Social Media – Ein Leben für den Click Das Illusionsleben in der virtuellen Welt

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

„Ich bin traurig und will für die Zukunft gucken, dass ich einen soliden, ehrlichen, aufmerksamen Mann finde, der nichts mit der Öffentlichkeit zu tun hat und keinen Wert auf Social Media legt.“ Die Äußerung einer langsam „alternden“ Social-Media-Akteurin, nachdem ihr Freund sich „per Twitter“ von ihr getrennt hat.

Vermutlich ist das der erste und einzige Artikel, den ich über Social-Media-Beziehungen schreibe. Aber einmal muss es sein.

Im Prinzip hat man das Gefühl, dass die Welt nur aus Singles besteht, die sich immer wieder neu paaren. So werden sie zu einer neuen Art von Mensch. „Rekombinanten“, die sich fortlaufend miteinander kombinieren. Es wirkt wie ein Spiel für die Öffentlichkeit, ist aber bittere Realität. Sie können nicht anders. Chronische Singles gewissermaßen. Die Heilungschancen sind gering.

William Shakespeare hat es schon vorausgesehen. Sein „Sommernachtstraum“ steckt voller „Anspielungen“ auf unsere heutige Social-Media-Welt und fand ähnlich öffentlich statt. Er wurde 1598 erstmals aufgeführt und gehört zu den meistgespielten Werken Shakespeares. Ein Kassenschlager, etwa vergleichbar dem „Dschungelcamp“, nur dass das „Rosenbett der Elfenkönigin“ aus der klassischen Komödie wesentlich appetitlicher wirkt, als der Schlamm, in dem sich die heutigen Akteure wälzen müssen. Dies, obwohl Shakespeare mit Schlamm wirklich nicht gespart hat, wenn man beispielsweise an die Insel denkt, auf der „Der Sturm“ spielt.

Damals wie heute aber gilt, dass man darüber spricht. Die Neuerung besteht hauptsächlich darin, dass sich die Akteure auch real paaren und dies auf ihren SM-Foren reichlich zur Schau stellen, teilweise so heftig, dass man sich fragt, wofür SM nun eigentlich steht? Für Social Media oder für Sadomasochismus?

Das Rauschhafte, das erforderlich ist, um sein Liebesleben in allen Details der Öffentlichkeit zu präsentieren, hat Shakespeare ebenfalls erkannt. Keines seiner Stücke über die Liebe kommt ohne diesen verwirrenden Zustand aus, der entsteht, wenn die Sinne den Geist benebeln. Ganz Social Media, möchte man meinen, denn man muss bereits benebelt vor dem Bildschirm sitzen, um diesen ziellosen Schwachsinn zu ertragen. Ich weiß nicht, ob die Zuschauer damals ins Londoner „Globe Theatre“ bereits betrunken kamen. Ich vermute es.

Die eigentliche Substanz ist aber die:

Schon damals ging es um Einnahmen und Shakespeare lockte deshalb mit seinen Aufführungen das Volk an. Das digitale Beziehungstheater heutiger Tage macht es auch nicht anders. So funktioniert das Beziehungsleben in Social Media. Es geht um „Clicks und Claqueure“, um Einnahmen zu generieren.

Echt ist daran nichts, damals wie heute. Die Stücke über Lügen, Illusionen und den Witz sowie die Tragik, die daraus resultieren, sind vermutlich von William Shakespeare geschrieben worden. Vielleicht aber auch nicht. Ganz sicher wissen wir es nicht, nicht einmal, ob „unser Shakespeare“ so auch wirklich existiert hat.

Aber diese Stücke sind die Vorlage für unsere Social Media Welt, deren Sinn es ist, die Menschen zu unterhalten und ihnen vorzumachen, wie die Welt sein könnte, wenn sie aus Illusionen und unwahren Behauptungen bestünde. Genau wie damals.

Fakt ist eben, dass unsere Welt nicht nur von der frei schwebenden Energie der Liebe, sondern letztlich immer von der Schwerkraft und der Masse regiert wird. Auch die aufregendsten Singles werden irgendwann schlapp und dann kann man für sie nur hoffen, dass sie an den Unsinn, den sie aufgeführt haben, nicht wirklich geglaubt haben. Manche schaffen es, sich wieder an der Realität zu orientieren, andere nicht.
Denn das wirkliche Leben wartet auch nicht ewig. Irgendwann ist es vorbei.

“Tyr’d with all these for restfull death I cry”, schreibt Shakespeare in seinem berühmten Sonett 66. Nur der Wunsch, seine Liebste nicht allein zu lassen, scheint ihn davon abzuhalten. Eine solche Liebe möchte man auch unseren Social-Media-Darstellern wünschen, die ihre Zeit damit verbringen, menschliche Beziehungen auszuplündern. Denn auch sie werden alt und dann hoffentlich nicht einsam.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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