Als Journalist kann man manchmal der Verzweiflung nahekommen. Da schreibt man jahrelang gegen die Dämonisierung der AfD an. Gegen die Brandmauer, die Deutschland einer linken Hegemonie ausliefert. Gegen den reflexartigen Hass auf Millionen von Wählern, die legitime Anliegen haben. Und dann kommt Alice Weidel — und schießt einem in den Rücken.
Nicht nur mir. Auch den AfD-Wählern.
Zumindest denjenigen, die genauso wie ich entsetzt sind über die Migrationspolitik, über das Staatsversagen, über die Angriffe auf die Meinungsfreiheit, über das ideologische Klima in Deutschland, über die rot-grüne Hegemonie, die Zerstörung des Wirtschaftsstandorts und den Niedergang unseres Landes. Die sich einen Politikwechsel wünschen und ein Ende der Brandmauer. Ob sie nun Putin für einen lupenreinen Demokraten halten oder nicht — das ist in diesem Punkt egal. Denn Weidel schadet mit diesem Zitat nicht nur den gemäßigten AfD-Sympathisanten, die Russlands Angriffskrieg für das halten, was er ist. Sie schadet auch den eingefleischten Putin-Fans in ihrer eigenen Gefolgschaft. Allen. Weil sie allen einen Politikwechsel verbaut.
Denn sie hat den rot-grünen Ideologen und Brandmauer-Inquisitoren eine neue Steilvorlage geliefert — und all diejenigen in der Union vor den Kopf gestoßen, die gegen die Brandmauer ankämpfen und es damit ohnehin schon schwer genug haben.
Was hat sie gesagt? Beim verteidigungspolitischen Forum der AfD-Fraktion im Bundestag erklärte Weidel, die Kriegsführung der Ukraine sei ein „hohes sicherheitspolitisches Risiko auch für die Bundesrepublik Deutschland“. Und dann kam die Passage, bei der ich meinen Ohren kaum traute: „Sie können nicht […] dem großen Bären mit einem heißen Eisen die ganze Zeit im Auge herumstochern, wie der Drohnenangriff tief nach Russland hinein, und dann erwarten, dass nichts passiert.“ Der Bär werde irgendwann mit der Pranke ausholen, so Weidel weiter (anzusehen hier).
Doppelmoral
Ein Gedankenexperiment hilft, um zu zeigen, wie abstrus der Gedankengang ist: Hätte jemand den Nord-Vietnamesen vorgeworfen, die USA zu sehr zu reizen — dass sie eben die Pranke des Bären in Washington zu oft gespürt hätten wegen ihrer Gegenwehr? Die Antwort kennen wir alle. Man kann das Ganze auch auf die heutige Situation mit dem Iran übertragen – auch da hört man ausgerechnet von denen, die Putin so geneigt und den USA so abgeneigt sind, kaum den Vorwurf, die Mullahs sollten eben den „Bären in Washington“ nicht so provozieren. Wer so einen Kuschelkurs nur gegenüber Moskau fährt und gegenüber den USA genau das Gegenteil propagiert, wer der Ukraine Vorwürfe macht und dem Iran nicht, der hat für mich – mit Verlaub – einen Knick in seiner politischen Optik.
Weidels Aussage ist zwar schon einige Wochen alt – aber sie geistert seither durch die sozialen Netzwerke. Dort wird sie von den AfD-Hassern als Beweisstück herumgereicht, und es wird damit Stimmung gegen die AfD gemacht – was für ein gefundener Fraß für ihre Hasser. Manchmal braucht ein Satz ein paar Wochen, bis seine volle Sprengkraft sichtbar wird. Dieser hier hat sie.
Ich habe stets unseren fatalen Umgang mit Moskau für die Entwicklung dort mit verantwortlich gemacht, die westlichen Doppelstandards angeprangert, Fehler der NATO-Politik benannt, die Korruption in Kiew angeklagt. Das alles gehört zur ehrlichen Debatte. Aber es gibt eine Grenze — und die heißt: den Angreifer zum Opfer zu machen. Die Ukraine zu dem Land zu erklären, das durch seine Existenz und seine Gegenwehr den Krieg provoziert. Das ist nicht mehr Kritik. Das ist Zynismus. Und dieser Zynismus hat einen Namen: Täter-Opfer-Umkehr. Wer dem Opfer eines Angriffskrieges sagt, es solle sich gefälligst nicht zu heftig wehren — der überschreitet eine Grenze. Auch wenn er es nur durch ein Zitat tut – wie Weidel, die ihre Aussage vom Weltwochen-Chef Roger Köppel übernommen hat. Für mich ist das so, wie wenn man einem Vergewaltigungsopfer sagt, es solle sich nicht zu heftig wehren, damit der Täter nicht noch wütender wird. Wer so argumentiert, steht auf der falschen Seite. Egal wie man es dreht. Egal wie man es verpackt. Egal, wie sich das Vergewaltigungsopfer vorher verhalten hat. Egal, ob es den Täter abgewiesen oder vielleicht einem anderen die Ehe versprochen hat
Experte ohne Sprache
Köppel, neben dem Verleger-Job auch noch Schweizer Nationalrat, gibt sich als unabhängiger Geist, als Kritiker des westlichen Mainstreams — und landet damit leider dort, wo Moskau es sich wünscht. Das ist nicht zwangsläufig. Ich kritisiere auch den westlichen Mainstream, seit Jahren. Aber ich lande nicht in der Putin-Fanboy-Gruppe. Der Unterschied ist simpel: Wer Russland wirklich kennt, wer die Sprache spricht, wer die Menschen kennt, wer die Geschichte kennt — der kann zwar den Westen kritisieren ohne Denkverbote, aber er kann Putin nicht zum Opfer des Westens verklären. Köppel spricht kein Russisch. Wer glaubt, Russland zu verstehen, ohne Russisch zu sprechen, kommt schnell aufs Glatteis. Und im Falle von Köppel ist das hauchdünn. Es wäre zu einfach, ihn deswegen als Agenten Moskaus zu sehen, wie es seine Kritiker tun. Aber seine Marke — immer gegen die Regierungen im Westen, nie gegen die in Moskau — halte ich für höchst problematisch. Journalismus bedeutet, jeder Regierung gegenüber Distanz zu haben.
Kälte-Terror
Das Bild vom Bären und dem glühenden Eisen klingt nach folkloristischer Weisheit. Es ist in Wirklichkeit eine moralische Bankrotterklärung. Denn es suggeriert: Die Ukraine hat die russischen Raketen auf ihre Städte, die Morde an Zivilisten, die Verschleppung von Kindern, den Terror durch gezielte Zerbomben des Energie- und Fernwärmesystems im eisigsten Winter selbst provoziert.
Weidel ist klug. Sie weiß, was ihre Aussage bedeutet. Sie ist intelligent genug, um die Implikationen zu verstehen. Was sie sagt, ist kein Versehen, keine Ungenauigkeit — es ist Kalkül. Und das macht es schlimmer als Unwissenheit.
Aber es ist noch dümmer als es moralisch falsch ist. Denn Weidel betreibt damit aktiv das Geschäft ihrer erklärten Gegner.
Die Brandmauer hat eine strukturelle Schwäche: Sie funktioniert nur, solange man der AfD etwas vorwerfen kann, das moralisch über Migrationspolitik hinausgeht. Putin-Nähe und das Umkehren der Täter-Opfer-Logik sind exakt die Argumente, die CDU, SPD und Grüne brauchen, um die Brandmauer zu rechtfertigen. Weidel liefert ihnen dieses Werkzeug frei Haus. Jedes Mal, wenn sie so ein Zitat produziert, können ihre Gegner sagen: Seht ihr? Genau deshalb keine Zusammenarbeit. Von Tino Chrupalla ist man gewöhnt, dass er redet wie Putins Pressesprecher. Bisher konnte man immer noch sagen: Weidel ist anders. Dieses Argument hat sie nun gekillt.

Dabei wäre es so einfach. Klare Ukraine-Solidarität, klares Bekenntnis zur NATO — und die Verteidiger der Brandmauer würden sich viel schwerer tun. Die gemäßigten Unionsleute, die längst wissen, dass man an der AfD nicht dauerhaft vorbeipolitisieren kann, hätten einen Hebel. Stattdessen: der Bär und das glühende Eisen. Die Brandmauer steht fester denn je. Weidel hat sie gerade frisch verputzt.
Konvertiten-Effekt?
Und damit einen Politikwechsel in Deutschland in eine noch fernere Zukunft verschoben. Sie hat das ohne Not getan. Sie hätte auch einfach nur schweigen können. Entweder ist sie nicht so klug wie ihr Ruf. Oder ihr ist die Nische lieber als die Verantwortung der Regierung. Oder sie will als Konvertitin katholischer sein als der Papst. Das ist die naheliegendste Erklärung. Wer Alice Weidels Biografie betrachtet, versteht, warum: Goldman Sachs, Schweizer Wohnsitz, lesbische Partnerschaft — ein Profil, das im klassischen AfD-Milieu dauerhaft unter Rechtfertigungsdruck steht. Der einzige Ausweg: überkompensieren. Noch putinfreundlicher als die Putinfreundlichen (ich rede bewusst nicht von russlandfreundlich – ich bin selbst russlandfreundlich). Noch schärfer in der Abgrenzung nach Westen. Konvertiten sind oft glühender als Altgläubige — das gilt in der Religion, und es gilt in der Politik.
Das Ergebnis ist eine Parteiführerin, die ihre Wähler verrät. Bei weitem nicht alle AfD-Wähler sind Putin-Fans. Ich bin zutiefst überzeugt: Eingefleischt auf Putin-Linie ist nur eine Minderheit – nur eben eine sehr laute. Viele sind erschöpft vom Krieg, wollen Diplomatie, wollen Frieden — aber sie wollen nicht die Täter-Opfer-Logik auf den Kopf stellen und den Aggressor zum Opfer machen und das Opfer zum Täter. Diese Menschen verrät Weidel doppelt. Sie, die den legitimen Kern der AfD-Wählerschaft ausmachen, werden durch diese Positionierung dauerhaft in der Opposition gehalten. Und bekommen dafür nicht mal den Trostpreis, ihre Sympathien für Putin gespiegelt zu bekommen. Weidels Karrierekalkül kostet sie ihre Chance auf Veränderung.
Warum es so weh tut
Ich wollte diesen Artikel so schreiben, dass er keine Abrechnung mit Weidel wird. Denn sie hat in der Vergangenheit Dinge gesagt und getan, die man ihr hoch anrechnen muss. Sie ist kein Dummkopf, keine Mitläuferin, kein Sprachrohr von irgendjemandem — sie ist eine der intelligentesten Politikerinnen, die Deutschland derzeit hat. Genau das macht dieses Zitat so bitter.
Denn Weidel war bisher — wenn auch einsam und gegen den Strom ihrer eigenen Partei — ein kleiner Fels in der Brandung der Putin-Nähe, die weite Teile der AfD-Führung – wenn auch nicht die gesamte – durchzieht. Sie hat Dinge gesagt, die nicht ins Moskau-Schema passten. Sie hat sich nicht alles gefallen lassen. Klar, mutig, gegen den Strom ihrer eigenen Partei. Das hat mir Respekt abgenötigt. Deswegen schmerzt dieser Ausrutscher umso mehr.
Zu klug
Und genau deshalb richte ich mich am Ende dieses Artikels nicht an Weidels Gegner — sondern an sie selbst. Frau Weidel: Sie glauben nicht wirklich an die Täter-Opfer-Umkehr, die Sie da betreiben. Sie sind zu klug dafür. Und Sie haben auch keinen Moskau-Stallgeruch wie andere in Ihrer Partei. Sie wissen, dass die Ukraine nicht die Raketen auf ihre Städte, die Morde an Zivilisten, die Verschleppung von Kindern selbst provoziert hat. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Und Sie wissen, dass die Brandmauer nicht durch Lautstärke fällt — sondern durch Unangreifbarkeit.
Sie haben die Intelligenz dafür. Sie haben die Bühne dafür. Was fehlt, ist der Mut, auf das Kalkül der Nische zu verzichten — und Deutschland wichtiger zu nehmen als die eigene Karriere.
Ob Alice Weidel diesen Mut aufbringt, weiß ich nicht. Aber ich weiß: Solange sie es nicht tut, freuen sich die AfD-Hasser. Und die Wähler der AfD leiden weiter.
PS: Die Reaktionen auf diesen Artikel in den sozialen Netzwerken – wie auf alle meine Artikel mit kritischem Bezug zu Russland, und nur auf die – sind bemerkenswert. Nicht nur wegen ihrer Schärfe, sondern auch wegen ihrer Geschwindigkeit und Gleichförmigkeit. Binnen Minuten, immer dasselbe Repertoire, oft nur Angriffe auf den Autor, keine einzige inhaltliche Auseinandersetzung. Besonders faszinierend: Die Kommentare kamen derart schnell, dass kaum Zeit gewesen sein kann, meinen Text tatsächlich zu lesen. Das ist eine Beobachtung — keine Wertung. Und leider auch ein Grund, warum viele in den alternativen Medien zu diesem Thema lieber schweigen.
PPS: Besonders bizarr finde ich den Dauer-Vorwurf des „Russlandhasses“ — ausgelöst durch Kritik an der Regierung in Moskau. Das ist kein Zufall, sondern ein alter Propaganda-Trick, den fast alle autoritären Regime nutzen: Kritik an der Regierung mit Hass auf das Land gleichzusetzen. So, als würde mir jemand wegen Merz-Kritik „Deutschlandhass“ vorwerfen. Das Gegenteil ist der Fall: Wer ein Land liebt — und Russland ist für mich zur zweiten Heimat geworden — der schaut gerade deshalb kritisch auf seine Regierung. Und ein Journalist muss das sowieso. In jedem Land. Ohne Ausnahme.
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Bild: Symbolbild/KI/Gemini
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