Pogrome gegen Syrer in der Türkei Mob zerschlägt in Ankara Geschäfte und Wohnungen von Syrern

Von Alexander Wallasch

In der Türkei kippte am Mittwochabend die Stimmung gegen im Land lebende Flüchtlinge und Migranten aus Syrien. Die Polizei nahm in Ankara 76 Menschen fest, die an Pogromen beteiligt gewesen sein sollen. Die meisten Übergriffe auf Syrer und ihre Geschäfte wurden im historischen Stadtteil Altındağ beobachtet. Hier blüht sonst das Kleingewerbe in der Hauptstadt.

Läden von Syrern sollen geplündert und Steine auf mutmaßliche Privatwohnungen der Zugewanderten geworfen worden sein. Auslöser für die Eskalation dieser sich schon seit Jahren zuspitzenden Anfeindung soll ein im Streit von einem Syrer erstochener Türke gewesen sein.

In der Türkei leben 3,6 Millionen Syrer. Hier ist eine Formulierung aus der deutschen Zeitung „Die Zeit“ von heute Morgen erwähnenswert, die schreibt, diese Millionen von Menschen würden im Land leben „aufgrund des EU-Türkei-Abkommens“. Das allerdings muss als eine Verdrehung der Tatsachen betrachtet werden. Denn hier wird geflissentlich ignoriert, dass es durchaus eine türkisch-syrische Grenze gibt, aber eben keine europäisch-syrische. Die Zeit spielt damit erstaunlich offen die Karte Erdogans, der die Syrer im Land schon seit Jahren als eine Art Faustpfand gegen die EU missbraucht. Die Zeitung ignoriert zudem die Auswirkungen der Militäroffensiven Erdogans in Nordsyrien samt Bodentruppen und verbündeter Milizen.

Erdogan hält seine schützende Hand über die Syrer in der Türkei. Demgegenüber haben sich insbesondere die türkischen Sozialdemokraten (138 der 600 Sitze in der Nationalversammlung) negativ gegenüber diesen Zuwanderern positioniert. Die CHP verspricht ihren Wählern sogar, sie würde, so sie an die Macht käme, alle Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer zurückschicken.

So eine Haltung müsste allerdings auch die Sozialdemokratische Partei Europas, den Zusammenschluss aller Sozialdemokraten auf dem Kontinent, auf den Plan rufen, denn die türkische CHP – eine 1923 vom türkischen Staatsgründer ins Leben gerufene Partei – ist assoziiertes Mitglied der europäischen Sozialdemokraten und zudem Vollmitglied der Sozialistischen Internationale.

Insbesondere in den sozialen Medien heizte sich die Stimmung gegen die Syrer im Land auf. Aber die Syrer sind nicht die einzige Gruppe, die für Unmut sorgt: Der Rückzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten inklusive Deutschland aus Afghanistan und der Vormarsch der Taliban haben viele hunderttausend Afghanen und ihre Familien in Bewegung gesetzt und viele Türken befürchten sicher nicht zu Unrecht, dass viele von ihnen zunächst in die Türkei gelangen wollen.

Jetzt verfügt auch die Türkei über ein nationales, prinzipiell intaktes Grenzregime. Wenn Erdogan in Europa den Eindruck erwecken will, sein Land stände dem Durchzug von Millionen Afghanen und Syrern nach Europa hilflos gegenüber, dann ist das falsch. Schon bei der Einreise können Schranken gesetzt werden, will man diese Menschen ernsthaft davon abhalten, einzureisen. Gut in Erinnerung sind noch die gecharterten Busse, mit denen Erdogan im vergangenen Jahr viele Migranten an die türkisch-griechische Grenze fuhr, um dort beim versuchten illegalen Grenzübertritt für Randale zu sorgen.

Schon vor fast genau zwei Jahren konnte man so etwas wie ein Ende der Willkommenskultur der Türken gegenüber ihren eingewanderten syrischen Nachbarn beobachten. So erließ das türkische Innenministerium vor zwei Jahren eine Verordnung, die wohl in jedem westeuropäischen Land und insbesondere in Deutschland mit seinen vielen Millionen Türken und Bürgern türkischer Herkunft undenkbar wäre: Ladenschilder sollten zu 75 Prozent in türkischer Sprache abgefasst und maximal 25 Prozent der Schilder fremdsprachig beschriftet sein.

In Istanbul wurde die Verordnung Mitte 2019 postwendend umgesetzt: Verwaltungsbeamte des Bezirks Esenyurt beispielsweise stellten Hebebühnen auf, demontierten Leuchtreklamen mit arabischen Schriftzeichen in den oberen Stockwerken und kratzten vielfach Aufschriften von Schaufenstern.

Viele deutsche Zeitungen wurden in dem Zusammenhang nicht müde, immer wieder erklärend darauf hinzuweisen, die Türkei hätte doch insgesamt mehr Migranten aufgenommen als alle anderen Länder Europas. Das mag bezogen auf einen engen Zeitraum der Fall sein, aber Länder wie Frankreich und Deutschland haben ebenfalls einen besonders hohen Anteil von Menschen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. In Deutschland waren es 2019 bereits über 26 Prozent, also 21,2 Millionen Menschen. Die größte Gruppe machen hier Menschen aus der Türkei aus oder solche mit türkischen Vorfahren.

Sogar zu Plünderungen soll es jetzt in Ankara bei den Ausschreitungen gekommen sein. Die Tagesschau zeigt dazu das Bild eines umgekippten Autos. Katrin Willinger aus dem ARD-Studio in Istanbul schreibt: „Es sind schreckliche Szenen, die sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in der türkischen Hauptstadt Ankara zutragen: Ein Mob aus mehreren hundert Menschen zieht durch den Bezirk Altindag und greift immer wieder Häuser und Geschäfte von Syrern an.“

Der Chef des türkischen Roten Halbmonds meldet per Twitter, ein syrisches Mädchen sei dabei am Kopf verletzt worden. Willinger zitiert den Vorsitzenden der Föderation Syrischer Vereine in Istanbul, der eine düstere Prognose abgibt, zu was diese Übergriffe in Zukunft führen könnten: „Solche Ereignisse erschüttern das Vertrauen der syrischen Bürger in der Türkei tief. Das führt dazu, dass viele Syrer, die eigentlich in der Türkei bleiben wollen, anfangen darüber nachzudenken, ob sie doch weiter nach Europa sollen oder gar ins zerstörte Syrien zurück.“

Bereits Anfang 2019 soll in der Türkei der Hashtag „Ich will keine Syrer mehr in meinem Land“ (übersetzt) via Twitter vielfach verbreitet gewesen sein. Geradezu unvorstellbar wäre es demgegenüber, wenn beispielsweise die Berliner Verwaltung auf Anweisung des Innenministeriums damit beginnen würde, mit dem Fensterscheibenkratzeisen türkische Buchstaben von Geschäften kratzen zu lassen, von den Dönerimbissen, den Goldankauf- oder den Gemüseläden und Reisebüros. Ganze Straßenzüge wären auf einmal verwaist. Straßen, in denen Deutsche längst in der Minderheit sind.

Nein, es gibt keine Rechtfertigung für die schlimmen Übergriffe in Ankara. Auch deutsche Zeitungen sollten sich davor hüten, hier das Narrativ einer überlasteten türkischen Gesellschaft zu malen – für solche menschenfeindlichen Übergriffe darf es nirgends auf der Welt eine Rechtfertigung geben. Selbstverständlich allerdings müssen auch Messerangriffe von Migranten gegen Einheimische geahndet werden. Ein Türke soll dabei in Ankara ums Leben gekommen sein. In Deutschland werden seit 2019 Messerangriffe gesondert statistisch erfasst. Allein im ersten Halbjahr 2019 hat die Polizei in Nordrhein-Westfalen 2.883 Straftaten mit einem Messer als Tatwaffe gezählt.

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Youtube/Screenshot
Text: wal
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