Bundesgesundheitsminister warnt vor „Entzündung des Gehirns“ Studie mit zwei Probanden soll ganz Deutschland in Angst versetzen

Von Ekaterina Quehl
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Was hätten wir nur ohne unseren Gesundheitsminister gemacht? Seit Monaten bereichert er unser Leben fast täglich mit einer Palette von Amüsements, die von kurzweilig bis hin zu absurd reichen. Man könnte bald einen Sammelband für Lauterbachs Aussagen erstellen. Vor vier Tagen hat er in seiner wirren Rede beim „Verband der Privaten Krankenkassen“ zugegeben, dass wegen der Corona-Maßnahmen eine Immunitätslücke entstanden sei, weshalb die „vulnerablen Gruppen erneut vulnerabel werden“, vorgestern verbreitete er Angst mit neuen Studienergebnissen zu Long-Covid. „Es verdichten sich die Studienhinweise, dass Long-Covid oft mit andauernder Entzündung des Gehirns einhergeht“, schreibt er in seinem Tweet. Doch sein Kommentar ist nicht aufgrund einer möglichen „Entzündung des Gehirns“ wegen Long-Covid so zündend, sondern weil er sich dabei auf eine Studie der Universität Amsterdam bezieht, die exakt zwei Probanden hatte und deren Kontrollgruppe aus drei Personen bestand.

Wolfgang Kubicki schreibt dazu auf seiner Facebook-Seite:

„Eine Studie mit zwei Probanden heranzuziehen, wäre vermutlich selbst jedem Shampoo-Hersteller für Werbezwecke zu peinlich. Dass eine solche Studie nun im politischen Meinungskampf benutzt wird, ist an sich schon beachtlich. Denn Verallgemeinerungen zur Gefährdung der Bevölkerung durch Long Covid lassen sich daraus nicht ableiten, und diesen Zweck sollte die Untersuchung offensichtlich auch nicht erfüllen. Umso problematischer ist es jedoch, dass der Minister hier genau diesen Eindruck vermittelt. Karl Lauterbach ist kein normaler Twitter-User, sondern der Bundesminister für Gesundheit. Er sollte dementsprechend kommunizieren und Warnungen nur auf solider und belastbarer Grundlage aussprechen. Alles andere trägt zur vermeidbaren Verunsicherung der Bevölkerung bei und beschädigt die Fähigkeit zur Krisenkommunikation der gesamten Bundesregierung. Ihm steht für eine solide Analyse der ihm vorliegenden Studien der gesamte wissenschaftliche Apparat des Robert Koch-Instituts zur Verfügung. Es ist nicht notwendig oder ratsam, dass der Minister jede Studie im Alleingang bewertet. Das könnte er auch als einfacher Abgeordneter“. 

Obwohl man kein Wissenschaftler sein muss, um zu verstehen, dass Ergebnisse einer Studie mit zwei Probanden für eine Warnung auf Bundesebene nicht ernsthaft herangezogen werden können, können corona-ängstliche Menschen den Tweet doch noch ernstnehmen. Insbesondere deshalb, weil Lauterbach die Anzahl der Studienteilnehmer gar nicht erwähnt. Insofern ist sein Tweet nicht nur lächerlich, sondern auch höchst unverantwortlich. Der Virologe Stöhr kommentiert dazu in der Bild-Zeitung: „Die Studie mit den zwei Fällen ist aus patho-physiologischer Sicht interessant. Allerdings ist sie vollständig ungeeignet, um auf die Bedeutung von Long-Covid zu verweisen; nicht nur wegen der geringen Stichprobengröße.“

Man könnte denken: Egal, was als Nächstes vom Bundesgesundheitsminister kommt, diesen Kommentar kann es nicht mehr übertreffen. Doch das hat man sich auch beim letzten Mal gesagt. Vielleicht sollte eine Studie zur Untersuchung vom bundesweiten Kopfschütteln nach Lauterbachs-Aussagen initiiert werden, denn möglicherweise bekommt man mit der wirklich mehr repräsentative Ergebnisse für „Entzündung des Gehirns“ als die in der Studie mit zwei Probanden.

David
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Namentlich gekennzeichnete Beiträge von anderen Autoren geben immer deren Meinung wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de.

 

 

Bild: Shutterstock
Text: eq

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