Bestätigt: Medien halten sich bei Kritik an Corona-Politik zurück Wurden SRF und Blick für ihre Regierungstreue mit Insiderinformationen versorgt?

Von reitschuster.de

Ehemalige Journalisten wechseln die Seiten und werden Regierungssprecher oder enge Vertraute der damaligen Bundeskanzlerin werden zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts gewählt. Über derart absurde und eigentlich unmögliche Personalien wundert sich in Deutschland schon lange niemand mehr wirklich. In der Schweiz hingegen sind solche Rochaden den Medien immerhin noch eine kritische Meldung wert. Die NZZ berichtete dieser Tage: „Als Gesundheitsminister Alain Berset kürzlich seine neuen Chefkommunikatoren vorstellte, sorgte das in Politik und Medien für einigen Spott. Denn die künftige Co-Leiterin von Bersets PR-Abteilung, Gianna Blum, war für den Blick tätig.“

Hintergrund: Die NZZ veröffentlichte in diesem Zusammenhang die Masterarbeit von Clara Goebels, einer Studentin am University College in London. Für ihre Studie hat die Zürcherin rund 42.000 Artikel ausgewertet, die zwischen Januar 2020 und April 2022 in 48 Schweizer Medien erschienen sind. Dazu wurden die Artikel mit Hilfe eines Computers auf positive, neutrale oder negative Aussagen über den Bundesrat, das BAG (Gesundheitsministerium), die Corona-Task-Force sowie einzelne Politiker überprüft. Bei Letzteren standen insbesondere Gesundheitsminister Alain Berset (SP) und Finanzminister Ueli Maurer (SVP) im Mittelpunkt. Und siehe da: Die Masterarbeit bestätigte die gefühlte Wahrnehmung vieler Schweizer, aber auch vieler Deutscher, dass die Medien auffallend wohlwollend über die Corona-Politik berichten und so gut wie keine Kritik an den Regierungen zulassen.

Schlossen Blick und SRF einen Kuhhandel mit dem BAG?

Nur in 6,8 Prozent der im untersuchten Zeitraum veröffentlichten Artikel fanden sich kritische Inhalte zu den genannten Behörden oder Politikern. Besonders regierungsfreundlich zeigten sich dabei das SRF und der Blick. Nur Zufall? Wohl kaum, denn bereits im Januar 2022 wurde ein Video öffentlich (siehe hier), in dem Ringier-CEO Marc Walder seinen Redaktionen in aller Welt beim Thema Corona absolute Regierungstreue ins Stammbuch schrieb. Der Blick gehört zur Ringier-Gruppe, die mit dem deutschen Axel-Springer-Verlag mehrere Gemeinschaftsunternehmen in der Medienbranche unterhält. Und beim öffentlich-rechtlichen SRF versteht sich die Rolle als Verlautbarungsorgan des Bundesrats und seiner Mitglieder quasi von selbst. Besonders begeistert zeigten sich die Schweizer Journalisten von Alain Berset, der den Ringier-Medien und dem SRF jeweils in weniger als vier Prozent der veröffentlichten Artikel irgendeinen Anlass zur Kritik gab, obwohl dieser in seiner Heimat alles andere als unumstritten ist. Aber irgendetwas müssen Gesundheitsminister offensichtlich haben, das andere Politiker, geschweige denn Normalsterbliche, nicht haben.

Stellt sich noch die Frage nach den Gründen für diese wohlwollende Berichterstattung über die Arbeit des Bundesrats. In der Schweiz wird schon länger gemunkelt, dass die Redaktionen des Blick und des SRF offensichtlich einen besonders guten Zugang zu den Behörden haben. Immer wieder fällt auf, dass die für diese beiden Medien arbeitenden Journalisten deutlich früher und deutlich mehr über die aktuellen Pläne der Regierung zu berichten wissen als die Konkurrenz. Von einem Maulwurf beim BAG oder gar einem Kuhhandel – wohlwollende Berichterstattung im Gegenzug für Informationen – wollte dort aber niemand etwas wissen. Alles nur das Resultat grundsolider Recherchearbeit, so die Behauptung von Blick und SRF. Auch wenn der letztendliche Beweis für unlautere Vereinbarungen zwischen BAG einerseits sowie Blick und SRF andererseits damit noch nicht erbracht ist, lassen die Ergebnisse der vorliegenden Masterarbeit doch einige Rückschlüsse zu.

Und auch im Duell Mann gegen Mann kristallisiert sich Alain Berset als unangefochtener Medienliebling heraus. Der Sozialdemokrat schneidet zwar bei fast allen Medien durchweg besser ab als sein konservativer Bundesratskollege Ueli Maurer, besonders groß sind die Unterschiede aber einmal mehr beim Blick und beim SRF. Negative Äußerungen über den Finanzminister tauchen der Untersuchung zufolge in beiden Medien rund doppelt so häufig auf wie beim Gesundheitsminister. Die von der Studentin Clara Goebels ermittelten Ergebnisse werden auch durch eine Studie des Forschungszentrums für Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich bestätigt, wie die NZZ berichtet. Jedoch seien der dabei ausgewertete Datensatz deutlich kleiner und die darin enthaltenen Artikel manuell klassifiziert worden. Zudem würden Aussagen zur Berichterstattung über einzelne politische Akteure fehlen, was aber nichts an der Feststellung ändere, dass die Medien tendenziell eher wohlwollend über die Corona-Politik berichtet hätten.

Und wie sieht es bei der NZZ aus?

Wer mit so vielen Steinen wirft wie die NZZ, der sitzt hoffentlich nicht in einem Glashaus. Wie sieht es also mit der Berichterstattung des freisinnigen Blatts aus Zürich aus? Fakt ist: Beim Anteil der Nennungen verschiedener Institutionen in Artikeln über Covid-19 schneidet die NZZ zwar besser ab als der Blick und das SRF, ist insgesamt aber kaum kritischer als der Durchschnitt aller Schweizer Medien. Insbesondere wenn es um die Arbeit der Corona-Task-Force ging, war nur das SRF noch zahmer als die NZZ. Sehr bissig zeigten sich die Zürcher dafür gegenüber dem Bundesrat, während sich das Blatt bei der Kritik am BAG wiederum im Mittelfeld bewegte.

Schlechte Presse hatte Gesundheitsminister Alain Berset aber auch aus der Redaktion der NZZ nur in den seltensten Fällen zu befürchten. Die Schweiz habe in der Krise vieles richtig gemacht, jubelte der NZZ-Kommentator Marc Tribelhorn am 31. Juli 2020 und verglich den Gesundheitsminister einen Tag vor dem Nationalfeiertag der Eidgenossen sogar mit Henri Guisan. Der General aus dem Waadtland war während des Zweiten Weltkriegs Oberbefehlshaber der Schweizer Armee.

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Text: reitschuster.de

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