Warum wollen viele Sicherheit statt Freiheit? Psychologische Dynamiken staatlicher Bevormundung

Ein Gastbeitrag von Bodo Neumann

Das Jahr 2025 hat Deutschland nicht in eine neue politische Phase geführt, sondern eine bereits länger erkennbare Entwicklung weiter verdichtet: die Transformation des Staates von einem liberalen System im klassischen Sinne hin zu einem Gesinnungs- und Bevormundungsstaat. Dabei geht es weniger um offene Repression als um eine subtile, systematische Neudefinition dessen, was als „legitime“ Haltung, Lebensführung und öffentliche Meinung gilt.

Deutschland steht 2026 nicht am Rand einer Diktatur, aber auch nicht mehr im Raum liberaler Demokratie. Es ist ein Staat, der seinen Bürgern zunehmend sagt, wie sie frei zu sein haben. Gerade darin liegt seine eigentliche Herausforderung: Nicht im offenen Zwang, sondern in der moralisch legitimierten Fürsorge, die politische Mündigkeit durch normative Anleitung ersetzt.

Die Politik der letzten zwanzig Jahre hat unser Land in Richtung Gesinnungs- und Bevormundungsstaat beschleunigt. Die „Corona- Pandemie“ setzte dem Ganzen die „repressive Krone“ auf, die sich unter der Klammer „Unsere Demokratie“ mit folgenden gesinnungsideologischen Themen, kurz skizziert, manifestiert hat:

Gendergerechte Sprache („Gendern“), Diversity- & Gleichstellungspolitik, Quotenregelungen, LGBTQ+-Rechte und –Anerkennung, Antidiskriminierungs- und Hate-Speech-Gesetze, Progressive Bildungs- und Gesellschaftspolitik, NGOs, „Brandmauer“, Identitätsbasierte Politik sowie Migrations- und Klimapolitik mit gesellschaftlichem Umbau.

Diese Politik ist bevormundend, identitätspolitisch und einschränkend für die Meinungsfreiheit. Kritiker sprechen hier von einem Gesinnungs- und Bevormundungsstaat, weil politische Loyalität belohnt und abweichende Meinungen benachteiligt werden.

Die folgenden psychologischen Einsichten zu gesinnungsstaatlichen Normsetzungen sollen zeigen, warum Menschen häufig in solchen Systemen Freiheit gegen Sicherheit eintauschen und wo die „Reise“ weiter hingehen könnte, wenn diese illiberale Entwicklung sich weiter fortsetzt.

Maslow und Fromm als psychologischer Schlüssel zum Verständnis autoritärer Herrschaftsformen

Ein Gesinnungs- und Bevormundungsstaat überwacht und kontrolliert somit nicht nur das Handeln seiner Bürger, sondern versucht auch, ihr Denken und ihre Lebensweise zu kontrollieren. Er zwingt Menschen, bestimmten Ideologien zu folgen und regelt selbst kleinste persönliche Entscheidungen, oft mit Strafen oder sozialer Ächtung bei Abweichung. Freiheit und Selbstbestimmung der Bürger werden stark eingeschränkt.

Solche Systeme beruhen nicht allein auf Gewalt, Zensur und Repression. Ihre erstaunliche Stabilität speist sich aus tieferen psychologischen Mechanismen, die das Verhältnis des Individuums zu Sicherheit, Angst und Freiheit betreffen. Zwei der einflussreichsten psychologischen Denker des 20. Jahrhunderts – Abraham Maslow und Erich Fromm – liefern, obwohl aus unterschiedlichen theoretischen Traditionen kommend, komplementäre Einsichten in diese Mechanismen. Zusammengenommen zeigen sie, dass Illiberale Demokratie nicht nur ein politisches System ist, sondern eine psychologisch funktionale Ordnung, die menschliche Bedürfnisse systematisch umlenkt.

Maslows Bedürfnishierarchie: Ein kurzer theoretischer Rahmen

Abraham Maslow postulierte ein Modell menschlicher Motivation, das Bedürfnisse hierarchisch ordnet:

  1. Physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf, körperliche Unversehrtheit)
  2. Sicherheitsbedürfnisse (Stabilität, Schutz, Ordnung, Vorhersagbarkeit)
  3. Soziale Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Anerkennung, Gemeinschaft)
  4. Ich-Bedürfnisse (Status, Selbstachtung, Kompetenz)
  5. Selbstverwirklichung (Autonomie, Kreativität, Sinn, moralische Integrität)

Zentral ist Maslows Annahme, dass chronisch unbefriedigte Grundbedürfnisse die psychische Energie binden, sodass höhere Bedürfnisse subjektiv an Bedeutung verlieren oder gar nicht erst bewusst artikuliert werden.

Angst als Instrument: Die künstliche Reaktivierung von Sicherheitsbedürfnissen

Illiberale Staaten zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie permanente oder latente Bedrohungsszenarien erzeugen: äußere Feinde, innere Verräter, wirtschaftliche Instabilität oder soziale Chaosnarrative. Psychologisch bewirkt dies eine Regression auf die zweite Stufe der Bedürfnishierarchie – das Sicherheitsbedürfnis.

Unter Angstbedingungen verengt sich die Aufmerksamkeit auf unmittelbare Gefahrenabwehr, steigt die Bereitschaft, Freiheit gegen Sicherheit einzutauschen, sinkt die kognitive und emotionale Kapazität für abstrakte politische Ideale.

Politische Mitbestimmung wird in diesem Zustand nicht aktiv unterdrückt, sondern innerlich entwertet: Sie erscheint riskant, zweitrangig oder sogar verantwortungslos.

Die Sicherung der Grundbedürfnisse als Herrschaftsstrategie

Paradoxerweise stabilisieren Illiberale Staaten ihre Macht nicht nur durch Angst, sondern auch durch selektive Bedürfnisbefriedigung. Wenn Nahrung, Arbeit, Wohnraum oder minimale soziale Ordnung gewährleistet werden, entsteht ein psychologischer Effekt relativer Zufriedenheit, insbesondere im Vergleich zu propagierten Alternativszenarien des Chaos.

Aus Maslows Perspektive bedeutet dies: Die Bevölkerung verbleibt dauerhaft auf den unteren Ebenen der Bedürfnishierarchie. Die Erfüllung basaler Bedürfnisse wird als politische Leistung interpretiert, nicht als Selbstverständlichkeit. Loyalität entsteht nicht aus Überzeugung, sondern aus existentieller Dankbarkeit.

Der Staat wird dabei zum zentralen Bedürfnisverwalter, wodurch individuelle Autonomie weiter erodiert.

Blockierte höhere Bedürfnisse: Entpolitisierung durch Psychodynamik

Demokratische Teilhabe, Meinungsfreiheit und Selbstverwirklichung setzen psychologische Voraussetzungen voraus: ein Mindestmaß an Sicherheit, Zukunftsvertrauen und Selbstwirksamkeit. In illiberalen Systemen sind diese Voraussetzungen strukturell unterminiert.

Die Folge ist eine psychologische Entpolitisierung: Politische Passivität wird als Anpassung rationalisiert. Moralische Dissonanzen werden verdrängt, um innere Stabilität zu wahren. Selbstverwirklichung wird in private, unpolitische Bereiche umgelenkt (Familie, Konsum, Religion).

Widerstand erscheint nicht nur gefährlich, sondern auch sinnlos, ein klassisches Beispiel erlernter Ohnmacht.

Erweiterungen und Grenzen des Maslow-Modells

So aufschlussreich Maslows Theorie ist, sie besitzt auch Begrenzungen. Historisch gab es immer wieder Menschen, die trotz existentieller Unsicherheit für Freiheit und Würde eintraten. Dies deutet darauf hin, dass Bedürfnisse nicht strikt linear organisiert sind, kulturelle, moralische und ideologische Faktoren eigenständige Motivationsquellen darstellen, Sinn- und Werteorientierung unter Umständen selbst Grundbedürfnischarakter annehmen können.

Moderne psychologische Forschung (z. B. Selbstbestimmungstheorie) ergänzt Maslow daher um die Annahme, dass Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit fundamentaler sind, als sein ursprüngliches Modell nahelegt.

Die Flucht vor der Freiheit

Hier setzt die Theorie von Erich Fromm an, dessen Analyse über Maslows Modell hinausgeht. In „Die Furcht vor der Freiheit“ argumentiert Fromm, dass Freiheit selbst eine psychische Belastung darstellt. Moderne Freiheit bedeutet nicht nur Befreiung von äußerem Zwang, sondern auch die Zumutung von Verantwortung, Entscheidung und Selbstdefinition.

Aus Fromms Perspektive erklärt sich die Stabilität Illiberaler Systeme nicht allein durch unterdrückte Bedürfnisse, sondern durch eine aktive, wenn auch meist unbewusste Fluchtbewegung: Menschen entziehen sich der Last der Freiheit, indem sie sich autoritären Strukturen unterwerfen. Diese bieten nicht nur Sicherheit, sondern auch Identität, Sinn und moralische Entlastung. Gehorsam wird zur psychischen Erleichterung.

Während Maslow beschreibt, warum höhere Bedürfnisse nicht aktiviert werden, erklärt Fromm, warum sie manchmal gar nicht aktiviert werden wollen. Freiheit kollidiert mit der Angst vor Isolation, Bedeutungslosigkeit und persönlichem Scheitern. Die illiberale Demokratie verspricht Erlösung von dieser Angst, um den Preis der Autonomie.

Autoritäre Bedürfnisökonomie

Im Zusammenspiel von Maslow und Fromm lässt sich Illiberale Demokratie als eine Art autoritäre Bedürfnisökonomie begreifen. Der Staat übernimmt die Rolle eines übergeordneten Subjekts, das Sicherheit garantiert, Sinn stiftet und Verantwortung absorbiert. Das Individuum wird psychologisch entlastet, aber zugleich infantilisiert.

Höhere Bedürfnisse – Selbstachtung, moralische Integrität, politische Teilhabe – werden nicht brutal ausgelöscht, sondern subtil umdefiniert. Selbstwert speist sich aus Loyalität, Zugehörigkeit aus Konformität, Sinn aus der Identifikation mit der Macht. Was wie Stabilität aussieht, ist in Wahrheit eine systematische Umlenkung menschlicher Motivationen.

Fromm würde hierin eine Form des „autoritären Charakters“ erkennen: eine Persönlichkeit, die Sicherheit durch Unterwerfung sucht und Unsicherheit mit Aggression gegen Abweichler kompensiert. Maslow würde ergänzen, dass dieser Charakter in einer Umgebung gedeiht, die chronisch Unsicherheit produziert und gleichzeitig ihre partielle Aufhebung monopolisiert.

Freiheit als psychologische Ausnahmeleistung

Beide Theorien führen zu einer unbequemen Schlussfolgerung: Politische Freiheit ist kein natürlicher Dauerzustand. Sie ist psychologisch anspruchsvoll und historisch fragil. Sie setzt nicht nur Institutionen voraus, sondern innere Voraussetzungen: Sicherheit ohne Bevormundung, Sinn ohne Autorität, Identität ohne Feindbilder.

Illiberale Systeme überleben nicht nur, weil sie Menschen etwas nehmen, sondern weil sie ihnen etwas abnehmen: die Last, frei zu sein. In Maslows Sprache: Sie verhindern, dass Menschen stabil genug werden, um höhere Bedürfnisse dauerhaft zu verfolgen. In Fromms Sprache: Sie bieten eine organisierte Flucht vor der existenziellen Einsamkeit der Freiheit.

Im Licht der Maslowschen Bedürfnishierarchie erscheinen illiberale Demokratien weniger als rein repressive Systeme, sondern als psychologisch hochgradig adaptive Machtordnungen. Sie erzeugen Angst, um Sicherheitsbedürfnisse zu aktivieren und befriedigen diese selektiv, um Loyalität zu stabilisieren. Dadurch bleiben höhere Bedürfnisse – insbesondere politische Selbstbestimmung – psychologisch nachrangig oder werden gar nicht mehr als realistische Optionen wahrgenommen.

Die Analyse zeigt: Politische Freiheit ist nicht nur eine institutionelle, sondern auch eine psychologische Errungenschaft. Sie setzt Bedingungen voraus, unter denen Menschen den inneren Raum haben, Freiheit überhaupt zu wollen.

Im Licht von Maslow und Fromm erscheint Widerstand gegen autoritäre Herrschaft nicht nur als politischer Akt, sondern als psychologische Reifungsleistung. Er verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und Bedürfnisse nicht delegieren zu lassen.

Die eigentliche Bedrohung für illiberale Demokratien ist daher weniger der Hunger oder die Armut – beides lässt sich verwalten –, sondern der Mensch, der sich psychisch erlaubt, mehr zu wollen als vermeintliche Sicherheit: Würde, Selbstbestimmung und Sinn aus eigener Verantwortung für innere und äußere Freiheit.

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Bodo Neumann ist promovierter Diplompsychologe. Er verfügt über langjährige Beratungs- und Forschungserfahrungen, die er einsetzt für Menschen in Veränderungssituationen, die ihre Signatur-Stärken entfalten wollen und somit lernen, ihre Erfolgspotentiale zu erkennen und zu entwickeln. Sein neuestes Buch Charachtertest Corona finden Sie hier.

Bild: KI

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