Ein widerlicher Umgang mit Joshua Kimmich Wo bleibt die Solidarität der Journalisten?

Von Alexander Wallasch

„Wo bleibt die Solidarität?“ fragt n-tv in Richtung Joshua Kimmich und kritisiert damit die fehlende Impfbereitschaft des Bayern-Stars und deutschen Nationalspielers.

Und das ist leider lange nicht die einzige Entgleisung von Journalisten im Fall Kimmich. Der Focus hatte am Vortag getitelt: „Kimmich ist vielleicht kein Impfgegner, aber er ist unsolidarisch und unwissend.“ Der Focus hat also gegenüber n-tv zur fehlenden Solidarität noch Dummheit hinzugefügt.

Die sich unmittelbar daran anschließende Frage muss hier allerdings lauten: Wo bleibt eigentlich die Solidarität der Journalisten? Oder nein, auf eine Haltung der Medien ihm gegenüber kann Kimmich gern verzichten, es müsste konkreter heißen: Wann kehren diese Erfüllungsgehilfen des Gesundheitsministeriums, der Bundesregierung und der Pharmaindustrie endlich zu ihrer Arbeit zurück oder bekennen sich einfach zu dem, was sie hier suggerieren zu sein: Lobbyisten und Wasserträger?

Das wäre diffamierend den Kollegen gegenüber formuliert? Leider nicht. Und das lässt sich im Folgenden beispielhaft anhand des n-tv-Artikels belegen:

Geschrieben haben den Artikel David Bedürftig und Torben Siemer. Bedürftig kommt von der taz, hat aber schon für den Spiegel ein paar Fachartikel geschrieben, beispielsweise über Knieverletzungen. Und Torben Siemer schreibt für das Sportressort bei n-tv.

Beide sind verhältnismäßig jung, haben sich aber schon ein paar Lorbeeren bei den größeren Zeitungen verdient und könnten ihr Handwerk eigentlich verstehen. Um so erstaunlicher, dass ihnen eine journalistisch-ethische Grundhaltung mindestens im Fall Kimmich offensichtlich abgeht oder sie diese einfach über Bord geschmissen haben.

In ihrer Bild-Unterschrift zum Artikel fragen die beiden, als wären sie examinierte Kindergärtnerinnen und würden sich über die Entwicklung eines der ihnen anvertrauten Kleinen unterhalten: „Wird sich Joshua Kimmich bald doch noch impfen lassen?“ Ja, was geht euch das eigentlich an, möchte man dazwischenrufen.

Eine große Heuchelei

Der n-tv-Artikel beginnt mit einem Täuschungsversuch, wo die Autoren nämlich befinden, man müsse „die Sorgen von Ungeimpften wie Joshua Kimmich ernst“ nehmen. Denn eben das passiert in diesem Artikel genau nicht.

Die Pathologisierung von Kimmich durch den Nachrichtensender erinnert an staatliche Diffamierungen in Diktaturen. Exakt nach diesem Muster hat Presse in der DDR gearbeitet.

Die Art und Weise, wie diese beiden Schreiber mit Kimmich umgehen, muss sehr ernst genommen werden. Hier geht es um schwere historische Defizite oder grundsätzlich um ein Problem mit dem journalistischen Berufsethos. Warum werden hier allgemeine ethische Ansätze nicht zur eigenen Handlungsorientierung verwendet?

Ein schlimmes Defizit der beiden, denn solche Artikel werden von Tausenden immer noch im Vertrauen gelesen, dass hier Autoren unterwegs sind, deren Arbeit eben auf einer journalistisch-ethischen Grundlage basiert.

Die beiden Schreiber heucheln also schon zu Beginn ihres Artikels, man müsse Kimmichs Sorgen ernst nehmen, um aber dann anzufügen: „(D)och der Bayern-Star lässt sich wohl mehr von seinen Emotionen leiten als von der Suche nach Aufklärung. Er stolpert über mehrere Missverständnisse, anstatt als Vorbild voranzugehen.“

Kimmichs Sorgen aber stehen zunächst einmal vor einer Abwägung, wie er sich gegenüber dem Impfen gegen Corona verhält, ob er sich impfen oder beispielsweise lieber regelmäßig testen lassen will. Die Journalisten sprechen ihm diesen Findungsprozess kategorisch ab, er müsse als Vorbild vorausgehen.

Es gibt bei n-tv für Kimmich keine Möglichkeit, sich für diese oder jene persönliche Haltung zu entscheiden. Also nimmt man die Sorgen des Fußballstars auch nicht ernst, sondern pathologisiert sie gleich zu Beginn des Artikels als Spinnereien oder wie es in der Überschrift umschrieben heißt, er leide unter einem „verheerende(n) Missverständnis“.

Persönlichkeitsrechte ja, aber ...

Aber die beiden Autoren stapeln ihre Lippenbekenntnisse noch höher, sie wissen also von Beginn an, was sie da tun:

„Soviel gleich vorweg: Jeder Mensch sollte über seinen eigenen Körper selbst bestimmen dürfen. Das Persönlichkeitsrecht sowie das Recht auf die Integrität von Leib und Leben sind hohe Rechtsgüter. Das ist klar, das darf nicht angetastet werden.“

Damit haben sie zunächst uneingeschränkt Recht. Aber dann kommt der absolut verheerende Nachsatz, der diese Autoren unmittelbar aus der Umlaufbahn des Sagbaren schießt, wenn sie weiter schreiben:

„Bei einer Impfung gegen das Coronavirus darf die Überlegung aber nicht an dieser Stelle enden.“

Das ist mindestens unverfroren. Denn einen Satz davor hieß es ja noch: „(D)as darf nicht angetastet werden.“ Und schon hängen die Tintenfinger der beiden Schreiber verkrallt im Persönlichkeitsrecht von Kimmich.

Aber warum trauen sie sich das, noch dazu an so exponierter Stelle? Weil in diesem Fall „die Impfung nicht nur die eigene Gesundheit, sondern die der Gesellschaft“ schützen würde. Wenn sich Kimmich also (noch) nicht impfen lassen will, „dann bringt er mit seinem ungeimpften Körper nicht nur sich, sondern auch andere Menschen in Gefahr. Und lässt vor allem Solidarität vermissen“.

Dass Kimmich selbst überhaupt nicht zur Risikogruppe gehört, seine eigene Gesundheit also überhaupt nicht in Gefahr bringt, es aber weiter jedem aus den Risikogruppen freigestellt ist, sich impfen zu lassen, interessiert die Autoren dieses denunziatorischen Machwerkes nicht. Und um diesen beiden Schreibern jetzt vollkommen gerecht zu werden: Es macht beim Lesen zunehmend den Eindruck, dass sie nicht wissen, was sie tun, dass sie nicht nachgedacht haben, wozu sie sich da haben instrumentalisieren lassen.

Diffamierung über die Tatstatur

„Ungeimpfte können eine höhere Viruslast mit sich tragen und damit Mitmenschen, auch vollständig geimpfte, leichter infizieren als Geimpfte.“ Leichter als Geimpfte? Hier immerhin schwant den Autoren, dass es eben doch nicht so schwarz-weiß ist, wie sie zugunsten ihrer Diffamierungsschreibe darzustellen versuchen. Aber nun haben sie schon mal ihre verheerende These eröffnet und finden einfach nicht mehr zurück.

Der Bürgermeister von Weimar hat gerade die Veröffentlichung von Zahlen von Geimpften in Kliniken eingestellt, es wurden wohl zu viele.

Aber doch: Ein Argument, sich nicht impfen zu lassen, lassen die Autoren dann doch gelten: Wenn der Impfstoff knapp sei, dürfe man sich nicht vordrängeln, aber: „Inzwischen ist der Impfstoff – zumindest im privilegierten Deutschland – nicht mehr knapp. Kimmich möchte sich trotzdem nicht impfen lassen.“

In Uganda oder sonst wo, ja, da, wo Impfstoff mutmaßlich knapp ist, hätte der Fußballspieler Kimmich noch ein bisschen zögerlich sein dürfen?

Kimmich sei Leistungs- und Führungsspieler, „(e)iner, der vorangeht. Normalerweise nicht nur sportlich“.

Das ist doch reinste DDR. Nur der politisch verdiente Freund des Sozialismus darf auch verdienter Sportler des Volkes sein.

Es ist wirklich zum Fremdschämen, was der Chef vom Dienst bei n-tv hier zwei Autoren hat durchgehen lassen, fast so, als hätte die Sportredaktion Narrenfreiheit oder als fürchte man aus der Sportecke sonst keinen so brachialen Unsinn und schaue gewohnheitsmäßig nicht so genau hin.

Es wird noch konkreter: Kimmich lege seine Führungsrolle ab, „wenn er sich nicht impfen lässt“.

Es ist also bei n-tv nicht weniger als eine öffentliche Androhung bzw. Aufforderung an die Vereine und die Nationalmannschaft, Joshua Kimmich Job und Auskommen zu nehmen, wenn er weiter auf sein Persönlichkeitsrecht besteht, welches ihm die Autoren eingangs also nur pro forma zugestanden hatten.

Kimmich wird zitiert mit dem Satz: „Gerade was Langzeitstudien angeht“, habe er „persönliche Bedenken“. Und da fangen die Autoren an, den Fußballer offen zu belehren. Erklären ihm, er folge damit „einem weit verbreiteten Missverständnis“. Die beiden wissen also besser, worum sich sonst Wissenschaftler in eine Debatte begeben oder noch intensiver streiten würden, gäbe es nicht noch mehr solcher diffamierenden Impfkampagnen-Journalisten.

„Auch die von Impfgegnern oft angeführten seltenen Fälle von Narkolepsie bei der Schweinegrippeimpfung traten kurzfristig auf“, schreiben David Bedürftig & Torben Siemer beschwichtigend. Das ist merkwürdig, demnach müsste Til Schweiger gelogen haben, als er genau davon erzählte, nämlich, dass eine seiner Töchter dieses Problem weiterhin hätte.

Skepsis sei vom Prinzip her ja erst einmal eine gute Sache, heißt es bei n-tv im Artikel, aber …

Zeile für Zeile wird es widerlicher: „Der Mittelfeldspieler will sein Weltbild möglicherweise mit zusätzlichen, evidenzbasierten Informationen aktualisieren und sucht hoffentlich nicht nur Informationen, die die eigene Sichtweise bestätigen.“

Direkt von der Klimadebatte zur Impfung

Sie wollen direkt ins Hirn des Fußballspielers! Die Gedanken sind dort nur noch frei, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Oder anders: Denk was du willst, dummer Kimmich! Aber lass dich dabei nicht erwischen und lass dich verdammt noch einmal endlich impfen, du dämlicher Kicker (Entschuldigung Herr Kimmich).

„Allerdings gibt es viele wie Kimmich, die abwarten und sich ’noch mehr informieren‘ wollen.“ Also viele Deppen, denn weiter heißt es: „Dabei gibt es überzeugende, weil empirisch belegte und wissenschaftlich überprüfte Informationen über die Effektivität und die Sicherheit der Corona-Impfstoffe bereits länger.“

Das ist die Adaption der Dialektik der als abgeschlossen gelten sollenden Klimadebatte. Die Impfung soll jetzt ebenfalls aus der Debatte genommen werden, sonst droht Verlust des Arbeitsplatzes und gesellschaftliche Ächtung.

Sagt mal n-tv. Schämt Ihr Euch eigentlich nicht?

Was für ein abstoßender Klang in jedem weiteren Satz:

„Da mehr als sechs Milliarden Impfdosen erfolgreich verabreicht wurden ohne diese Nebenwirkungen, darf die Skepsis von Kimmich und Co. langsam den überprüfbaren Fakten weichen. Beziehungsweise es muss dann eben eine persönliche, ehrliche Recherche stattfinden und kein ‚Abwarten‘.“

Die Schreiber verstehen nicht, was mit Kimmich los sei, er wirke doch meist wie ein junger Mann, der Dinge reflektieren würde.

Himmelherrgott, geht es eigentlich noch ekelhafter?

Dann das große Finale:

„Kimmich wird bei der Frage nach der Corona-Impfung also vermutlich nicht von der Rationalität oder einer Nutzen-Risiko-Abwägung in seinem Denken geleitet. Denn alle Fakten beweisen, dass es schlichtweg unvernünftig ist, eine Corona-Impfung abzulehnen.“

Hier sprechen ihm die Autoren also kategorisch ab, sich überhaupt mit dem Thema vernünftig auseinandergesetzt zu haben, er soll sich Hilfe holen bei Medizinern. Nein, zum Psychiater soll er nicht, das trauen sich die Autoren und n-tv (noch) nicht.

Das ist alles so widerlich. Wirklich eine einzige große Schande.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

 

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

 
Bild: Shutterstock 
Text: wal

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