Was Sie gleich lesen, klingt zunächst wie eine persönliche Abrechnung. Es ist keine. Es ist der Versuch, anhand eines konkreten Falls zu verstehen, wie die operative Methodik der DDR — Zersetzung, Sprachbesetzung, Ausgrenzung durch Moralisierung — das politische Klima der Bundesrepublik geformt hat. Bis heute.
Ich habe ihn zu meinem 30. Geburtstag in Moskau eingeladen. Nur zwei Journalistenkollegen bekamen diese Einladung. Er war einer davon. 20 Jahre später las ich seinen Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung — ein Stück kalter Denunziation, in dem er mich, seinen ehemaligen Freund und „Geburtstagsgenossen“, in einem Atemzug mit russischer Staatspropaganda nannte. Kein Telefonat vorher. Keine Aussprache. Nur die Öffentlichkeit als Exekutionsplatz.
Der Hintergrund: Die Süddeutsche Zeitung hatte kurz zuvor einen Hetzartikel gegen mich veröffentlicht — weil ich in der Corona-Zeit unbequeme Fragen bei der Bundespressekonferenz gestellt hatte. Der Artikel war der Auftakt einer Diskreditierungskampagne, die letztlich zu meinem Ausschluss aus der Bundespressekonferenz führte. Er löste massive Proteste gegen die Süddeutsche aus. Der Kollege und Leserbriefschreiber ist mit einem der Autoren dieses Artikels befreundet — einem Mann, den ich selbst lange für einen Freund gehalten hatte. Sein Leserbrief kam genau dann — als Nachlader für einen Freund unter Beschuss. Ein ehemaliger Freund, der sich als Munitionslieferant gegen einen hergibt. Das sagt viel über das journalistische Milieu aus.
Das alles liegt inzwischen Jahre zurück; der Leserbrief erschien 2021. Lange habe ich die Sache als persönliche Enttäuschung abgelegt. Erst mit der Zeit, beim Beobachten anderer Fälle, anderer Redaktionen, anderer Namen, fiel mir auf: Das sind immer dieselben Mechanismen. Dieselbe Sprache, dieselben Reflexe, dieselbe Art, einen Menschen aus dem Diskurs zu entfernen. Und jetzt ist auf einmal der Groschen gefallen — da ging es nie um mich. Es geht um viel mehr.
Der Freund, der keiner war
Ich hielt immer zu ihm. Auch nachdem ein Kollege in Moskau ihm Stasi-Vorwürfe gemacht hatte und es deswegen fast zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Auch als er einen anderen Kollegen auf zweifelhafte Weise wegbiss. Ich zweifelte nicht. Ich deckte ihn. Und hätte nie geglaubt, dass er mich Jahre später öffentlich denunzieren würde. Ich war so naiv, wie wir Wessis es eben oft sind. Und gerade deshalb ist diese Geschichte so wichtig.
Der Leserbriefschreiber hat am Roten Kloster in Leipzig studiert — der Kaderschmiede der SED für Auslandsjournalisten, deren Absolventen nicht Journalismus lernten, sondern operative Psychologie im Gewand des Journalismus. Zu DDR-Zeiten arbeitete er für den ADN im westlichen Ausland. Das ist keine Randnotiz seiner Biografie. Es ist ihr Schlüssel. Nur wer zu hundertfünfzig Prozent systemtreu und zuverlässig war, kam zu solchen Ehren, von denen Normalsterbliche in der DDR nicht mal zu träumen wagten.
Der Leserbrief (Sie finden ihn hier) ist eine Agitprop-Präzisionswaffe im Tarnmantel von „UnsereDemokratie“. Geladen und abgefeuert. Nur wer das Agitprop-Handwerk kennt, sieht die Struktur hinter den Zeilen: Delegitimierung durch Etikettierung. Kontaktschuld durch Assoziation. Überidentifikation mit der Institution als moralischer Schutzschild. Das lernt man nicht in einer Redaktion. Das lernt man in einer Kaderschule.
Die Waffe und ihr Handwerk
Ein Beispiel genügt. Da steht: „Reitschuster liegt mittlerweile mit dem RT-Vertreter Warweg in Berlin auf einer Linie.“ Ein Satz. Keine Argumentation, kein Beleg. Nur die Assoziation — und die Arbeit ist getan.
Die Perfidie liegt im Detail: Ich war zu diesem Zeitpunkt — lange vor dem Ukrainekrieg, als Putin-Kritik noch nicht Mainstream-Pflichtprogramm war — einer der wenigen deutschen Journalisten, die Putin öffentlich und konsequent massiv kritisierten. Ich hatte dafür Nachteile in Kauf genommen, als es noch unbequem war. Mich in einem Atemzug mit jemanden zu nennen, der wie ein Sprachrohr des Kremls agiert, ist nicht nur falsch. Es ist eine Umkehrung der Wirklichkeit — und das wusste der Verfasser.
Ich nenne den Namen des Freundes, der nie einer war, nicht. Nicht aus Rücksicht, sondern weil es mir nicht um ihn geht. Der Leserbrief ist verlinkt — wer den Namen sucht, findet ihn. Ich erzähle diesen Fall, weil er kein Einzelfall ist. Er ist ein Typus. Und dieser Typus hat etwas mit der Bundesrepublik gemacht, das wir bis heute nicht wirklich verstanden haben. Deshalb ist das Verständnis dieses Typus ein Schlüssel zum Verständnis für das, was nach der Wiedervereinigung mit unserem Land passiert ist. Und dazu, warum Menschen wie Sie und ich das eigene Land nicht wiedererkennen.
Wir erzählen uns seit 1989 eine bequeme Geschichte: Der Westen hat die DDR geschluckt. Der Kommunismus ist besiegt. Die Kader wurden umerzogen oder sind irrelevant.
Diese Geschichte ist falsch.
Was wirklich passiert ist: Die operative Methodik des Ostens — Zersetzung, Sprachbesetzung, Ausgrenzung durch Moralisierung — hat das Betriebssystem der Berliner Republik infiltriert. Nicht durch Verschwörung, sondern durch Biografie. Durch Menschen, die diese Methoden so tief verinnerlicht hatten, dass sie sie nicht mehr als Methoden wahrnahmen, sondern als Reflexe.
Das Rote Kloster hat keine Journalisten produziert, die sich nach 1989 in freien Geister verwandelten. Es hat Systemfunktionäre produziert, die gelernt hatten, das jeweils herrschende System mit den Werkzeugen der Macht zu bedienen. Als das System wechselte, wechselten sie mit. Die Werkzeuge blieben.
Man erkennt diese Menschen an einem charakteristischen Merkmal: Sie beherrschen die Sprache der Demokratie, aber sie benutzen sie nicht zur Verständigung. Sie benutzen sie zur Markierung. Wer konform ist, wird eingeschlossen. Wer abweicht, wird etikettiert. „Fake News.“ „Subversiv.“ „Obskur.“ „Umstritten.“ Das sind keine Argumente — das sind Ausschlussformeln. DDR-Bürger erkennen sie sofort. Wessis selten.
Genau das ist die Pointe.
Westdeutsche Kollegen fielen reihenweise auf diese Figuren herein. Viele tun es bis heute. Sie halten sie für Freunde, für geläuterte Demokraten, für Insider mit echtem Wissen über den Osten. Sie feieren sie — und merken nicht, dass sie dabei selbst zum Objekt operativer Bearbeitung werden. Was sie für weltläufigen Intellekt halten, ist das Resultat einer lebenslangen Schulung in Menschenführung. Der „Ossi mit Hirn und Humor“ wurde nicht analysiert, er wurde bewundert. Und wer bewundert wird, muss sich nicht erklären.
Die Arroganz der Sieger hat sie blind gemacht für die Effizienz der Unterlegenen. Und für deren Motive: Ein Mann, der im Osten Entbehrung gelernt hatte und im Westen plötzlich ein Leben führen konnte, von dem er früher nur schreiben durfte — der verteidigt dieses Leben. Mit allen Mitteln, die er kennt.
Das alles wäre historische Fußnote, wenn es keine Konsequenzen gehabt hätte. Aber es hatte welche — bis in die Spitze der deutschen Politik.
Vom Einzelfall zur Staatsräson
Angela Merkels Politikstil ist ohne diese Folie nicht vollständig zu verstehen. Die „Alternativlosigkeit“, mit der sie Entscheidungen verkündete, ist keine Berliner Erfindung, keine Kanzlerinnentugend. Es ist Kader-Logik: Wer die Deutungshoheit besitzt, braucht keine Argumente. Die schleichende Transformation von Institutionen in Bestätigungsmaschinen des Status quo, die Ausgrenzung von Abweichlern als „gefährlich“ oder „unverantwortlich“ — das sind keine demokratischen Reflexe. Das sind umgelabelte Zersetzungstechniken.
Man muss das nicht verschwörungstheoretisch überlasten. Es reicht, Merkels Biografie ernst zu nehmen. Ihr Vater galt als Gründer der „Kirche im Sozialismus“, war voll auf Linie, Leute wie Gregor Gysi gingen bei ihr Zuhause ein und aus; sie selbst war in jungen Jahren in ihrer Schule Funktionärin der sozialistischen Jugendorganisation FDJ. Keine Karteileiche, wie das heute viele bequem umdeuten. Ich habe keinen Wahrheitsanspruch für meine These, dass Merkels Sozialisierung ihre Politik erklärt. Aber ich finde: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Methoden identisch sind — und fragen, woher sie kommen.
Die Parallelen sind offensichtlich.
Der Mann, den ich zu meinem 30. Geburtstag eingeladen hatte, ist kein freier Geist, der den Westen liebgewonnen hat. Er ist ein Chamäleon, das das neue System genauso bedient wie das alte — mit identischen Reflexen, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Seine laute Kritik an Moskau ist kein Wandel. Sie ist Tarnung. Wer mit einer ADN-Kader-Biografie im Westen bestehen will, muss schärfer, kompromissloser und lauter gegen Moskau schießen als jeder, der nie am Roten Kloster war. Die radikale Haltung ist die Lebensversicherung.
Als er jenen Leserbrief schrieb, hat er keinen unbequemen Kollegen kritisiert. Er hat eine Hofprobe bestanden. Er hat dem deutschen Medienmainstream demonstriert: Seht her, ich stehe auf der richtigen Seite. Die Freundschaft war Währung. Die öffentliche Exekution war die Zahlung. Er hat den Westen nicht verinnerlicht. Er hat ihn funktionalisiert — wie zuvor den Osten.
Das ist kein Porträt. Es ist eine Röntgenaufnahme.
Und die Diagnose lautet: Wir haben uns nicht die DDR einverleibt. Sondern die DDR uns.
Buchtipp zum Thema: Michael Meyen: „Das Rote Kloster. Eine Geschichte der Journalistenausbildung in der DDR“
Mehr zum Thema auf meiner Seite:
- Trump wirft Journalisten raus – Berlins Empörung ist verräterisch
- Im toten Winkel: Was Journalisten wirklich denken
- Wie mich die Süddeutsche aus der Bundespressekonferenz mobben will
- Warum Schweigen Verrat wäre – der russische Schriftsteller, der mich prägte
Bild: Symbolbild/KI/Grok
Für Sie empfohlen:


