Mir ist völlig klar: Mit diesem Artikel werde ich mich wieder bei vielen unbeliebt machen. Aber ich schreibe ihn trotzdem – das bin ich mir schuldig. Und Ihnen. Denn was ich an den großen Medien kritisiere – selektive Wahrnehmung, Realität nach Wunschdenken zurechtbiegen – das gibt es auch in der alternativen Medienszene. Viele trauen sich da nicht mehr, etwas Putinkritisches zu bringen, obwohl sie es denken – weil es schlecht ankommt. Aber ich bin mir sicher: Viele Leser schätzen Aufrichtigkeit mehr als Nach-dem-Mund-Reden – oder Nach-dem-Mund-Schweigen. Und wer mir bis hierher treu geblieben ist, hält auch eine abweichende Meinung aus. Sonst wäre er längst weg.
Was ich heute gelesen habe, hat mich umgehauen: Ein Gericht in Moskau hat den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly zu achteinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt. Plus rund 2.000 Euro Geldstrafe und vier Jahre Arbeitsverbot. Der Grund: Er habe religiöse Gefühle verletzt und Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte verbreitet.
Echokammer im Gerichtssaal
Tilly war nicht im Gerichtssaal. Er wurde nicht einmal über das Verfahren informiert. Eine von der russischen Seite eingesetzte Pflichtverteidigerin, die ihren Mandanten nie gesprochen hatte, bat um Freispruch aus Mangel an Beweisen. Zeugenaussagen und ein russischer Religionswissenschaftler sollten seine Schuld beweisen. Der Richter folgte der Staatsanwaltschaft – die ursprünglich neun Jahre gefordert hatte.
Was hat Tilly getan? Er hat Putin-kritische Mottowagen gebaut. Für den Düsseldorfer Rosenmontagszug. Pappmaché. Bunt. Satirisch. Das reicht dem Kreml für fast ein Jahrzehnt Strafkolonie.
Wer verstehen will, warum Moskau so reagiert hat, sollte sich einen seiner bekanntesten Wagen ansehen:

Ganz ehrlich – auch wenn der Patriarch wirklich wie ein Lautsprecher Putins agiert – ich hätte ihn so nicht gebaut. Gerade aus Rücksicht auf die vielen Gläubigen in diesem wunderbaren Land, das mir zweite Heimat geworden ist. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: In einer freien Gesellschaft muss man Satire nicht mögen, um das Recht darauf zu verteidigen. Achteinhalb Jahre Strafkolonie für Pappmaché – das ist keine Justiz. Das ist Rache. Und es ist Anmaßung: Ein deutscher Staatsbürger ohne jeden Russlandbezug – verurteilt von einem Gericht und einem System, das sich das Recht herausnimmt, jeden überall auf der Welt zu verfolgen, der Putin nicht passt.
Tilly selbst reagierte, wie ein guter Satiriker reagieren sollte: mit Amüsement. Der Prozess zeige, wie viel Angst das russische Regime vor Spott habe, sagte er. Er hat recht. Ein Regime, das einen Karnevalsnarren aus Düsseldorf in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren verurteilt, ist nicht stark. Es ist hysterisch.
Niemand wird Tilly an Russland ausliefern. Aber er kann nicht mehr unbefangen in jedes Land reisen: Manche haben Auslieferungsabkommen mit Russland. Zudem könnte ihn Moskau auf die Interpol-Fahndungsliste setzen lassen.
Eher Regel als Ausnahme
Für deutsche Leser mit Putin-Sympathien (und ich meine nicht Russland-Sympathien – die habe ich massiv) sei noch hinzugefügt: Ähnliche und teils deutlich härtere Urteile wurden auch gegen russische Oppositionelle verhängt, die im Ausland leben. Tilly ist kein Einzelfall – er ist das System.
Meine tiefe Überzeugung ist: Man muss der fatalen Versuchung widerstehen, ein Unrecht mit dem anderen aufzuwiegen. Und ich finde: Wenn man – wie ich – in Deutschland die brutalen Einschränkungen der Meinungsfreiheit und die Instrumentalisierung der Justiz zur Bekämpfung Andersdenkender kritisiert, kann man auch nicht wegsehen, was in Russland passiert. Ja, auch bei uns werden Regierungskritiker gnadenlos eingeschüchtert und schikaniert von Staat und Justiz. Aber sie bekommen keine jahrelangen Haftstrafen aufgebrummt. Sie müssen nicht mit bis zu 15 Jahren Straflager und Stigmatisierung ihrer Kinder bis hin zum Sorgerechtsentzug rechnen, nur weil sie für den Krieg in der Ukraine das Wort „Krieg“ verwenden (erlaubt ist nur der Begriff „Spezialoperation“).
Nachzulesen in Buchform
So sehr ich mich dagegen wehre, dass jetzt Russen und selbst die russische Kultur bei uns in Sippenhaft für Putin genommen werden, so sehr wehre ich mich dagegen, dass man Putin als Alternative für den Irrsinn und die schlimmen Entwicklungen bei uns sieht. Wer das glaubt, kennt die russische Realität nur aus den irreführenden Berichten seiner Lautsprecher hierzulande – und die verschweigen natürlich die massive Islamisierung, Einschüchterung Andersdenkender, Willkür und Allmacht der Beamten, Korruption, Propaganda und das völlige Verbot kritischer Stimmen und vieles andere (Details nachzulesen in meinem Buch „Putins Demokratur“, kostenlos online hier).
Ich habe 16 Jahre in Russland gelebt. Mit deutschem Pass und offizieller Akkreditierung als ausländischer Korrespondent. Und ich wünsche keinem, mit kritischer Meinung und russischem Pass in Russland zu leben.
P.S. Danke an alle, die hier mitlesen, obwohl sie das anders sehen. Das ist gelebte Demokratie – und sie beruht auf Gegenseitigkeit. Auch ich respektiere Meinungen, die von meiner abweichen. Und erwarte von niemandem, in allem mit mir einer Meinung zu sein. Im Gegenteil – das wäre mir nicht geheuer.
P.P.S. Und noch eine kleine Bitte – fallen Sie bitte nicht auf den alten KGB-Propagandatrick herein, der immer noch sehr erfolgreich ist: Kritik an der Regierung mit Kritik am Land gleichzusetzen. Wer Putin kritisiert, ist ebenso wenig ein Russland-Hasser wie Merz-Kritiker Deutschland-Hasser sind. Im Gegenteil – wer ein Land liebt, muss seiner Regierung kritisch gegenüberstehen. Wenn jemand – wie es leider manche vermeintlich alternative Journalisten im Falle Putin tun – eine Regierung, egal welche, nur positiv darstellt, sollte das misstrauisch machen.
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