Kindertraum Chronik einer Krankheit

Corona macht krank, Corona kann töten.

Corona ist schlimm, verändert die Gesellschaft und das Leben. Darüber berichten wir. Geschichten, die Corona schreibt. Geschichten, die es nicht in die Medien schaffen. Wir geben Zahlen einen Namen und eine Seele. Die Serie „Kollateralschaden“ basiert auf Berichten Betroffener der Coronapolitik, damit keiner sagen kann: „Das haben wir nicht gewusst!“

Wir schreiben auf: Johanna Wahlig (Politologin, Journalistin, Unternehmerin) und Frank Wahlig (Historiker und 30 Jahre ARD-Hauptstadtkorrespondent) recherchieren für reitschuster.de. Wer aus seinem beruflichen oder privaten Leben einen „Kollateralschaden“ melden möchte: Vertraulich und persönlich, per E-Mail an [email protected]

Kindertraum

Von Johanna und Frank Wahlig

Villa Kunterbunt, Lönneberga, Bullerbü: Sehnsuchtsorte einer ganzen Lesergeneration. Für Franz und Ulrike aus Bayern werden Kinderträume wahr. Franz und Ulrike packen nach Weihnachten ihre Kinder, ihre Koffer und Kisten. Sie ziehen an ihren Sehnsuchtsort. Ein Zufluchtsort. Möckelsnäs Herrgård. Schweden!

Ganz so romantisch, wie es sich anhört, ist es nicht: „Wir sehen uns gezwungen, unsere Heimat zu verlassen, unsere Kinder zu entwurzeln“, sagt Franz. „Weil wir hier nicht mehr frei leben können, nicht mehr frei atmen können. Wir haben keine Existenz mehr. Unsere gesamte Lebensplanung ist zerbrochen.“

Möckelsnäs Herrgård ist keine Villa Kunterbunt. Möckelsnäs Herrgård ist Zufluchtsort. Ein Hotel, ein prachtvolles Herrenhaus. Zwischen Wäldern und Seen. Südschweden. „Dort wird es nicht ganz so früh dunkel im Winter“, sagt Franz. Mit den vier Söhnen und Freunden werden sie dort leben. Sie bewirtschaften das Hotel. Sie werden Gäste empfangen. Sie laden alte und neue Freunde ein. Sie suchen eine neue Heimat dort. 1945 sind die Großeltern von Franz schon einmal dorthin.

Im Coronajahr 2020 haben Franz und seine Familie ihre Heimat verloren.

Franz ist EDV-Berater. „Soloselbstständiger“, wie es heute heißt. Mit dem ersten Lockdown schon brachen all seine Aufträge weg. Franz betreut seine Kinder zu Hause. Er geht kaum noch raus. Zu anderen Menschen hat er kaum mehr Kontakt. Die Familie ist existenziell bedroht. Franz bekommt gesundheitliche Probleme: Bluthochdruck, Depressionen. Er kann nicht mehr schlafen.

Ulrike ist Zahnarzthelferin. Kurzarbeit. Verwaltung im Homeoffice. Ulrike nimmt Aushilfsjobs an, damit die Familie über die Runden kommt. Die Nerven liegen blank.

Aus der Traum.

Franz Juniors Ausbildung wird unterbrochen. Kollegen zeigen ihn an wegen „unrichtigen Tragens der Maske im Dienst“. Sohn 2 kann sein Musikstudium nicht mehr finanzieren. Der 20-jährige gibt keine Konzerte mehr. Keine Auftritte, kein Geld. Kein Lebensplan. Sohn 3 wird von der Schule verwiesen. Die Lehrerin unterstellt dem Siebtklässler, verreist gewesen zu sein. Der Klassensprecher wird angewiesen, Schüler zu melden, die Masken vom Gesicht ziehen. Sohn 3 verliert seine Freunde. Sohn 4 ist schwerbehindert und kann keine Maske tragen. Er muss auf seinem Platz sitzen bleiben, während Kinder mit Maske miteinander spielen. Die Großmutter der Lehrerin könnte sterben, wenn Kinder keine Maske tragen, erklärt sie dem 7-Jährigen.

„Was ist Heimat?“ fragt sich Franz: „Familie, Freunde, Kinder. Schule und Arbeit“. Glückliche Kinder und ein Auskommen für die ganze Familie. „In Deutschland haben wir keine Heimat mehr“, sagt Franz.

Ein Freund, Unternehmer aus der Baubranche, hat Möckelsnäs Herrgård gekauft. Unternehmerisches Risiko eingeschlossen. Dort wird die ganze Familie mitarbeiten und leben. „Übrigens denken wir daran, auch anderen Familien das Haus als Zufluchtsort für ein neues Leben zur Verfügung zu stellen“, sagt Franz. Neue Heimat, sein Kindertraum?

Anm. d. Red.: Die Geschichte von Franz ist so interessant, dass ein Besuch im Frühling in Schweden vorgemerkt ist …


 

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Johanna Wahlig ist Politologin, Journalistin und Unternehmerin. Frank Wahlig ist Historiker und war 30 Jahre lang ARD-Hauptstadtkorrespondent.
 
Bild: Holger Schurak

Text: Johanna und Frank Wahlig

 

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