Terror in Paris: Tabu Gewaltimport Attentäter stammte aus krisengeschütteltem Tschetschenien

In meiner Zeit als Moskau-Korrespondent war ich mehrmals in Tschetschenien. Ich erlebte dort im Jahr 2000 ein durch den Bürgerkrieg völlig verwüstetes Land. Mit Menschen, die zum Teil stark traumatisiert waren. Ich brauchte selbst sehr, sehr lange, um die Szenen, die ich in der Hauptstadt Grozny erlebt habe, zu verarbeiten. Eine Stadt, fast buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht. Nur Trümmer überall. Verzweifelte Menschen, denen der Krieg alles genommen hatte. Die von Schicksalen erzählten, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Davon, wie sie vor ihren Augen ihre Liebsten verloren haben. Schon den Hubschauer-Anflug auf die Hauptstadt mit einer russischen Militärmaschine werde ich nie vergessen. Der Pilot flog extrem niedrig. Aus Angst vor Boden-Luft-Raketen.

Im russischen Heerlager Chankala, 19 Kilometer von der Hauptstadt Chankala, wurden bei unserer Ankunft Verwundete in einen Rettungshubschrauber verladen. Menschen in einem Zustand, den ich mich nicht einmal zu beschreiben traue. Der mich auch jetzt noch, wenn ich nur daran zurück denke, ins Gruseln versetzt. Abends warnte uns der Presseoffizier, wir sollten beim Austreten vorsichtig sein und uns keinesfalls mehr als ein paar Meter von den ausrangierten Bahnwagen, in denen wir schliefen, entfernen: „Da wo der Wald los geht, sind Tretminen.“ Immer wieder in der Nacht flammte Artilleriefeuer auf. Bei der Fahrt in die Stadt wurden wir vorne und hinten von einem Panzer begleitet, auf dem mehrere Militärs mit der Kalaschnikow im Anschlag saßen.

Warum ich all das erzähle? Weil ich gerade gelesen habe, das der mutmaßliche Attentäter von Paris ein Tschetschene war. Er soll einen Mann attackiert und enthauptet haben. Auf offener Straße, unweit von einer Schule. Präsident Emmanuel Macron sprach von einem islamistischen Anschlag. Der 18-Jährige soll „Allahu Akbar“ gerufen haben. Medienberichten zufolge griff er auch die eintreffende Polizei an. Die Beamten schossen auf ihn. Er erlag seinen Verletzungen.

Das Opfer des Anschlags war offenbar ein Geschichtslehrer. Er soll seinen Schülern im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt haben. Zur Veranschaulichung des Themas Meinungsfreiheit. Er hatte Medienberichten zufolge vorher ausdrücklich seine Schüler auf eine mögliche Verletzung von Gefühlen aufmerksam gemacht und Ihnen angeboten, für diese Stunde die Klasse zu verlassen.

Der Präsident der Nationalversammlung, Richard Ferrand, schrieb auf Twitter. „Die Ermordung eines Geschichtslehrers ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Werte der Republik. Einen Lehrer anzugreifen bedeutet, alle französischen Bürger und die Freiheit anzugreifen“.

Meine Gedanken sind bei dem Opfer. Bei seiner Familie. Bei den Augenzeugen. Die sicher noch lange mit dem Trauma leben müssen. Ebenso wie die Schüler, die den Lehrer kannten. Und ich musste auch gleich an Tschetschenien denken. An die Menschen dort. An das, was sie durchgemacht haben. Die Stadt Grozny wurde zwar wieder aufgebaut. Doch die Wunden bleiben. Teilweise werden sie sogar innerhalb der Familien an die nächste Generation weiter gegeben.

Ich habe dramatische Erfahrungen mit Menschen gemacht, die vom Krieg traumatisiert waren. Die nicht mehr zurecht kamen. Ihre Emotionen nicht mehr in den Griff bekamen. Und gewalttätig wurden. Oder blieben?

Bei uns ist es ein Tabu, auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Und auf die Gefahren durch eine Einwanderung aus Krisen- und Kriegsgebieten. Wer darauf hinweist, wird schnell diffamiert, oder gar in eine rechtsradikale Ecke gesteckt.

Ich finde: Diese Tabuisierung ist verantwortungslos. Auch denjenigen gegenüber, die aus diesen Gebieten kommen und dramatische Erfahrungen gemacht haben. Viele von ihnen bedürften psychologischer Hilfe. Damit sie diese bekommen, muss offen über die Probleme gesprochen werden. Und erkannt werden, dass Gewalt-Import ein reales Problem ist, und kein Hirngespenst von „Hetzern“. Anschläge wie der von Frankreich dürfen nicht, wie in ARD und ZDF geschehen, im Kleingedruckten abgehandelt werden.

So falsch es wäre, als Auslöser des Phänomens die Kultur oder die Religion im Herkunftsland zu sehen: Es wäre auch absurd, diese völlig loszulösen davon. Selbst durch Krieg und Krisen traumatisierte Niederländer oder Schweden wären, in großer Einzahl eingewandert, sicher eine Herausforderung. Andererseits  ist aber nicht bekannt, dass es etwa nach dem Zweiten Weltkrieg zu vermehrten Terroranschlägen durch traumatisierte Heimkehrer kam oder diese anderen Menschen wegen anderer Meinung den Kopf abschlugen. So schwer es vielen fallen mag, sich das einzugestehen: Ein besonderer Risikofaktor ist es offenbar, wenn zur Traumatisierung noch eine Sozialisierung ohne Gewalttabu und ein Glaube hinzukommt, der keine Aufklärung durchlaufen hat. Wer diese Probleme verschweigt, wer sie tabuisiert, der behindert damit eine Benennung und somit auch eine Lösung der Probleme. Und macht sich mitverantwortlich. Ja zum Mittäter durch Wegsehen und Unterlassen.


Bild: Vladimir Melnik/Shutterstock, Mikhail Evstafiev/Wikicommons/CC BY-SA 4.0
Text: br


 

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