Interview mit der Kalaschnikow Etwas andere Geschichten – Mein Krisen-Alternativ-Programm

Hand aufs Herz: Haben Sie es nicht auch satt, ständig negative Nachrichten zu lesen? Bei denen man denkt, es seien „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“? Was sie aber leider nicht sind – denn es sind reale Neuigkeiten aus Deutschland. Ich möchte Ihnen ein Kontrastprogramm bieten, aus meiner Zeit in Russland. Zum Entspannen und Schmunzeln. Voilà:

Plötzlich hat es Surab sehr eilig. Obwohl mein georgischer Freund mit seinen 62 Jahren sonst die Ruhe in Person ist und am Steuer lieber redet statt aufs Gaspedal zu drücken. „Jetzt müssen wir schnell an eine Tankstelle, sehr schnell, sonst kann es zu spät sein“, sagt er und lässt seinen uralten Nissan aufheulen. Wir rasen klappernd durch die Stadt und ich mache mir Sorgen, dass dieser Veteran der Autogeschichte seinen jahrzehntelangen Kampf gegen die Schlaglöcher unter solch erschwerten Bedingungen doch noch verlieren könnte. Dann endlich die Entwarnung – und vor allem das Bremsen: Surab hat eine Tankstelle am Straßenrand ausgemacht. „Uff, und noch keine Warteschlange davor“, sagt er erleichtert.

Der Grund für Surabs Hektik war wenig erfreulich: Unter den Hunderten Menschen, die täglich vor dem Flüchtlingsministerium im Tifliser Stadtteil Saburtalo auf Nachrichten und Hilfsgüter warteten, war wieder einmal das Gerücht umgegangen, dass sich die russischen Panzer auf Tiflis zu bewegen. An Gerüchte ist man gewöhnt hier in Tiflis in diesen unruhigen Tagen, man glaubt kaum noch etwas, gibt sich abgeklärt. Als dann aber auch noch ein Reporter der französischen Nachrichtenagentur AFP bestätigte, dass er die rollende Kolonne mit eigenen Augen gesehen hat, ist es mit der Abgeklärtheit schnell vorbei. Ein mulmiges Gefühl steckt einem in den Beinen. Beim letzten Panzer-Alarm gab es in Tiflis Panik, vor den Tankstellen bildeten sich kilometerlange Warteschlangen, bis es Entwarnung gab. Diesmal kommt die erlösende Nachricht schnell: Die russischen Panzer sind unterwegs abgebogen, Richtung Norden.

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Tiflis, die Perle des Kaukasus, im August 2008. In der Stadt sind die Spuren des Krieges nur auf den zweiten Blick zu erkennen. Vor vielen Gebäuden haben sich Flüchtlinge versammelt. Überall, wo ein Fernseher steht, versammeln sich aufgeregte Menschen, diskutieren die neuesten Nachrichten. Für die Journalisten ist die Arbeit schwierig, in der Regierung scheint das Chaos zu regieren. Da kommt plötzlich mitten in der Nacht ohne Vorwarnung ein Anruf, dass „Mischa“ zu einem Treffen einlädt – der Präsident. Da lädt einen der Chef des Sicherheitsrates direkt an der Frontlinie spontan ein, sich zu ihm ins Auto zu setzen, und mit ihm durch die Frontlinien in die besetzte Stadt Gori zu fahren – nicht ohne Vorwarnung: „Einen Rücktransport kann ich Ihnen nicht garantieren.

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Da nimmt einen in Gori mitten in der Nacht eine wildfremde Familie auf, als sei man ein Verwandter, stellt die letzten Lebensmittel-Reserven auf den Tisch, und mitten im Kriegsgefühl fühlt man sich plötzlich wie bei einer Familienfeier – wären nicht die Fenster durch die Druckwelle der Bombenexplosion herausgeschlagen. Da trifft man verzweifelte Flüchtlinge, Greise, die in einem Kindergarten einquartiert sind, auf winzigen Kinderstühlchen sitzen und sich in viel zu kleinen Kinderbetten kauern. „Ich flehe Sie an, rufen Sie meine Tochter an, in Tiflis, wir haben keine Verbindung hier, sagen Sie ihr, dass ich am Leben bin, aber nicht weiß, ob Papa noch lebt“, bittet eine alte Frau.

Im Stadtteil „Kombinat“ raufen sich alte Frauen verzweifelt bei der Ausgabe von Hilfsgütern, sie fallen auf den Boden, ringen dort weiter um die Kartons mit Lebensmitteln. Ein paar Straßen weiter liegen seit Tagen Leichen unter den Trümmern eines zerbombten Hauses. Weil die Russen kein Bergungsgerät durchlassen, können die Georgier die Toten nicht bergen, sagt der Vize-Gouverneur. Ein süßer, bestialischer Gestank liegt in der Luft. Verwesungsgeruch. Er setzt sich in den Kleidern fest, in der Nase, im Kopf. Der Geruch verlässt einen nicht mehr. Auch nach Tagen.

Die Nerven liegen blank

Unterwegs erzählt ein russischer Soldat seine Geschichte des Krieges – die in Widerspruch zur Version des Kremls steht. Moskau behauptet, es habe den Krieg weder provoziert noch vorbereitet, es sei von der georgischen Offensive eiskalt überrascht worden. Der Soldat, der seinen Namen nicht nennen wollte, erzählt, dass er und seine Einheit bereits drei Tage vor Kriegsbeginn den Marschbefehl aus dem tschetschenischen Schali an die georgische Grenze bekommen haben. Ein anderer russischer Soldat greift zu seiner Kalaschnikow, als er sieht, dass ich die Flüchtlinge neben ihm fotografieren will: „Verflucht noch mal, ich habe doch gerade gesagt, keine Fotos, du Hure.“ Gott sei Dank sind wir mit russischen Journalisten-Kollegen unterwegs, und ein junger Offizier rettet die Lage: „Das sind unsere, Russen“, schreit er und bückt sich zu unserem Autofenster: „Entschuldigen Sie bitte, das ist nicht böse gemeint. Wir sind einfach schon so lange hier, und die Nerven liegen blank. Gute Fahrt!“

Zurück in Tiflis, vor einem Flüchtlingsheim. Eigentlich sollte es ein Interview mit den Flüchtlingen werden. Doch die Rollen vertauschen sich. Denn die meisten Flüchtlinge sind aus Gori geflohen. Als sie erfahren, dass ich aus der Stadt komme, bildet sich sofort eine Menschentraube: „Wie ist die Lage dort?“, fragen die Menschen voller Angst und Hoffnung. „Es gibt kaum Zerstörung, fast alle Häuser stehen, es gibt keine Plünderungen, alles ist ruhig“, sage ich den Menschen, und ich sehe an ihren Augen, dass sie es gerne glauben würden, aber es nicht so recht können. „Sagen Sie uns, sollen wir schon zurückkehren, können wir?“ Eine Frage, die einen völlig überfordert. Ich nehme mein Handy und rufe bei der Familie an, die uns in Gori so freundlich aufgenommen hat. Tina, die Tochter der Hausherrin, beantwortet den Flüchtlingen alle Fragen. Ob die russischen Truppen wirklich abziehen, wie versprochen? „Ganz im Gegenteil“, sagt Tina mit aufgewühlter Stimme: „Die haben heute Zelte aufgebaut, man baut doch keine Zelte auf, wenn man abziehen will.

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Zurück im Hotel erreichen mich per Internet Kettenbriefe. Die westlichen Medien lögen, heißt es dort. Ein russischer Leser schickt eine E-Mail: „Sie sind ein großartiger Schüler von Goebbels.“ Einseitig sei die Berichterstattung, heißt es immer wieder. Ein bitterer Vorwurf. Dass auf beiden Seiten viel gelogen wird in diesem Krieg, steht außer Zweifel. Und Journalisten können nur schildern, was wir sehen und hören. Doch nicht alle tun das. In Gori berichtete eine Frau, dass sie russische Soldaten und Fernsehreporter des Senders NTW zu einem Interview gezwungen haben. Die Antworten, die sie sagen sollte, bekam sie auf einem DIN-A-4 Blatt, und mit vorgehaltener Kalaschnikow wurde sie dann gezwungen, in die Kamera das Richtige zu sagen – dass die Georgier Zchinwali säubern wollten.

Wir rufen beim russischen Verteidigungsministerium an, bitten darum, nach Zchinwali kommen zu dürfen, der Hauptstadt von Südossetien, um uns auch auf der anderen Seite der Front ein Bild von der Lage zu machen. Bislang haben die Russen die Grenze dicht gehalten, lassen niemanden durch. In Zchinwali gebe es eine eigene Pressestelle, sagt der Sprecher des Moskauer Verteidigungsministeriums. Man solle sich an die wenden. Ob er die Telefonnummer hat? Nein, sagt er, am Telefon könne er über solche sensiblen Informationen nicht sprechen: „Aber vor Ort kann man die Pressestelle leicht finden.“ Das Problem ist nur, dass die russischen Soldaten niemanden nach Zchinwali durchlassen. Um dahin zu kommen, wo man die Sondergenehmigung bekommt, muss man die Sondergenehmigung also bereits haben.

Surab, mein Freund, kann nicht mehr lachen, als ich ihm diese Geschichte erzähle. Er ist müde. Sein Sohn hat Flüchtlinge aufgenommen Zuhause, und er muss sie jetzt mit versorgen. Und jeden Tag kommt er, bis vor kurzem leibhaftiger Parlamentsabgeordneter, Professor und Rektor einer Hochschule, mindestens zweimal zu mir ins Hotel, bringt mir Essen und Trinken, das salzige Borschomi-Mineralwasser und Chatschapuri, gebackene Käsebrote. Widerstand ist zwecklos. Wir sind schließlich in Georgien, Inbegriff der Gastfreunschaft. „Du fällst mir sonst vom Fleisch, bestellen tust Du ja doch nichts im Hotel“, sagt Surab.

Plötzlich ruft Igor an, unser Fotograf in Russland, der sich jetzt in Moskau aufhält. Er will Surab sprechen. Er fragt ihn, wie es ihm geht, das folgt zumindest aus Surabs Antwort: „Wenn ich sagen würde, gut, würde ich lügen, Igor.“ Surabs Kopf wird röter. „Aber Eure Panzer stehen bei uns im Land, Zivilisten kommen um, Häuser werden ausgeraubt, Frauen vergewaltigt“. Am anderen Ende der Leitung in Moskau scheint Igor zu widersprechen. „Was heißt hier, wir haben angefangen? Selbst wenn es so wäre, rechtfertigt das etwas? Aber wir haben nicht angefangen, Eure Soldaten haben wochenlang unsere Dörfer bombardiert vorher“, sagt Surab, und seine Stimme wird immer heiserer. Auch Igors Stimme scheint immer lauter zu werden. „Agressiv“, „Völkermord“, „verrückter Präsident“, so die Wortfetzen, die ich höre. Ich nehme Surab mit sanfter Gewalt den Hörer aus der Hand: „Es reicht, dass Eure Völker Krieg führen, bitte, lasst Euch jetzt nicht auch noch von der Propaganda persönlich gegeneinander aufhetzen.“

Nach dem wirklich unangenehmen „Job“ mit dem Lauterbach-Interview bin ich Ihnen für ein Schmerzensgeld besonders dankbar – und verspreche dafür, auch beim nächstem Mal wieder in den sauren Apfel zu beißen und wachsam an dem gefährlichen Minister dran zu bleiben! Aktuell ist (wieder) eine Unterstützung via Kreditkarte, Apple Pay etc. möglich – trotz der Paypal-Sperre: über diesen Link. Alternativ via Banküberweisung, IBAN: DE30 6805 1207 0000 3701 71. Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut.

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Bild: Shutterstock

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