Mein illegales Corona-Tagebuch Russische Lösungen für den Umgang mit Corona-Maßnahmen

Von Ekaterina Quehl

Heute habe ich Zeit und es steht einiges auf der Liste. Als Erstes Arbeitsbrunch mit einem Kollegen. Der Inhaber des kleinen französischen Cafés weiß schon, dass wir heute kommen. Er bittet nämlich immer einen Tag vorher anzurufen, damit er die Bestellung aufnehmen kann. Am Ende des Gesprächs sagt er: „Wird dann gegen 12 Uhr geliefert“: Ein Zeichen für uns: Wir können entspannt um 12 Uhr in sein Café kommen. Der Kollege wartet schon auf mich ein paar Meter vor dem Eingang. An den Fenstern des Cafés hängen dunkle Vorhänge, an der Tür sehen wir ein Schild: „Liebe Kunden, wegen der Corona-Pandemie sind wir aktuell nur für Bestellungen außer Haus für Sie da.“ Ich rufe den Café-Besitzer nochmal an und sage „Wir möchten unsere 12-Uhr-Lieferung abholen“: Ein Zeichen für ihn, er kann für uns die Hintertür öffnen.

Nun sind wir drin. Der kleine hintere Saal, der von außen nicht zu sehen ist, ist voll. Keine Masken, keine Listen, entspannte Menschen, freundliche Bedienung. Etwas Vorsicht ist lediglich daran zu erkennen, dass nur jeder zweite Tisch besetzt ist. Ich frage den Restaurant-Besitzer, wie es bei ihm so laufe und ob er nicht auch mal Angst habe, aufzufliegen. Er winkt nur mit der Hand ab: „Wir sind natürlich vorsichtig, aber wir kennen hier das Ordnungsamt. Und was soll man machen? Wir dürfen doch nicht wegen lauter Angst unser Leben aufgeben.“ Für unser Brunch zahlen wir zwar das Doppelte, aber das Ordnungsamt muss schließlich auch sein Honorar bekommen.

Nach dem Brunchen fahre ich mit dem Taxi zum Arzt. Der Fahrer trägt seine Maske am Kinn und ich frage ihn, ob ich meine auch am Kinn tragen kann. „Natürlich! Ich sag schon, wenn ich die Polizei sehe“, sagt er mir und zwinkert.

„Übermorgen fliege ich ins Ausland und brauche einen Test, ich habe angerufen“, sage ich an der Rezeption der Arzt-Praxis. Den Arzt hat mir meine Freundin empfohlen. Er stellt negative Corona-Tests nur für „zuverlässige Patienten“ aus. Und obwohl es irgendwie schon alle wissen, dass viele Ärzte als „Privat-Leistung“ negative Corona-Tests ausstellen, sind manche – wie dieser auch – sehr vorsichtig. Sogar eine Maske muss ich in seiner Praxis aufsetzen. Im Gegenteil zu einer bekannten Kosmetikerin, die mir für Friseurbesuche Nachweise für negative Corona-Tests sogar ohne Datum ausstellt. Ich darf es dann selbst reinschreiben. Sie hat übrigens den ganzen Lockdown über gearbeitet: medizinisches Attest, Anrufen, Hintertür, Bargeld. Sie empfange aber nur zuverlässige Kunden, sagt sie. Als sie mir von ihrer Corona-Erkrankung erzählte, meinte sie nur, die Angst vor einer Insolvenz sei bei ihr schon immer größer gewesen als die vor Covid.

Als stolze Besitzerin eines negativen Corona-Test-Nachweises, mit dem ich die nächsten 48 Stunden alle Türen öffnen kann, gehe ich shoppen. Doch die Ladenbesitzer scheinen nicht besonders an meinem negativen Corona-Test interessiert zu sein: Sie nicken nur und lassen mich in ihr Geschäft lächelnd rein. „Was sollen wir mit denen schon anfangen?“, sagt mir ein Verkäufer, als ich ihn frage, ob er nicht meinen Test-Nachweis sehen möchte. „Alle wissen doch, dass sie keine hundertprozentige Aussagekraft haben und deshalb zum Schutz meiner Mitarbeiter und Kunden nur bedingt etwas beitragen. Lieber achten wir etwas mehr auf Hygiene, haben dafür aber mehr Kunden.“

In einem Geschäft muss ich meinen Namen, meine Adresse und meine Telefonnummer in eine Liste eintragen. Ich trage einen falschen Namen ein. Es interessiert auch keinen, ob ich den richtigen eingetragen habe. Es wissen einfach alle, dass sie mit diesen Listen das Infektionsgeschehen nicht verfolgen können, wozu also die Überprüfung meiner Daten. Viel wichtiger ist doch, dass das Geschäft läuft.

Im Einkaufszentrum treffe ich mich mit einer Freundin und wir versuchen unser Glück bei einem Italiener, der nur Außer-Haus zu verkaufen scheint. Ich gehe auf den Kellner zu, der an der Eingangstür steht. Ich frage ihn direkt: „Können wir bei Ihnen auch drinnen essen?“ Er schaut sich um und sagt leise: „Seid ihr zu zweit? Kommt mit.“ Durch die dunklen, verborgenen Flure des Einkaufszentrums folgen wir dem Kellner bis zur Hintertür des Restaurants. Der Kellner lässt uns rein und wir sehen ein großes Ambiente mit stilvoll gedeckten Tischen. Masken, Tests oder Listen interessieren hier niemanden. Es spielt sogar Musik. Wir fühlen uns zurückgeworfen in das Jahr 2019. Ungestört genießen wir – wie alle Menschen hier – unser feines Abendessen. Auch hier bezahlen wir gefühlt das Doppelte vom Normalpreis. Das gehört sich aber: Security und Polizei haben hier ihre eigenen Tarife. Denn auch sie verstehen, dass Menschen arbeiten müssen, damit sie etwas haben, wovon sie und ihre Familien leben können.

Abends gehe ich noch ins Schwimmbad. Zwar sind Schwimmbäder nur für Profi-Sportler geöffnet, aber irgendwie hat jeder in seinem Bekanntenkreis einen Freund, der einen Freund kennt, der weiß, wie man für einen bestimmten Betrag im Handumdrehen zu einem Profi-Sportler wird. Ich werde zu einem – immer sonntags und donnerstags.

Mein Tag geht nun zu Ende. Es ist ein fiktiver Tag. So würde er aussehen, wenn ich in Russland leben würde und wenn dort ähnliche Einschränkungen gelten würden wie hier, in Deutschland. Gewiss wäre ich mit meinem „Verbrechen“ und meinem Sehnen nach persönlichen Freiheiten und Normalität keinesfalls allein.

Menschen in Russland haben viele Krisen erlebt. Mangel und fehlende Unterstützung vom Staat lehren, Verantwortung für das eigene Leben selbst zu übernehmen und sich des gesunden Menschenverstandes zu bedienen. Angst und Starre helfen nicht, Krisen zu überwinden, ein klarer Kopf und Freude am Leben schon. Und wenn sie im Vordergrund der Handlungen stehen, dann fällt es einem extrem schwer, solche Absurditäten, die den Alltag im heutigen Deutschland prägen, zu akzeptieren und zu begreifen, wieso die Mehrheit sie als solche nicht erkennt. Um das Absurde zu umgehen, suchen wir nach Alternativlösungen. Damit wir unser Leben weiterleben, unsere Kinder eine glückliche Kindheit haben und damit wir letztlich mit unseren Körpern alles tun und lassen, was wir wollen. Niemand darf darüber bestimmen. Risiken nehmen wir dabei in Kauf. Denn sie gehören nun mal zum Leben dazu.

Eine kurze Anmerkung von Boris Reitschuster: Das, was Ekaterina Quehl hier als Fiktion beschreibt, haben mir in vielen Teilen völlig unabhängig von ihrem Text gerade in Moskau Freunde und Bekannte aus der Zeit des Lockdowns dort vergangenes Jahr bestätigt – aus persönlicher Erfahrung.
Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
Namentlich gekennzeichnete Beiträge von anderen Autoren geben immer deren Meinung wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de und studiert nebenberuflich Design und Journalismus.

Bild: Shutterstock
Text: eq

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