Durchgehende Notfall-Versorgung in Deutschland nicht mehr gewährleistet Mangel an Betten und Personal

Von Kai Rebmann

Karl Lauterbach (SPD) schlägt Alarm. Aber nicht die sich immer weiter zuspitzende Situation in den deutschen Krankenhäusern treibt dem Bundesgesundheitsminister die Sorgenfalten ins Gesicht. Der Sozialdemokrat warnt vor einem neuen „Zeitalter der Pandemien“ und kündigt an, dass man „noch viel vor“ habe. Das sagt Lauterbach aber nicht irgendwo, sondern in Davos beim alljährlichen Treffen der globalen Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, auch als „Weltwirtschaftsforum“ (WEF) bekannt. Anstatt sich um die ganz aktuellen und seit Jahren offenkundigen Probleme im deutschen Gesundheitswesen zu kümmern, die tagtäglich Menschenleben kosten, philosophiert der Ein-Themen-Minister in den Schweizer Bergen lieber über die künftige Ausgestaltung einer von wem auch immer forcierten Agenda.

Akuter Handlungsbedarf besteht aber schon im Hier und Heute. Karl Lauterbach hat zwar ein groß angelegtes Reformgesetz für die deutschen Krankenhäuser angekündigt. Diese „Revolution“ (O-Ton Lauterbach) soll aber erst im August aufgegleist werden und kann – wenn überhaupt – frühestens im Laufe des Jahres 2024 greifen. „Die Reform kommt zu spät, um die aktuellen Probleme zu lösen“, warnt Gerald Gaß im „Handelsblatt“. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) bezieht sich dabei auf eine vom Deutschen Krankenhausinstitut durchgeführte Umfrage. Hierzu wurden in einer Stichprobe insgesamt 112 Kliniken mit jeweils mehr als 100 Betten zur Gesamtsituation in ihren Häusern befragt. Die Ergebnisse sind schockierend.

Permanenter Betrieb der Notaufnahme nur noch die Ausnahme

Zum Jahreswechsel konnte nicht einmal mehr jedes vierte Krankenhaus in Deutschland (23 Prozent) seine Notfall-Versorgung durchgehend, sprich rund um die Uhr, in Betriebsbereitschaft halten. Der DKG-Chef wertet dies als eindeutiges Signal dafür, „dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser stark überlastet sind.“ Neben qualifiziertem Fachpersonal im medizinischen wie auch im Pflegebereich fehlt es vor allem auch an ausreichenden Bettenkapazitäten, wie sich aus der Umfrage ergibt. Zwei von drei Krankenhäusern (66 Prozent) bezeichnen die Situation bei den Ärzten als „angespannt“, bei den Krankenschwestern und Pflegern sind es sogar 76 Prozent. Dramatisch: Trotz chronischem Personalnotstand und mangelhafter Ausstattung schreiben die Krankenhäuser in Deutschland tiefrote Zahlen. Besonders hoch ist das Defizit der Erhebung zufolge im Bereich der Notaufnahmen, also ausgerechnet dort, wo es im Zweifel um die Rettung von Menschenleben geht.

Dabei stellt die Notfall-Versorgung in den Kliniken nur die berühmte Spitze des Eisbergs dar. Denn wie so oft, kommt auch im Gesundheitswesen ein Problem selten allein bzw. resultiert als Folge aus anderen Missständen. Der Ärzteschwund insbesondere im ländlichen Raum macht sich inzwischen immer öfter in überfüllten Notaufnahmen bemerkbar. Wenn irgendwo ein Hausarzt seine Praxis schließt, gleicht die Suche nach einem adäquaten Ersatz mit ausreichend freien Kapazitäten für dessen ehemalige Patienten nicht selten der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Dann passiert das, was Gerald Gaß so beschreibt: „Die Notaufnahmen sind vielerorts zum Ersatz der wegbrechenden Versorgung im niedergelassenen Bereich geworden. Wer abends und am Wochenende keine ärztliche Hilfe findet oder bei akuten Beschwerden auf Termine in weiter Zukunft vertröstet wird, wählt den Weg in die Notfallambulanzen und erhält in den Krankenhäusern nach wie vor umgehend und verlässlich kompetente Versorgung.“

Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden

Dass die von Karl Lauterbach versprochene Reform die Probleme nachhaltig lösen wird, erscheint indes fraglich. Viele Experten halten die Pläne schon jetzt für eine Totgeburt. Denn der Minister versucht sich an nicht weniger als an der gesundheitspolitischen Quadratur des Kreises. Zwar sollen die Vergütungen insbesondere für die in den Notaufnahmen erbrachten Leistungen künftig erhöht werden, das Gesamtbudget für das Gesundheitssystem insgesamt soll dabei aber nicht steigen. Und da selbst Karl Lauterbach jeden Euro nur einmal ausgeben kann, warnt Markus Horneber, Chef des kirchlichen Krankenhausbetreibers Agaplesion: „Durch die Reform werden in vielen Kliniken wichtige Abteilungen schließen müssen.“ Eine Baustelle schließen und dabei zwei neue aufmachen – diese Art der Problemlösung à la Karl Lauterbach erinnert in fataler Weise an den unvergessenen Loriot und dessen Meisterwerk „Zimmerverwüstung“ (Das Bild hängt schief).

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

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