Wie die evangelische Kirche Querdenker in die Sekten-Ecke rückt »Wir raten Angehörigen, mit ›Querdenkern‹ nicht zu diskutieren«

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

Angesichts einer Querdenker-Demonstration zeigte sich der Propst der evangelischen Thomaskirche in Leipzig zufrieden, dass die Innenstadtkirchen mit einer gemeinsamen Aktion Flagge gezeigt hätten, so katholisch.de, das Internetportal der römisch-katholischen Kirche in Deutschland, am 8. November 2020. Das gemeinsame Flaggezeigen bestand unter anderem aus einem Transparent mit der Aufschrift: »WIR DENKEN ANDERS! Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.«

Post vom 7. November 2020 auf der Facebook-Seite der evangelischen Thomaskirche in Leipzig (Screenshot / www.facebook.com/Thomaskirche.Leipzig)

Nun ist der erste Teil der Aufschrift völlig legitim in einer Demokratie. Der zweite Teil beinhaltet dagegen den indirekten Vorwurf, dass die Querdenker ihren »Nächsten« nicht liebten, womit sie gegen das zweitwichtigste Gebot laut Jesus Christus verstoßen würden (Markus 12,29 ff).

Ein »großer Mist und für die Leipziger eine bittere Erfahrung«

Das wiegt schwer und es ist ein Urteil über eine ganze Bewegung, die sich wahrscheinlich zu großen Teilen auflösen würde, wenn man die Pandemie in Deutschland ähnlich wie in Schweden bekämpfen würde, wo übrigens – anders als in Deutschland – Kritiker der Regierungspolitik öffentlich und medial zu Wort kommen. Aber offenbar dachten der Leipziger Probst und seine Mitstreiter in den anderen Innenstadtkirchen, dass Schweden noch von heidnischen Wikingern besiedelt sei. Ein Land irgendwo jenseits der Ostsee, in dem ein Ober-Schamane Namens Anders Tegnell seinen Stamm mit falschem Rat der Gefahr aussetzt, vor der Zeit nach Walhalla abzureisen.

Dabei sieht die Realität anders aus, wenn man etwa Deutschland und Schweden in der Pandemie seit Oktober 2020 vergleicht. Denn die COVID-Toten, die sich in Walhalla inzwischen mit Met, serviert von den Walküren, besaufen, sind pro eine Millionen Einwohner ungefähr so viele wie im christlichen Deutschland.

Deutschland (rot), Schweden (blau) und die täglich neu berichteten COVID-19-Toten auf 1 Millionen Einwohner im fortlaufenden 7-Tage-Durchschnitt (Screenshot Our World in Data)

Obwohl den Kirchen, ihren Amts- und Würdenträgern dies eigentlich bewusst sein dürfte, äußern sie sich zunehmend streng über die Querdenker-Bewegung. Der Leipziger Propst nannte die Demonstration einen »großen Mist und für die Leipziger eine bittere Erfahrung«. »Insbesondere die bewusst angestrebte Imitation der Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 – der Marsch um den Leipziger Ring mit Kerzen in der Hand und dem Ruf ›Schließt Euch an!‹ – sei ›richtig übel‹ gewesen und ihm durch Mark und Bein gegangen«, heißt es weiter auf katholisch.de.

Als sich die Querdenker wenige Tage später anschickten, die zunehmenden Verbote ihrer Demonstrationen mit Lichterumzügen zu Sankt Martin zu unterlaufen, reklamierten die Kirchen eilig ihr Copyright.

Sankt Martin steht für Nächstenliebe, »nicht für die mutwillige Gefährdung anderer«

Insbesondere der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst verurteilte die Urheberrechtsverletzung, denn »der heilige Martin stehe für Nächstenliebe und nicht für die mutwillige Gefährdung anderer«. Weiter heißt es auf katholische.de: »In der vergangenen Woche hatten die Bistümer Essen und Münster bereits davor gewarnt, dass die Initiative ›Querdenken‹ Anfang der Woche Schüler auf dem Schulweg gezielt ansprechen und zum Widerstand gegen das Tragen einer Maske auffordern wolle.«

Anfang Februar 2021 planten Querdenker dann einen »politischen Gottesdienst für alle Opfer der Corona-Politik« im badischen Karlsruhe. Was der katholische und der evangelische Stadtdekan in einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit den »Vertretern der christlichen Freikirchen« verurteilten: Die Initiatoren von Querdenken leiten »die Menschen vorsätzlich und auf inakzeptable Weise in die Irre«, um »die Pandemie zu bagatellisieren und das Leid der Menschen für politische Zwecke zu instrumentalisieren«.

Gemein gemacht mit »Neonazis, Fremdenfeinden und Antisemiten«

In ihrer konsequenten Haltung ignorieren die Kirchen nicht nur das heutige Schweden, sondern auch den Umstand, dass über die Anti-Corona-Maßnahmen in Deutschland nie eine offene Diskussion stattgefunden hat. Man hatte den Querdenkern, die auf ihren Demonstrationen oft und auch bewusst die Abstände nicht einhielten und die Masken nicht trugen, vielmehr ohne jegliche Prüfung sofort unterstellt, sie würden bewusst Menschenleben gefährden.

Danach hatten sie dann noch versucht, den Reichstag zu stürmen, und Bundespräsident Steinmeier hatte dazu erklärt, dass sein »Verständnis« dort endet, »wo Demonstranten sich vor den Karren von Demokratiefeinden und politischen Hetzern spannen lassen. Wer auf den Straßen den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht, aber auch, wer nur gleichgültig neben Neonazis, Fremdenfeinden und Antisemiten herläuft, wer sich nicht eindeutig und aktiv abgrenzt, macht sich mit ihnen gemein«.

»Jetzt kann abgehört werden«

Retrospektiv ist daran auffällig, dass es dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) über Monate nicht gelang, der vom Bundespräsidenten vorgegeben Linie zu folgen. Man bekam die Querdenker beim besten Willen nicht in Steinmeiers Schublade – »Neonazis, Fremdenfeinde und Antisemiten« – hinein. Also musste eine neue her. Fast acht Monate dauerten die juristischen Tischlerarbeiten, dann war die Kiste fertig und auf ihrem Schildchen vorne stand drauf: »Phänomenbereich ›Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates‹«.

Das komplexe Gebilde brachte die TAZ noch am selben Tag auf den Punkt: »Jetzt kann abgehört werden«.

Und was beim Verfassungsschutz die Einstufung als Objekt in der Kategorie »Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates« ist, ist bei der evangelischen Kirche eine Einordnung als »Sekte«. Mehr geht nämlich nicht. Scheiterhaufen und Sendgerichte gibt’s nicht mehr. Und auch der »Abendmahlsauschluss« wird als sogenannte »Kirchenzucht« nicht mehr angewandt. Insofern ist es nicht irgendein unbedeutender Hokuspokus, wenn evangelische Kirchenvertreter die Querdenker in den vergangenen Monaten immer weiter in die Richtung einer »Sekte« geschoben haben.

Bayerische Sektenjäger analysieren Querdenken

Begonnen hatte damit im November 2020 der bayrische Sektenbeauftragte Dr. Matthias Pöhlmann. Pöhlmann und seine Mitautoren Dr. Haringke Fugmann und Bernd Dürholt sind Verfasser der »WeltanschauungsNEWS«. Die Broschüre hat neben ihrer Onlinepräsenz eine Auflage von 3.000 Stück und soll die insgesamt 2,3 Millionen evangelischen Bayern über Sekten und diffuse Glaubensrichtungen aufklären. In Kapitel 8 mit dem Titel »Verschwörungsdenken, -theorien und -glaube« heißt es:

»Auffällig ist, dass einzelne Protagonist*innen der Querdenken-Initiative mit Verschwörungsideolog*innen, Reichsbürger*innen und rechten Esoteriker*innen personell vernetzt sind und solche Verbindungen bewusst bzw. billigend in Kauf nehmen. (…) Die Initiatoren wenden sich gegen die staatlichen Corona-Auflagen der Kontaktbeschränkungen, gegen die Maskenpflicht und kritisieren die massive Einschränkung geltender Grundrechte.«

»Wissenschaftler*innen« mit »Außenseiterpositionen«

Bei ihrer Kritik beriefen sich die Querdenker »auf Wissenschaftler*innen, die Außenseiterpositionen im Blick auf die Gefährlichkeit des Covid-19-Virus sowie im Blick auf die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen und von der Bundesregierung verordneten Maßnahmen vertreten.« Dazu zählen der Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann und sein Co-Autor Dr. theol. habil. Haringke Fugmann auch die »Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie e.V.«, kurz MWGFD genannt. Mitglieder in diesem Verein sind unter anderem Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und seine Frau Prof. Dr. Karina Reiß sowie die Humanbiologin Prof. Dr. Ulrike Kämmerer und der PCR-Spezialist Prof. Dr. Dr. Martin Haditsch.

Haditsch, Kämmerer, Reiß und Bhakdi mal eben als »Außenseiter« abzutun, zeugt schon von einem irritierend weit eingeschränkten Informationsradius bei der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Vermutlich sagen Pöhlmann und Fugmann auch die Namen Ioannidis, Atlas, Gupta, Gieseke, Bhattacharya oder Kulldorff nichts.

Querdenker erwecken den »Eindruck«, Deutschland habe keine Verfassung

Weiter heißt es in der Pöhlmann-Fugmann’schen Analyse, das Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg habe »Querdenken 711« als »Beobachtungsobjekt« eingestuft. Zur weiteren Erklärung wird unter anderem auf den Gründer der Initiative Michael Ballweg verwiesen. Ballweg wolle der Bundesrepublik »eine neue Verfassung geben« und erwecke den »falschen Eindruck«, Deutschland habe überhaupt keine Verfassung, sondern lediglich ein Grundgesetz.

Man kann zu Ballwegs am 29. August 2020 in Berlin vorgebrachten Ideen stehen wie man will, aber hier wurde schon massiv interpretiert, gebogen und verkürzt, um suggerieren zu können, Michael Ballweg habe sich zum Grundgesetz ähnlich wie ein Reichsbürger oder Selbstverwalter geäußert. Weiter heißt es: Die »höchst unterschiedlich« motivierten Teilnehmer auf den Querdenken-Demos bildeten in ihrer »Heterogenität eine ›bunte Misstrauensgemeinschaft‹«.

Christen sind »in der Pflicht«

Und deshalb empfahl der Sektenbeauftragte Pöhlmann in einem Pressegespräch auch dringend »Abstandsregeln, ob physisch oder geistig« zu den Querdenkern, so die Süddeutsche im Januar 2021. Darüber hinaus sieht Pöhlmann »Christen in der Pflicht, gegen Verschwörungsglauben deutlich Widerspruch einzulegen«, so Das Sonntagsblatt.

Was so harmlos daherkommt und die Querdenker im Artikel selbst nur indirekt benennt, ist starker Tobak, denn hier framt der bayerische Sektenbeauftragte die Querdenker nicht nur weg vom Grundgesetz, sondern legt jedem Christen auch noch obendrein nahe, gegen die Bewegung »Widerspruch einzulegen«.

Trauriger Höhepunkt in der Eskalation gegen die Querdenker war am 5. Mai ein Artikel in der Welt mit dem Titel: »Wir raten Angehörigen, mit ›Querdenkern‹ nicht zu diskutieren«.

»Wir raten Angehörigen, mit ›Querdenkern‹ nicht zu diskutieren«

Das Zitat stammt von Sabine Riede, die in »ihrer Sektenberatungsstelle… Angehörigen von Corona-Leugnern Tipps« gibt. »Es bestehe die Chance, Betroffene aus ihrer Filterblase zu holen – aber nur in Grenzen«, so die Welt. Danach folgte ein Interview mit Frau Riede.

Die studierte Pädagogin (evangelische Theologie, Germanistik und Pädagogik) ist seit 2003 Leiterin der »Informations- und Beratungsstelle der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.« Zum Beirat des Vereins gehört unter anderem auch der katholische Sektenbeauftragte des Bistums Essen: Pastor Gary-Lukas Albrecht.

Ausschnitt aus der Website der »Informations- und Beratungsstelle der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.« (Screenshot / sekten-info-nrw.de)

ARD-Faktenfinder als Verschwörungstheorie-TÜV

Finanziert wird Riedes Sekten-Info-Stelle im Wesentlichen aus Mitteln der Stadt Essen und des Landes NRW. Neben Beratung für Betroffene bietet die Stelle auch Schulungen für Lehrer oder Sozialarbeiter an. Wörtlich heißt es: »Wir bieten Veranstaltungen für Multiplikatoren an (z.B. für Jugendschützer, Lehrer und Erzieher, Ärzte, Polizei).« Direkt online findet man auch sogenannte »Checklisten«, um beispielsweise Coaching-Seminare, alternative Heilsangebote oder Verschwörungstheorien abklopfen zu können.

In der »Checkliste Verschwörungstheorien« erfährt man dann eher nebenbei, was die Sekten-Info-Stelle NRW für den Goldstandard oder die Eichwaage für Verschwörungstheorien hält. Dort heißt es: »Informationen über aktuelle Verschwörungstheorien bietet der ARD-Faktenfinder« unter www.tagesschau.de.

Mehr oder minder folgerichtig erklärte Frau Riede im Welt-Interview dann auch erstmal, dass Verschwörungstheorien seit der Wahl von US-Präsident Trump »ziemlich Fahrt aufgenommen« hätten. »Mit Corona ist es dann absolut in die Höhe geschossen.«

»Seit Mai 2020 gab es keinen Tag mehr«, so die studierte Pädagogin, »an dem wir nicht Beratungsgespräche wegen Verschwörungstheorien führen«. »Es geht… ständig um Corona-Leugner und ›Querdenker‹.« Es sind »Eltern, Partner [und] Kinder«, die »plötzlich behaupten, dass es Corona nicht gibt und die Menschen durch die Impfungen kontrolliert werden sollen«, was sich Bill Gates ausgedacht habe, um Impfstoffe zu verkaufen. Die Angehörigen selbst seien »oft verzweifelt«, weil sie nicht mehr »mit Argumenten« durchkämen.

Früher war er »liebevoll«, jetzt lehnt er »den Mund-Nasen-Schutz ab«

Obwohl die Corona-Verschwörungstheoretiker laut Riede zwar »nicht organisiert [sind] wie eine Sekte«, gäbe es trotzdem »viele Parallelen«. »Kritik« würde nicht »mehr zur Kenntnis genommen«, Diskussionen gerieten »sogar aggressiv«. Dann gibt die Leiterin der Sekten-Info NRW ein plastisches Beispiel dafür, wie zerstörerisch das Querdenken sein kann:

»Eine Frau erzählte uns, ihr Mann sei in Kurzarbeit und drehe total durch, er sitze den ganzen Tag vor dem Computer. Früher sei er immer liebevoll, verständnisvoll gewesen…, jetzt lehne er den Mund-Nasen-Schutz ab [und] riskiere seinen Job.«

Die Toxizität von Riedes Worten

Über Riedes teils simpel klingenden Einlassungen sollte man die Tragweite des Gesagten nicht übersehen. Denn während die Sektenjäger Pöhlmann und Fugmann in ihrer »WeltanschauungsNEWS« lediglich die Täterschaft des Querdenkertums von außen betrachten, beschäftigt sich Frau Riede direkt mit den Opfern innen. Die Querdenker gefährden nämlich nicht nur das Leben anderer in der Außenwelt, weil sie sich nicht an das christliche Gebot »Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst« halten, sondern auch das eigene Innenleben, Beziehungen zu Eltern, Partnern und Kindern. Von hier aus bis zu staatlich geförderten Ausstiegsprogrammen und Familiengerichten, die sich schützend minderjähriger Kinder annehmen, um sie aus der Querdenken-Falle herauszuholen, ist es argumentativ nur ein Katzensprung.

Und das hat eine gesellschaftliche Toxizität, die weit über die teils brutalen Einsätze der Berliner Polizei bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen hinausgeht.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.
 

Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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