karte und fragt die Linke, warum sie Angst hat, sich impfen zu lassen. Anstatt sich zu rechtfertigen, meint diese lediglich, sie müsse das nicht öffentlich begründen. Coole Antwort, so ist es!

Der nächste Streit folgt sogleich darüber, ob es „Long-Covid“ gibt. Die Konstellation lautet Wagenknecht gegen Lauterbach und Will, die dem SPD-Politiker schnell zur Seite springt, als dieser mit seiner gebetsmühlenartigen Unterstellung, dass die Linke „unwissend“ sei, nicht weiterkommt. Lauterbach scheitert wiederholt in der Runde mit seinem gefühlten Alleinvertretungsanspruch auf „Wahrheit“ und „Wissen“.

Jetzt darf der FDP-Funktionär darüber sprechen, wie gut er die Booster-Impfung findet. Er faltet beim Sprechen vielsagend und bedeutungsschwer seine Hände zu einer Spitze zusammen. Das wirkt wie die nachgemachte Raute, eher gewollt als gekonnt. Solche Gesten werden in Rhetorikseminaren vermittelt, sie sollen nonverbal die Wichtigkeit der eigenen Aussagen unterstreichen. Der Politiker verweist u. a. auf eine notwendige Zuwanderung, um das Gesundheitswesen zu stabilisieren. Aber, aber, wie wäre es damit, die Einheimischen ordentlich zu bezahlen, anstatt nur Beifall vom Balkon zu „spenden“?

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein

Jetzt kommen in einem Einspieler die Hardliner ins Spiel, Lockdown für Ungeimpfte in Sachsen, 2G+ für alle in Österreich. Lauterbach spricht sogleich begeistert davon, dass durch die Boosterimpfung das Infektionsgeschehen um Faktor 10 verbessert würde.

Nun wird die Journalistin der Süddeutschen durch Will zum Einsatz gebracht, sie unterstellt Wagenknecht dabei, dass sie „alles verdreht“. Sie habe außerdem eine „verschobene Risikowahrnehmung“. Eine nette Umschreibung für die (unverschämte) Unterstellung, dass Wagenknecht einen an der Klatsche hätte. Nichts Neues darüber, dass Menschen mit unbequemen Meinungen nicht nur stigmatisiert und ausgegrenzt, sondern auch pathologisiert werden. Die Verzweiflung und die Argumentationsarmut müssen sehr groß sein, wenn Wagenknecht immer wieder persönlich unterhalb der Gürtellinie von den im Studio anwesenden Diskutanten angegriffen wird. Sie pariert die Anmache mit Erfahrung und Anstand, indem sie darauf nicht eingeht.

Dabei ist es die Protagonistin der „Süddeutschen“, die mit falschen Karten spielt: Das eigentliche Problem wären ungeimpfte junge Menschen, die die Intensivstationen verstopfen würden. Wagenknecht kontert mit Fakten, es sind gerade einmal 19 Prozent und keineswegs die Mehrheit, wie fälschlicherweise behauptet! Kurzes Schweigen im Raum zur entlarvten Falschangabe.

Der Satz des Abends

Es folgt der nächste Einspieler: Die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ soll „beendet“ werden. Der FDP-Mann, der vor wenigen Minuten noch Flüchtlinge nach Deutschland holen wollte, um das Gesundheitssystem zu stabilisieren, wird zitiert, es drohe dem Gesundheitssystem KEINE Überlastung mehr. Hü und hott oder hottehü, ja was denn nun? Er betonte dabei im Diskussionsverlauf, „Politik ist keine Märchenstunde“, in seinem Falle wohl eher doch.

Nun kommt der Satz des Abends, natürlich von Karl Lauterbach, der doziert: „Man kann die Ungeimpften sich nicht selbst überlassen!“ Was für ein Satz! Natürlich hat er in der Sendung das letzte Wort. Wagenknecht versucht zu protestieren, wird jedoch von Will einmal mehr abgewürgt, die lieber die Nachrichten mit Ingo Zamperoni ankündigt.

Lauterbach hatte nicht nur das letzte Wort in dieser Sendung, auch in den nachfolgenden Nachrichten wird er wieder umfangreich bedacht und zitiert. Lauterbach morgens, mittags und abends. Wir sollten die ARD in „Erstes Deutsches Lauterbachfernsehen“ umbenennen. 

PS.: Sahra Wagenknecht hat sich selbst auch zur Sendung positioniert via Facebook:

Die Impfdebatte erreicht immer absurdere Züge. Zwar sind selbstverständlich die Corona-Impfungen trotz der zunehmenden Durchbrüche nicht wirkungslos. Insbesondere für ältere Menschen spricht deshalb nach wie vor sehr viel dafür, sich impfen zu lassen. Aber wenn fast jeder zweite Covid-19-Fall ein Impfdurchbruch ist und 40 Prozent der hospitalisierten Covid-19-Patienten doppelt geimpft sind, dann ist es falsch, von einer „Pandemie der Ungeimpften“ zu sprechen und 2G-Maßnahmen zu propagieren. Auch die Abschaffung der kostenlosen Tests war ein folgenschwerer Fehler, genauso wie das kaputt gesparte und auf Profit getrimmte Gesundheitssystem. Für die Lage auf den Intensivstationen ist deshalb nicht nur das Virus, sondern auch eine falsche, verantwortungslose Politik verantwortlich. Es ist ein Skandal, dass wir nach anderthalb Jahren Corona tausende Intensivbetten und Pflegekräfte weniger haben sowie Krankenhäuser geschlossen wurden.

Zur kompletten Sendung (Anne Will vom 31.10.2021):
https://daserste.ndr.de/annewill/index.html

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Steffen Meltzer, Mitglied der CDU, hat als Polizeitrainer 15 Jahre lang Polizeibeamte fortgebildet (zum Beispiel im Schießtraining, für Amoklagen und anderes). Ich habe seine Texte immer sehr geschätzt, und seit dem Kennenlernen schätze ich ihn auch menschlich sehr. Seine Bücher sind durch die Bank sehr empfehlenswert, und gerade in diesen Zeiten lege ich sie jedem sehr ans Herz. Etwa dieses: „Ratgeber Gefahrenabwehr: So schützen Sie sich vor Kriminalität – Ein Polizeitrainer klärt auf“. Eine Übersicht über alle Bücher von Steffen Meltzer finden Sie hier auf seiner Homepage im Internet.

Bild: Screenshot ARD/ZDF
Text: Gast

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