Back in 3Germany Draußen gibt's nur Kännchen für Geimpfte, Genese und Getestete

Von Ates Köprü

Nach meinem Aufenthalt in Istanbul bin ich erleichtert, wieder zuhause in Deutschland zu sein. Der Urlaub war schön und auch erholsam. Und mir passiert, was auch vielen Deutsch-Türken passiert, wenn sie nach einem Türkei-Aufenthalt wieder in Deutschland sind:

Ich esse nach der Rückkehr mehrmals täglich ein belegtes Schwarzbrot mit Käse, Wurst oder Nutella. Auch mittags zehrt die Lust auf ein belegtes Brot an mir, anstelle einer warmen Mahlzeit. Abends reicht mir wieder ein belegtes Brot, und als Highlight lege ich eine Gurkenscheibe darauf.

Ich genieße die Ruhe in Deutschland, den übersichtlichen Verkehr auf den Straßen und stelle mal wieder fest: Ich bin deutscher als manch Deutscher. Und es gefällt mir.

Aber Alltag ist trotzdem noch nicht. Das Wetter ist schön, mein Urlaubsfeeling wirkt nach: Ich laufe durch die Stadt und sehe die einladend offenen Restaurants in den Straßen der Innenstadt. Mich überkommt Lust, mich einfach hinzusetzen, was zu trinken und vielleicht auch zu essen.

Ein Freund, mit dem ich unterwegs bin, setzt sich an den leeren Tisch draußen auf der Terrasse. Ich gehe rein, um den Örtlichkeiten einen Besuch abzustatten. Höflich frage ich, wo diese denn seien, und freundlich weist man mir den Weg.

Als ich wieder rauskomme, sehe ich meinen Freund nicht mehr am Tisch sitzen. Er steht wieder in der Fußgängerzone, aus der wir kamen, und winkt mir zu. Ich laufe ihm fragend entgegen, er schüttelt den Kopf:

„Ich musste wieder aufstehen, weil ich keinen Test habe.“

„Was?“, sage ich laut und versuche noch entsetzter zu wirken, als ich es bin.

In mir kommt Wut auf. Wir wurden verstoßen! Ich erinnere mich daran, dass man in Istanbul allen potenziellen Kunden trotz Pandemiegeschehen immer noch den roten Teppich ausrollt. Und hier in Deutschland in der Fußgängerzone werden wir weggeschickt?

Ich krame in meiner Tasche herum. Mein PCR-Test ist keine 72 Stunden her. Ich bin mit meinem Freund in die Türkei geflogen. Er hat auch einen, weil jeder für den Flieger einen brauchte. Dann fällt mir ein: Die Ergebnisse sind ja auf unseren Smartphones!

Ich werde wütend und sage: „Der gilt noch sechs Stunden!“, und fuchtele mit dem Telefon in meiner Hand herum.

„Meinste?“, fragt er mich mit großen Augen.

Ich wollte doch nur was trinken

Ab jetzt ist es für mich eine Frage des Stolzes. Ich will den Laden jetzt zwar am liebsten boykottieren, muss aber erst noch beweisen, dass mein Freund zu Unrecht weggeschickt und so diskriminiert wurde.

Ich will einstehen für Gerechtigkeit, sehe mich vor meinem geistigen Auge schon da in aller Öffentlichkeit herumstehen und laut diskutieren. Ich sehe, wie sich andere Menschen hinter mich stellen und mich unterstützen, aber in Wirklichkeit wollte ich doch nur was trinken.

Mein Freund sieht meine Wut in den Augen und hat wieder diesen Blick, der mir ohne Worte sagt: „Komm, ist gut.“

Aber es ist nicht gut. Ich reiße mich zusammen und gehe wieder zur Kellnerin.

„Hier“, sage ich.

„Das ist ein PCR-Test. Wir sind negativ.“

„Ah ok“, sagt die Frau. „Hat er auch?“, fragt sie und schaut zu meinem Freund.

Er tritt nickend näher mit seinem Telefon in der Hand und währenddessen nehme ich Platz an dem Tisch, an dem mein Freund zuvor schon einmal saß.

Die Sache war erledigt, aber ich bleibe aufgewühlt. Ich will nichts essen oder trinken. Nur hier sitzen. Wie ein trotziges Kind einfach kurz dasitzen und dann am liebsten wieder gehen.

„Die können da nichts für“, sagt mein Freund und schaut mich mit großen Augen an.

„Die kriegen Strafen, Ates.“

„Aber nicht alle Restaurants machen da mit!“, erwidere ich.

„Lass uns was trinken und gut ist“, sagt mein Freund. Er ist immer so vernünftig. So ruhig. So verständnisvoll. Klardenkend. Fair. Ohne ihn wäre ich vermutlich längst in einer Zelle, denke ich und beruhige mich.

Wir einigen uns erst mal, nur was zu trinken zu bestellen, und ich schaue zum Nachbartisch. Ich will eine rauchen und mustere das Pärchen, ob es eines von denen sein könnte, die sich trotz zwei Metern Abstand gestört fühlen von meinem Qualm. Ich denke an Aerosole und an die Qualmwolke, die beim Rauchen aus meinem Mund käme. Diese Qualmwolke, von der jeder wissen würde, dass sie vorher in meiner Lunge, meinem Mund, dass sie einfach überall dagewesen ist, wo auch das Virus sein könnte.

Ich denke an meinen PCR Test. Ich denke daran, dass ich gar nicht hier sitzen dürfte, wenn es keinen Beweis gäbe, dass ich „sauber“ bin.

Also darf ich auch rauchen. Ich rechtfertige mich vor mir selbst, weshalb es okay wäre, jetzt eine zu rauchen. Ich denke an Istanbul, als ich da gestresst herumlief und am liebsten Kette geraucht hätte und in einem Restaurant saß, in dem achtzig Prozent der Gäste gequalmt haben, und es an der frischen Luft weder ekelig war noch sonst was.

Rauchen ist bei Türken nach wie vor ein Genussmittel. In Deutschland komme ich mir wie ein Junkie vor. Ich habe kein Bock mehr zu rauchen, als die Kellnerin dem Pärchen ihr Essen bringt.

„Hier einmal Gemüsereis mit Tofu“, sagt die Kellnerin zu der Dame am Nachbartisch und serviert es liebevoll.

Ich warte auf das Essen des Mannes. Schaue auf deren Tisch – dort steht kein Aschenbecher. Ich sitze in Windrichtung. Die Kellnerin kommt wieder mit dem nächsten Gericht in der Hand.

„Und hier Reisnudeln mit Tofu. Guten Appetit.“

Mir vergeht nochmals die Lust.

Die Kellnerin dreht sich zu uns um und fragt, was wir bestellen wollen.

„Eine Cola“, sage ich. „Ich auch“, sagt mein Freund.

„Könnte ich einen Aschenbecher haben?“, frage ich freundlich.

„Natürlich“, sagt die Kellnerin freundlich.

Das Wort „Natürlich“ erleichtert mich.

Verstoßene Außenseiter

Aber ich will trotzdem am liebsten gehen, denn ich wusste nicht, dass wir nur noch geimpft, genesen oder getestet an einem Tisch im Freien sitzen dürfen. Ich fühle mich unerwünscht. Ich erinnere mich gut an dieses Gefühl. Ich kenne es aus alten Zeiten.

Es setzen sich wieder zwei Personen auf die Terrasse. Die Kellnerin kommt angelaufen. Aber sie muss gar nichts sagen. Die beiden, auch ein Pärchen, zücken sofort ihre Handys und sagen grinsend: „Wir sind Gott sei Dank geimpft“ und zeigen ihren digitalen Impfnachweis, von dem ich bis heute nicht mal genau weiß, wie er eigentlich aussieht.

Sie wirken auf mich überheblich. Vielleicht triggern mich hier Gefühle von Minderwertigkeit. Mal wieder haben andere etwas, was ich nicht habe.

Aber ich erinnere mich selbst ganz schnell daran, dass ich garnicht haben will, was sie haben, und bäume mich mental auf.

Aber dieses überhebliche Grinsen, das hätte ich vielleicht gerne. Und mir wird plötzlich klar, dass es eigentlich genau diese Leute sein müssten, die sich laut aufregen, wenn man meinen Freund vom Tisch wegschickt. Dass es genau jene sind, die sagen müssten, dass sie diesen Laden boykottieren, wenn nicht auch wir dort sitzen dürften.

Aber ich weiß, sie würden es vermutlich nie tun. Ich weiß, in sechs Stunden, wenn die 72 Stunden vorbei sind und mein Test nichts weiter ist als 2,3 Megabyte Platzverschwendung in meinem digitalen Postfach: Von da an gehöre ich nicht mehr zum Kreise der erlesenen, solidarischen und besonders verantwortungsvollen Menschen in Deutschland. Wie damals eben.

In dem Moment, wo wir da sitzen, glauben alle anderen, die vorbeilaufen, dass wir zumindest „sauber“ sind. Vielleicht geimpft, vielleicht genesen oder getestet. Letzteres ist eh nur wie ein Tagestestabo dafür, wie schön die Welt sein könnte, wenn ich das volle Paket kaufe, jedoch zu einem Preis, den noch keiner genau kennt.

Die Cola kommt und aus Trotz, und obwohl ich auf meine Tischnachbarn Rücksicht nehmen wollte, zünde ich eine Zigarette an und will so tun, als sei es mein Recht, dort zu sitzen und genüsslich zu verweilen mit der Kippe in der Hand.

Aber im Inneren hoffe ich, dass ein leichter Wind kommt und meine Nachbarn von meinem Qualm verschont. Das passiert auch und ich bin erleichtert, auch wenn ich so tun will, als sei es mir egal.

Genauso, wie ich versuche, zu tun, als sei es mir egal, dass gerade mein Testabo abläuft und wieder das bittere Gefühl des Ausgegrenztseins sich tickend nähert.

Ich nehme einen kräftigen Schluck von meiner Cola und spüre sofort, dass es keine originale Coca-Cola sein kann. Es muss dieses Sinalco-Zeug sein oder meinetwegen das Zeug von Fritz. Außerdem fehlt Kohlensäure, was für mich darauf  hinweist, dass ich den letzten Rest aus der Flasche bekommen habe, die am Tresen stand.

Ich schiebe die Cola ein großes Stück weg von mir auf den Tisch und rufe die Kellnerin mit der typischen Handbewegung.

„Wir würden gerne zahlen“, sage ich, als sie an uns herantritt.

„Beides zusammen?“, fragt sie höflich. „Ja gerne“, antworte ich.

„Sechs Euro vierzig“, sagt sie freundlich.

Mein Kopf rechnet unweigerlich schnell in Lira um. 64 türkische Lira denke ich. Damit kann man in der Türkei ungefähr zwölf Colas trinken, sitzen und rauchen, ohne dass jemand fragt, guckt oder einen wegschickt. Aber der Vergleich ist blödsinnig. Die Türkei ist im Grunde ja sowas wie ein Dritte-Welt-Land geworden, und da gönnt oder erlaubt man den Leuten eben als eine Art Ausgleich solche Annehmlichkeiten, dass sie sich wie normale Menschen fühlen dürfen.

Ich bin sauer auf Deutschland

Ich bezahle, und wie immer zahlen wir in Deutschland zu viel für alles. Wir stehen auf und ich sage aus Trotz nicht „Tschüss“. Das juckt die Kellnerin aber gar nicht. Ich gehe schnell und wütend von diesem Laden weg, als hätte ich das Auflehnungsszenario in meinem Kopf tatsächlich wahrgemacht. Ich dreh mich kurz nach meinem Freund um, der schaut mir verwundert hinterher, als würde er fragen wollen: „Was ist los, warum läufst du so schnell?“

Ohne dass er fragt, bleibe ich stehen und warte, bis er neben mir steht.

„Das hat sich nicht gelohnt“, sage ich und bin sauer.

Ich bin sauer über die schlechte Cola. Über den hohen Preis. Über all die Gedanken, die ich nur wegen eines Getränkes hatte, das ich in Ruhe trinken wollte. Ich bin sauer auf Deutschland.

Dann überkommt mich ein eigenartiges Gefühl der Vertrautheit. Noch keine 72 Stunden sind vergangen und ich bin wieder angekommen. Das Urlaubsfeeling ist weg. Alles beim Alten. Ich fühle mich wieder vertraut in meinem Zuhause, daheim in Deutschland und bekomme gerade Bock auf ein belegtes Brot.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können. 

Atis Köprü schreibt hier unter Pseudonym. 

Bild: Shutterstock
Text: Gast

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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