„Politik und Medienlandschaft zu einem großen Teil mitschuldig“ Wie als "Nazis" Diffamierte jetzt die Ukrainer als "Nazis" sehen

Zu dem Artikel „Die Ukraine – ein Nazi-Staat? Eine Antwort aus Kiewer Perspektive“ erreichte mich folgender Brief eines Lesers, der den Kanal „Popcorn News“ auf Twitter sowie auf Telegram betreibt. Er setzt sich dort seit langem sehr kritisch mit der Corona-Politik auseinander. In seinem Brief analysiert er die Spaltung der Corona-Maßnahmen-Kritiker beim Thema Ukraine-Krieg. Ich finde die Gedanken so interessant, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten will. Insbesondere auch deshalb, weil in den Kommentaren in den sozialen Netzwerken und auf meiner Seite ganz offensichtlich aggressive Kreml-Verteidiger besonders aktiv sind, fast wie auf Knopfdruck zu jeder Uhrzeit – aber den direkten Zuschriften und den anderen verfügbaren Zahlen nach zu urteilen eine breite Mehrheit der Leser klar trennt zwischen Corona und Ukraine und Putin kritisch sieht. Dazu kommen viele, die einfach offen sind für Meinungen, die nicht immer mit der eigenen übereinstimmen (was ja auch kritischen Journalismus ausmacht). Voilá:

Lieber Boris Reitschuster,

vielen Dank für den Gastbeitrag von Iryna Fedoriw. Als Kenner der Ukraine kann ich dem nur zu 100 Prozent zustimmen. Ich bin seit 20 Jahren familiär mit der Ukraine verbandelt und war auch schon 2014 auf dem Maidan. Die teilweise absurden „ukrainische Nazi Regierung“-Vorwürfe, die oftmals durch „kritische Pandemie-Denker“ aus russischen Propaganda-Medien adaptiert werden, haben für mich vorrangig zwei Gründe:

1. Viele haben es noch nicht verstanden, dass wenn das Thema auf der Weltbühne wechselt (Pandemie zu Ukrainekrieg), man als erstes seine Quellen hinterfragen muss, woher man seine Informationen bezieht. Das bedeutet eben nicht, seine Informationen aus westlichen MS Medien zu beziehen, sondern bei seriösen #OSINT (Open Source Intelligence – Informationen aus frei verfügbaren, offenen Quellen, Anmerkung BR). Durchaus kritische Beiträge der letzten zwei Jahre von russischen Staatsmedien wie RT oder Sputnik in der Pandemie, werden jetzt zur Falle bei einem Angriffskrieg, an dem Russland beteiligt ist. Weiterhin fehlt die Kenntnis darüber, dass viele kritische Journalisten genau diese Medien jetzt verlassen haben und dass nur die absolut Kreml-Treuen übrig geblieben sind.

2. Auch die sozio-psychologische Situation spielt eine große Rolle, und daran ist die deutsche Politik und Medienlandschaft zu einem großen Teil mitschuldig. Es ist bezeichnend, dass Menschen, die sich als Pandemie-Maßnahmen-Kritiker hervorgetan haben und über zwei Jahre als „Rechte“ bzw, „Nazis“ bezeichnet wurden, jetzt oftmals genau diejenigen sind, die das jetzt mangels Kenntnis über die Ukraine bei Anderen tun. Psychologisch gesehen versucht man also diese Stigmatisierung jetzt loszuwerden und auf Andere zu übertragen.

Es ist einschlägig bekannt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit misshandelt wurden, genau das oftmals als Erwachsene auch ihren eignen Kindern antun. Genau das passiert hier im übertragenen Sinne. Ein Opfer fängt an, auf noch schwächere Opfer loszugehen, um das eigene Erlittene zu kompensieren.

Die Täter sitzen aber nicht in der Ukraine, sondern in der Politik. Wer glaubt, dass was unsere Bundesregierung und Medienlandschaft über zwei Jahre mit den Menschen betrieben haben, nicht auch von Putin (einem ehemaligen FSB-Chef) und dem Kreml beherrscht wird, sollte genau darüber nachdenken, denn diese Methoden wurden genau dort über Jahrzehnte entwickelt und perfektioniert.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch folgenden Fachartikel abseits von westlicher und russischer Propaganda von Aris Roussinos empfehlen: The truth about Ukraine’s far-Right militias.

Anmerkung von Boris Reitschuster: Ich habe zu dem empfohlenen Artikel einen eigenen Beitrag gemacht – Sie finden ihn hier.

PS: Eine meiner Korrektorinnen schickte mir zu diesem Leserbrief folgenden Kommentar, den ich hier wiedergeben möchte:

Die (küchenpsychologische) Annahme, dass wer zwei Jahre als Corona-Kritiker als Nazi beschimpft wurde, jetzt gerne mal andere als Nazis beschimpfen will, ist mir zu platt. Und beleidigt auch viele Maßnahmenkritiker in ihrem Intellekt. In meinem großen coronakritischen Freundeskreis sehe ich eher das Bestreben, auf keinen Fall dieselbe Meinung zu vertreten wie die (wegen der Corona-Maßnahmen insgesamt verhasste) Bundespolitik. Also der Ukraine-Helden-Jubelstimmung ein „Moment mal, da sind auch Nazis dabei“ entgegenzusetzen.
Und es gibt auch die verbreitete Ansicht, dass die Ukraine gar kein wirklich souveräner Staat ist, sondern eine Art Filiale der USA, die dort bestimmen, wo es langgeht. Siehe Äußerungen von US-Politikern über die Ukraine, Berichte über Biolabore etc. Die „Helden“ der Mainstreampresse Selensky, Klitschko und Co werden von diesen coronakritischen Menschen (die mittlerweile allen offiziellen Verlautbarungen misstrauen) als Marionetten der USA gesehen. So erlebe ich es in meinem Umfeld. Eine kleinliche Rache, jetzt nenne ich mal andere Nazis, finde ich zu billig. Dafür lesen die meisten viel zu viel.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Giovanni Cancemi/Shutterstock
Text: red

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