Institutionalisierung der Gewalt durch Covid-19 Brandbeschleuniger der Krise

Von Christian Euler

Die Kollateralschäden der Coronakrise werden immer dramatischer, Risikoexperten rechnen bereits mit einer Institutionalisierung der Gewalt. Gemeint ist nicht einmal die häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder, die während des Lockdowns im Frühjahr 2020 und in der aktuellen Phase zugenommen hat.

Auch zivile Unruhen werden infolge der Covid-19-Pandemie in Zukunft zunehmen, prognostiziert der Industrieversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) in einer aktuellen Risikoanalyse. Der Tenor: „Die signifikante Zunahme von Unruhen, Demonstrationen und Vandalismus bei einem gleichzeitigen Rückgang von Terrorismusereignissen führt dazu, dass zivile Unruhen nun das Hauptrisiko für Unternehmen im politischen Bereich darstellen.“

Ein ähnliches Fazit zieht Verisk Maplecroft, ein auf globale Risikoanalysen spezialisiertes Forschungsunternehmen. Danach wird es in 75 Ländern bis Ende 2022 deutlich mehr Proteste geben. In mehr als 30 dieser Länder – vor allem in Europa und Amerika – werde es wahrscheinlich zu besonders starken Unruhen kommen.

Negative Auswirkung auf die politische Stabilität

„Die Anzahl, das Ausmaß und die Dauer von zivilen Unruhen und Protesten in den letzten zwei Jahren sind erschütternd – und wir haben gesehen, dass Unternehmen erhebliche Verluste dadurch erlitten haben“, meint Björn Reusswig, Leiter der Abteilung Global Political Violence and Hostile Environment Solutions bei AGCS. „Zivile Unruhen haben stark zugenommen, angetrieben durch Proteste zu Themen, die von wirtschaftlicher Not bis hin zu Polizeibrutalität reichen und die Bürger auf der ganzen Welt betroffen haben.“

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verschlimmere die Situation. Da kein Ende des wirtschaftlichen Abschwungs in Sicht sei, werde die Zahl der Proteste wahrscheinlich weiter steigen. Die Krise hat sich laut AGCS negativ auf die politische Stabilität ausgewirkt, die Polarisierung verstärkt und Fragen der Gleichberechtigung, der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der Bürgerrechte in den Vordergrund gerückt.

„Die Maßnahmen, die die Regierungen zur Bekämpfung des Coronavirus ergriffen haben, hatten erhebliche sozioökonomische Auswirkungen“, so Risikoexperte Reusswig, „die Frustration wächst in großen Teilen der Bevölkerung.“ Besonders deutlich sind die Verwerfungen in den USA, wo das soziale Sicherheitsnetz nicht so umfassend ist wie anderswo.

Heftigere Ausschreitungen in Deutschland zu erwarten

Nebenbei teilt die Allianz-Tochter gegen „Verschwörungstheorien“ aus, die „den Boden für künftige Turbulenzen“ bereiten sollen. Das liest sich so: „Eine Theorie, die die 5G-Technologie grundlos mit dem Coronavirus in Verbindung bringt, führte im vergangenen Jahr zu einer Reihe von Brandanschlägen auf Mobilfunktürme in Großbritannien und anderen europäischen Ländern.“

Wie sehr sich Unternehmen mit der Gefahr zunehmender Gewalt beschäftigen, zeigt die jährliche Risikoumfrage der Allianz. Danach kehrten „politische Risiken und Gewalt“ kürzlich erstmals seit 2018 in die Top 10 der Risiken zurück.

Kaum Wunder, dass Experte Reusswig nicht ausschließen kann, dass es auch hierzulande noch zu deutlich heftigeren Ausschreitungen kommt. Solange die Dauer des Lockdowns auf der Anzahl der Tests und der daraus resultierenden positiven Fälle basiert, dürfte sich daran wenig ändern.

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Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Shutterstock
Text: ce

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