Öffnungs-„Orgien“ in ganz Europa Steht Deutschland plötzlich ganz allein da?

Von Mario Martin

Die Corona-Zeit hat viele Wortschöpfungen hervorgebracht. Noch bevor Markus Söder so richtig aktiv werden konnte und einen Kracher nach dem anderen platzierte, hat es die ehemalige Bundeskanzlerin schon im April 2020 vorgemacht. “Öffnungsdiskussionsorgien” wurden damals von ihr kritisiert.

Zwar ist das Jahr noch nicht so weit fortgeschritten und die dubiosen Inzidenzen markieren laufend neue Rekordstände, aber die Lage hat sich im Hinblick auf unsere europäischen Nachbarn merklich geändert.

Stand im April 2020 Schweden allein auf weiter Flur, haben wir derzeit die Situation, dass eher Deutschland mit unzeitgemäßen Maßnahmen hinterherhinkt.

Gerade in den letzten Tagen überbieten sich unsere europäischen Nachbarn – und zwar nicht nur mit Öffnungsdiskussionsorgien, sondern mit waschechten Öffnungsorgien.

Startschuss aus Sachsen und Schleswig-Holstein

Besonders schwer tat man sich in Baden-Württemberg, wo zuerst bis Ostern keine Lockerungen angekündigt wurden. Nun aber doch: Winfried Kretschmann hat es sich plötzlich anders überlegt und spricht inzwischen von “verantwortlichen Öffnungsschritten bis Ostern”. Aus anderen Bundesländern vernehmen wir weitere zarte Töne.

Sachsen lockert ab dem 6. Februar bei Veranstaltungen, Schleswig-Holstein und Hessen schaffen 2G im Einzelhandel ab und Sachsen-Anhalt stellt Lockerungen im März in Aussicht.

Angesichts der Unwirksamkeit von Lockdowns und Maßnahmen ist das allerdings noch viel zu zaghaft.

Lockerungen in Nachbarländern

Aber werfen wir einen Blick ins europäische Ausland, um uns inspirieren zu lassen:

Dänemark

Dänemark hat als erstes Land der Europäischen Union alle nationalen COVID-19-Beschränkungen, einschließlich des Tragens von Gesichtsmasken, aufgehoben, berichtet die BBC. Nachtclubs haben wieder geöffnet, der Verkauf von Alkohol am späten Abend wurde wieder aufgenommen, und die dänische Corona-Warn-App ist für den Zutritt zu Veranstaltungsorten nicht mehr erforderlich.

Finnland

In Finnland sollen im Februar alle Corona-Regeln aufgehoben werden. Grenzkontrollen zu anderen EU-Ländern sind bereits am Dienstag beendet worden.

England

Die meisten Coronavirus-Beschränkungen, einschließlich der vorgeschriebenen Gesichtsmasken, wurden in England Ende Januar aufgehoben.

Norwegen

Die Beschränkungen für Gäste bei privaten Veranstaltungen, die Einschränkung des Alkoholausschanks in Bars und Restaurants und die Tests nach der Einreise an der Grenze wurden abgeschafft. Gesichtsmasken müssen weiterhin beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr getragen werden.

Schweden

Die schwedische Premierministerin Magdalena Andersson wird heute ankündigen, dass alle Beschränkungen gegen das Coronavirus aufgehoben werden, um dem Beispiel der Nachbarländer zu folgen. Das meldet die Zeitung »Expressen«.

Tschechien

Das Oberste Verwaltungsgericht der Tschechischen Republik erklärt Impfpässe für Restaurants, Clubs und Hotels für ungültig. Es setzt der Regierung eine Frist von einer Woche, um die Vorgabe umzusetzen.

Polen

Ein Gesetz, das Zwangstestungen von Beschäftigten am Arbeitsplatz vorsah, ist letzte Woche im Parlament gescheitert. Die Regelung wird nicht eingeführt. Homeschooling für Grund- und Mittelschulen, Kapazitätsgrenzen von 50 Prozent für Restaurants, Hotels, Theater etc. und Masken in öffentlichen Einrichtungen sind allerdings noch immer vorgeschrieben.

Österreich

Sogar im Impfpflicht-Land Österreich hat die Regierung inzwischen Lockerungen beschlossen. Ein Lockerungsplan für die Corona-Maßnahmen sieht vor, 2G in Tourismus und Gastgewerbe abzuschaffen. Die Lockerungen sollen stufenweise in Kraft treten.

Niederlande

Cafés, Bars und Restaurants dürfen seit letzter Woche bis 22:00 Uhr geöffnet sein. Auch ungeimpfte Menschen können durch einen negativen Test oder gültigen Genesenenstatus Zugang erhalten. Zudem wurden Quarantäneregeln für Reisende aufgehoben.

Schweiz

Der Bundesrat hebt unverzüglich Quarantäne und Home-Office-Pflicht auf. Dazu wird ab dem 17. Februar für Restaurants, Kinos und Theater kein Zertifikat mehr benötigt. Die NZZ schreibt: “Die Schweiz kehrt zurück zur Normalität, die Krise ist vorbei.”

Spanien

Einige spanische Provinzen lockern Corona-Schutzmaßnahmen. In Katalonien fällt die 3G-Regel für das Betreten vieler öffentlicher Innenräume und Begrenzungen sowie die Kapazitätsgrenzen für Besucher. Clubs und Discos dürfen in Katalonien ab dem 11. Februar wieder öffnen. In anderen Provinzen bleiben die Maßnahmen bestehen.

Digitale Zertifikate stehen im Mittelpunkt

Von den Zertifikaten haben sich damit folgende Länder wieder verabschiedet: Dänemark, England, Irland, Malta, Tschechien, Israel (6. Februar), Schweiz (17. Februar).

Noch keine Lockerungen

Italien

In Italien sind die Lockerungen hingegen ein Hohn. Dort werden z. B. gerade lediglich Quarantäneregeln für den bereits geimpften Teil der Bevölkerung gelockert. Premierminister und ex–EZB-Chef Draghi sagte: „In den kommenden Wochen werden wir diesen Weg der Wiedereröffnung fortsetzen. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse […] werden wir einen Zeitplan für die Aufhebung der derzeitigen Beschränkungen bekannt geben“, wurde Draghi von seinem Büro bei einer Kabinettssitzung zitiert.

Frankreich

Frankreich hat am Mittwoch damit begonnen, die Beschränkungen für das Tragen von Masken im Freien aufzuheben. Nachtclubs werden am 16. Februar wieder geöffnet. Hier sind aber noch keine Lockerungen der 2G-Maßnahmen in Sicht.

Belgien

Auch in Belgien gibt es keine nennenswerten Lockerungen. Zwar gab es in Belgien nie 2G, sondern nur ein Covid-Safe-Ticket für Veranstaltungen, allerdings sind viele Maßnahmen weiterhin in Kraft. Auch hier wird der Ruf nach Lockerungen lauter.

Fazit

Deutschland steht mit seinen Maßnahmen zwar noch nicht alleine dar, da sich andere Länder auch noch an das Corona-Pass-System und andere Beschränkungen klammern, allerdings wird es langsam einsamer.

Besonders die Länder, die sich von den digitalen Zertifikaten getrennt haben, geben aktuell den Takt vor und dürfen gern als Maßstab (und Urlaubsziel) herhalten. Dieses Vorgehen wäre auch bei uns wünschenswert und notwendig, so dass alles mit Corona-Pass-App und Luca-App Zusammenhängende schnell im Mülleimer der Geschichte verschwinden sollte.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Mario Martin ist Ökonom und arbeitet als Software-Projektmanager in Berlin.

Bild: Shutterstock
Text: mm

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