„Verrohung der Gesellschaft hat unerträgliches Maß erreicht“ Ein Feuerwehrmann klagt an

Von reitschuster.de

Unfall am Schkeuditzer Kreuz auf der A9 mit verletzten Personen. So oder ähnlich dürfte der Notruf geklungen haben, mit dem Wolfgang Wenzel und seine Kollegen zu einem Einsatz unweit des Flughafen Halle/Leipzig gerufen worden sind. Der 68-jährige aus Wiedemar (Sachsen) ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft und schon seit 50 Jahren dabei. Das Schkeuditzer Kreuz kennt der Gemeindewehrleiter wie seine Westentasche, Notrufe von der Autobahn sind für die Floriansjünger keine Seltenheit und deshalb eigentlich auch nichts Besonderes. Eigentlich!

Denn der jüngste Einsatz hat Spuren hinterlassen bei Wolfgang Wenzel. Der Unfall selbst ging dabei glücklicherweise glimpflich aus. Ein Transporter war umgekippt, auf der rechten Fahrspur liegengeblieben und hatte diese blockiert. Die Folge war ein kilometerlanger Stau. Und damit begann das, was Wenzel gegenüber der „Bild“ als bisher nicht gekannte Verrohung der Gesellschaft bezeichnet. Anfeindungen seien er und seine Kollegen bei ihren Einsätzen inzwischen gewohnt, was sich aber vor wenigen Tagen auf der A9 abgespielt hat, sei jedoch „ein neues Ausmaß“, so Wenzel. Er müsse sich inzwischen fragen, warum er sich das überhaupt noch antut, und wundert sich nicht mehr, dass immer weniger junge Menschen bereit sind, zur freiwilligen Feuerwehr zu gehen. Die Beobachtungen des Feuerwehrmanns sind beileibe kein Einzelfall. Auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens befindet sich das Ehrenamt auf einem deutlich spürbaren Rückzug.

Kilometerlanger Fußmarsch und übelste Beleidigungen

Doch was hat den altgedienten Floriansjünger derart aus der Fassung gebracht? Bei der Anfahrt zur Unfallstelle sind insgesamt sechs Einsatzfahrzeuge im besagten Stau steckengeblieben. Ausnahmsweise handelte es sich in diesem Fall um einen „natürlichen“ Stau – also keinen von Klima-Chaoten mutwillig verursachten – da eine Fahrspur durch den verunfallten Transporter blockiert wurde. Da keine Rettungsgasse gebildet worden war, ging es für Wenzel und seine Kollegen ab einem bestimmten Punkt weder vor noch zurück. Zu diesem Zeitpunkt fehlten dem Einsatzleiter aber wichtige Informationen, um sich ein Gesamtbild der Lage verschaffen zu können. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als den Rettungseinsatz zu Fuß fortzusetzen. „Ich habe mir ein Funkgerät geschnappt und bin mit drei Kameraden sowie einer Rettungsassistentin zur Unfallstelle vorgelaufen“, schildert Wenzel.

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Was sich während der folgenden 30 Minuten auf dem drei Kilometer langen Fußmarsch abgespielt hat, ist unfassbar. Sei es ihm zu Beginn noch gelungen, die Auto- und Lkw-Fahrer zu der Bildung einer Rettungsgasse zu ermuntern, war daran schon nach kurzer Zeit nicht mehr zu denken. Wenzel beschreibt die Situation so: „Da war kein Manövrieren mehr möglich. Die Fahrzeuge standen mitunter so dicht in der Mitte beider Fahrspuren neben- und hintereinander, dass gerade mal ein Mensch durchgepasst hätte.“

Doch damit noch nicht genug. Bei einigen Verkehrsteilnehmern lagen die Nerven offenbar vollkommen blank. Die eindringlichen Bitten zur Kooperation und der Bildung einer Rettungsgasse wurden mit Beleidigungen wie „Arschloch“ oder „Wichser“ quittiert. Er habe zwar Verständnis dafür, wenn Leute „schnell ans Ziel“ wollen und genervt sind, wenn sie dabei durch einen Stau aufgehalten werden, so Wenzel. Es gelte aber auch zu bedenken, dass es bei den Einsätzen der Rettungskräfte „im Zweifel um Menschenleben“ gehen kann. Ganz so dramatisch war es bei diesem Unfall am Schkeuditzer Kreuz zum Glück nicht. Der Fahrer sei dabei zwar verletzt worden, konnte aber „noch rechtzeitig“ in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert werden, wie es in dem Bericht heißt.

Dennoch müssen die Schilderungen des seit Jahrzehnten im freiwilligen Dienst stehenden Floriansjüngers zu denken geben. Wie kann es sein, dass Feuerwehrleute und Rettungssanitäter immer öfter zum Blitzableiter des Volkszorns und zur Zielscheibe von massiven Beleidigungen werden?

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

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Bild: Shuttserstock

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