„Jüdische Menschen“ versus „Corona-Leugner:innen“ Wie Deutschland sich in Sachen Gleichbehandlung entlarvt

Von Ekaterina Quehl

Mein erster Gedanke beim Lesen darüber, dass der Duden das Wort Jude nicht mehr zu verwenden empfiehlt, weil es als diskriminierend empfunden werden kann, war: Was versteht man in Deutschland eigentlich unter Diskriminierung und warum meint man, es wäre eine solche, wenn man Menschen nennt, wie sie heißen und wie sie sich selbst nennen?

Mein erster Gedanke beim Lesen darüber, dass laut dem Chef des größten Beatmungsgeräte-Herstellers Stefan Dräger Impfverweigerer auf eine Behandlung im Krankenhaus verzichten müssen, war: Was ist das denn für ein krankes Land? Sie meinen Juden zu diskriminieren, wenn sie sie Juden nennen und behaupten gleichzeitig, es wäre gerecht, Menschen medizinisch nicht zu behandeln, wenn sie anders denken.

Mit diesen zwei Beispielen ist zum aktuellen Verständnis von Benachteiligung und Umgang mit Andersdenkenden in Deutschland eigentlich alles gesagt. Doch da es so viel mehr davon gibt, frage ich mich: Warum läuft es in der Gesellschaft damit so schief? Woher kommt diese Verzerrung von doch so offensichtlichen Werten?

Meine Oma ist wegen der Verhaftung ihres Vaters im Exil aufgewachsen und meine Großeltern durften nicht studieren. Sie hatten als Juden ein schweres Leben in der Sowjetunion gehabt, aber sie haben niemals aufgehört, sich selbst Juden zu nennen und haben sich meines Wissens von niemandem beleidigt gefühlt, der sie Juden nannte.

Trotz meines jüdischen Hintergrunds verstehe ich wenig von Diskriminierung als Wissenschaft, die in Deutschland zu einer solchen geworden ist. Aber man muss auch kein Wissenschaftler sein, um zu sehen, dass an dem Verständnis darüber bei denen, die es zu verstehen meinen, etwas gravierend falsch ist.

Wenn man in Deutschland meint, eine mögliche Benachteiligung sei dann vermieden, wenn man eine Mohren-Apotheke umbenennt oder einen Doppelpunkt vor eine Endung setzt, dann frage ich mich, ob diese Gesellschaft überhaupt noch in der Lage ist, an der richtigen Stelle anzusetzen.

Deutschland hat hunderte Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus und erlässt eine 2G-Regel in Buchenwald.

Seit kurzem ist in Deutschland Sterbehilfe erlaubt, doch dann führt der Verein, der Begleitung für würdevolles Sterben anbietet, eine Impfpflicht für Sterbewillige ein.

Die Zukunft der Kinder soll wegen des Klimawandels gefährdet sein und deshalb will man sie jetzt durch Abschaffung von Autos mit Verbrennungsmotor und diverse Reformen schützen. Währenddessen müssen diese Kinder stundenlang Masken im Schulunterricht tragen oder sie dürfen gar nicht in die Schule gehen und haben möglicherweise schlimme psychische Folgen für ihr ganzes Leben zu tragen.

Corona-Maßnahmen-Kritiker werden in großen Medien als Coronaleugner:innen bezeichnet und gleichzeitig als Rechte diffamiert. Menschen, die nicht geimpft sind, sind aktuell vom größten Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen. Aber auch sie werden fleißig als Verschwörungstheoretiker*innen „gegendert“.

Für Menschen mit Migrationshinergrund schreibt man in diversen Stellenanzeigen, dass sie bei gleicher Eignung bevorzugt werden, und dabei sieht man nicht, dass sie genau durch diese Hervorhebung benachteiligt werden. Als ob man sagen würde: „Du bist zwar nicht so wie wir und das wissen wir ganz genau. Aber wir wollen Dir zeigen, dass wir gut zu dir sind und sind sogar bereit, dich an unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen.“

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem man sehr gut Propaganda betreiben und politische Zwecke unterstützen kann. Sicher kann man Sprache auch als Korrektiv bestimmter gesellschaftlichen Entwicklungen verwenden. Aber meinen die „Experten“ für Gleichbehandlung etwa wirklich, sie hätten durch pauschale Anwendung bestimmter sprachlicher Formeln mögliche Benachteiligung vermieden? Oder wenn sie die „guten Anderen“ „richtig“ nennen und die „schlechten Anderen“ nicht im Krankenhaus behandeln lassen, dann seien sie auf der sicheren Seite?

Ich möchte keinen Ausflug in die Geschichte Deutschlands machen und nach Gründen für dieses verzerrte Verständnis vom Umgang mit „Anderen“ suchen. Aber ich denke, dass „Andere“ in Deutschland inzwischen zu so etwas wie einer Neurose geworden sind, die man stets mit unterschiedlichen Maßnahmen bedienen muss, wie etwa der Umbenennung von Straßennamen oder sprachlichen Verboten für bestimmte Bezeichnungen wie ein hautfarbener Stift. Dabei hat es wenig damit zu tun, womit es eigentlich zu tun haben sollte.

Ein russisches Sprichwort, das meine jüdische Oma oft zu sagen pflegte, heißt: Du kannst mich sogar einen Topf nennen, doch stell mich nicht in den Ofen. Vielleicht wäre es die richtige Stelle, an der man ansetzen sollte. Zumindest wäre es ein Anfang für das Verständnis dessen, womit sich die Experten für Antidiskriminierung & Co. auszukennen meinen.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge von anderen Autoren geben immer deren Meinung wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de.

Bild: Shutterstock
Text: eq

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