Ostdeutschland wird zum Corona-Musterland Viel gescholtene "Impfmuffel" entpuppen sich plötzlich als Musterknaben

Von Alexander Wallasch

Statistiken lügen selten, viel öfter sind die Interpretationen der Daten unzulässig, politisch motiviert und verzerrt dargestellt.

Der Osten Deutschlands ist böse, staatsfeindlich und voller Corona-Leugner. Speziell Sachsen ist verloren für die Gemeinschaft, dort leben nur noch diktatursozialisierte Querköpfe und Nazis – nein, man muss nicht lange suchen, solche Grundauffassungen in etablierten Kreisen zu entdecken.

Marco Wanderwitz (CDU), der ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, sorgte mit anti-ostdeutschen Äußerungen für Empörung, sein Nachfolger Carsten Schneider blies gleich zum Einstand ins selbe Horn. Fast so, als wolle er die Anwürfe von Wanderwitz noch einmal neu aufwärmen.

Dass es bei diesen Diffamierungsversuchen Ostdeutschen gegenüber darum geht, eine Korrelation zu schaffen zum überproportional hohen Anteil an AfD-Wählern im Osten, muss hier nicht erwähnt werden.

Aber schauen wir doch mal konkret am Beispiel Corona, was stimmt. Und wie die Lage in Ostdeutschland – speziell in Sachsen – wirklich aussieht.

Ungeimpfter Osten

Oder böser gefragt: Sind die AfD-Freunde in Sachsen und anderswo im Dunkel der Republik alle schon gestorben oder doch noch auf dem letzten Meter genesen oder geimpft worden?

Beginnen wir mit der Zahl der Geimpften im Osten. Es ist schrecklich, Sachsen (grundimmunisiert 61,9 %) ist Schlusslicht, gefolgt von Brandenburg (66,2 %), Thüringen (67,1) und Sachsen-Anhalt (69,7 %).

Da sieht es in der Tat ganz böse aus für die Ostdeutschen, vergleicht man diese Zahlen mit den Impfmusterländern im Westen, wo Bremen (85,4 %), Saarland (79,0 %) und Hamburg (78,2 %) so vorbildlich durchgeimpft und grundimmunisiert sind.

Und während der „La Ola“ für den goldenen Bohnenkaffee-Westen ignorieren wir mal, dass die Grundimmunisierung gerade noch so viel wert ist, als wäre man ein Ungeimpfter.

Wie lässt sich aktuell nachprüfen, was der westdeutsche Gehorsam den staatlichen Impfkampagnen gegenüber eingebracht hat?

Zwei Auswertungen von Meldedaten dürften hier besonders aufschlussreich sein:

Zum einen die COVID-19-Fälle der letzten 7 Tage/100.000 Einwohner in den Ländern. Und zum anderen die Krankenhausinzidenzen in den Bundesländern.

Beginnen wir mit den COVID-19-Fällen der letzten 7 Tage. Die finden sich im COVID-19-Dashboard des Robert Koch-Institutes. Und da sind erstaunlicherweise weite Teile Westdeutschlands die am stärksten von Neuinfektionen betroffenen Gebiete – von Bayern über Baden-Württemberg bis hinauf nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Impfmangelgebiete wie Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wirken demgegenüber geradezu wie Musterländer in Sachen Neuinfektionen.

Beispiele gefällig?

Görlitz hat 229,5 Fälle in den letzten sieben Tagen zu vermelden. Demgegenüber steht Nordfriesland mit 892 neuen Fällen. Stendal meldet 228,1 Fälle und Harburg 900,7 Neuinfektionen. Im Vogtlandkreis sind es 172,8 Neuinfektionen, während Oldenburg 729,5 Fälle meldet.

Dieses auffällige Missverhältnis ließe sich beliebig fortführen. Fairerweise muss man sagen, dass es auch einige mustergültige westliche Landkreise gibt, die sich durchaus am Osten, mit seinen vergleichsweise niedrigen Zahlen, orientiert zu haben scheinen.

Der Westen hat Probleme

Kommen wir zur Hospitalisierungsquote, also zur Anzahl der wegen Corona in einem Krankenhaus aufgenommenen Patienten auf 100.000 Einwohner. Sieger ist hier Sachsen mit gerade einmal zwei Patienten in den letzten sieben Tagen auf 100.000 Einwohner. Das Impfmusterland Bremen schockiert hier geradezu mit 14,56 Patienten/ 100.000 Einwohner, die in den letzten sieben Tagen wegen Corona ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Und beispielsweise Schleswig-Holstein (5,05) hat immer noch doppelt so viele Einlieferungen wie Brandenburg.

Der Autor Dr. Wolfgang Hintze geht noch einen Schritt weiter, er hat die zynische Schlagzeile „Je AfD, desto Corona“ des Spiegels von Ende November 2021 auf den neuesten Stand gebracht und titelt jetzt wahrheitsgemäß „Je Ampel, desto Corona“.

Hintzes Fazit nach Studium der neusten Zahlen aus dem RKI geht ganz genüsslich noch weiter ins Detail:

„Je mehr Grüne, desto mehr Corona“ (deutlich positiv korreliert), „Je mehr AfD, desto weniger Corona“ (deutlich negativ korreliert) und „Je mehr SPD, desto mehr Corona“. Die Ampel hat also einen negativen Einfluss auf die Volksgesundheit? Oder ist das nur böswillig interpretiert?

Eines jedenfalls steht fest: Wer sich nicht mit Corona infizieren und auch nicht ins Krankenhaus will, der befindet sich, noch bevor es ans Impfen geht, wenn er in einem östlichen, nicht rot-grün dominierten Bundesland lebt, längst nicht mehr auf der dunklen Seite des Mondes. Aber es kann ihm durchaus passieren, dass er dort auf ein paar freundliche Spaziergänger trifft.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Shutterstock
Text: wal

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