Lutherdenkmal in Worms: Zutritt nur für regierungstreue Christen Gute Gottesdienste, schlechte Gottesdienste

Ein Gastbeitrag von Robert Kahlert

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.“ Das soll Martin Luther vor genau 500 Jahren auf dem Reichstag in Worms gesagt haben. Vor Kaiser Karl V. hatte sich Luther zuvor mutig geweigert, seine kritischen Schriften zu widerrufen. Auf den Tag genau 500 Jahre später, am 18. April 2021, musste das Lutherdenkmal in Worms von einem Großaufgebot der Polizei vor einem Gottesdienst von Oppositionellen zum Gedenken an Luther geschützt werden. Eine anschließende Andacht zweier evangelischer Pfarrer, welche die Corona-Politik der Regierung unterstützen, durfte hingegen unbehelligt stattfinden.

Der scheidende baden-württembergische Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner, bekennender Christ und Kritiker der Corona-Politik, hatte einen Gottesdienst angemeldet. Aufgrund eines fehlenden Hygieneschutzkonzeptes hatte die Stadt Worms den geplanten Gottesdienst jedoch untersagt. Ein Einspruch dagegen wurde vor Gericht abgewiesen. Fiechtner und andere oppositionelle Christen kamen trotzdem zur geplanten Zeit um 13 Uhr. Die Polizei besetzte deshalb das Lutherdenkmal mit starken Kräften und sperrte es ab. In Sichtweite standen die auf Abstand gehaltenen Christen. Sie konnten nicht anders und stimmten Lieder an wie „Großer Gott, wir loben dich“ und „Lobet den Herrn“ und beteten das Vaterunser.

Als sich nach etwa einer Stunde die Gemeinde zerstreut hatte, durften evangelisch-landeskirchliche Pfarrer ohne polizeiliche Einschränkung das Lutherdenkmal betreten und eine Andacht abhalten. Da standen sie, und plötzlich war alles anders. Es waren nur noch ganz wenige Christen anwesend. Als sich eine oppositionelle Christin bei den Veranstaltern nach der Andacht erkundigte, wurde sie sogleich darauf hingewiesen, dass sie eine Maske tragen müsse. Als sie erklärte, sie sei durch Attest von der Maskenpflicht befreit, entgegnete ein Veranstalter, „ja, ja, Sie sind von allem befreit“, und meinte damit offenbar ihren Verstand.

Ein evangelischer Pfarrer in Talar und Turnschuhen eröffnete die Andacht mit den Worten: „Luther sagte vielleicht: ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders.‘ Er tat das aus gutem Grund, weil er tat das, um sich gegen den Missbrauch des Evangeliums zu wenden, um sich gegen die Menschen zu wenden, die das Leben angreifen, und für die Menschen da zu sein. Und deswegen sind wir auch heute hier.“ Dass mit den Menschen, „die das Leben angreifen“, gerade die Corona-Maßnahmen-Kritiker gemeint sind, wurde im weiteren Verlauf der Andacht deutlich. Die Pfarrer beteten für die Menschen, „die nach einfachen Antworten suchen“. Gesungen wurde nicht, dafür aus der feministischen „Bibel in gerechter Sprache“ zitiert. Luther hätte in diesem Augenblick sicher gern woanders gestanden.

Zwischen den oppositionellen Christen und der Polizei entwickelte sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Auch die „Christen im Widerstand“ um Pastor Christian Stockmann waren in Worms und zogen durch die Stadt, mit Abstand von der Polizei verfolgt. Um 16 Uhr gelang es ihnen, vor dem Dom zu Worms doch noch eine Andacht abzuhalten – mit viel Musik und Gesang. Kurz nach dem Ende der Andacht marschierte die Polizei an den Dom und stellte sich vor den Bischofshof. Dort hatte Martin Luther genau 500 Jahre zuvor dem Kaiser gegenübergestanden und sich zu seinen Schriften bekannt. Insgesamt ging die Polizei deeskalierend vor, wahrscheinlich auch, weil Bilder von knüppelnden Polizisten vor dem Lutherdenkmal oder vor dem Dom verheerend gewesen wären. Die Polizei war ohne Helme unterwegs, statt eines Hubschraubers wurde eine Drohne eingesetzt. Hier sieht man sie etwas ratlos stehen, sie hätten sich sicher auch etwas Anderes, Schöneres vorstellen können.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Robert Kahlert ist Journalist und schreibt hier unter Pseudonym, weil er bei diesem Thema nicht namentlich genannt werden will. Was einiges über die Atmosphäre in unserer Gesellschaft und in unseren Medien aussagt.

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