Ramadan: Bundesliga unterbricht Spiele zum Fastenbrechen Ideologisierung des Fußballs schreitet weiter voran

Von Kai Rebmann

Es gab einmal eine Zeit, in der sich der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen gegen jede Form politischer, religiöser oder ideologischer Instrumentalisierung verwahrt haben. Heute gehören gegen Rassismus kniende Sportler, Regenbogenflaggen und ähnliche Symbole der „woken“ Blase in vielen Stadien rund um den Globus längst zum Alltag. Wir erinnern uns noch gut an die Fußball-EM 2021, die wie kein anderes Turnier zuvor zu einer ideologischen Bühne wurde und sich von der LGBTQ-Community für deren Zwecke missbrauchen lassen musste. Vor dem Gruppenspiel gegen Ungarn beantragte der DFB bei der UEFA, die Allianz-Arena in München in den Farben des Regenbogens erstrahlen lassen zu dürfen, um damit ein politisches Zeichen gegen Ungarns Präsidenten Viktor Orbán zu setzen. Der europäische Dachverband der Fußballer untersagte die Aktion zwar, gestattete Manuel Neuer und einigen weiteren Gratismut-Helden aber, stattdessen ihre regenbogenfarbenen Kapitänsbinden in den Stadien spazierenzutragen. Werden wir derartige, und in diesem Fall dann vielleicht sogar nicht gänzlich sinnbefreite Botschaften auch bei der anstehenden Fußball-WM in Katar sehen, einem Land in dem zum Beispiel Homosexuellen das Gefängnis und Peitschenhiebe drohen? Man darf gespannt sein…

Jetzt hat auch die Bundesliga ein weiteres Stück ihrer religiösen Neutralität aufgegeben. Während die Deutsche Fußball Liga (DFL) am Ostersonntag – dem Tag, an dem die Christen der Auferstehung Jesu Christi gedenken – gleich vier Spiele angesetzt hat, wurden in den Tagen unmittelbar davor zwei Bundesliga-Parteien unterbrochen, um muslimischen Spielern im Ramadan die Gelegenheit zum Fastenbrechen zu geben. Während des Fastenmonats Ramadan ist Muslimen die Nahrungsaufnahme zwischen Sonnenaufgang und -untergang verboten. Der Ramadan begann in diesem Jahr am Abend des 1. April und endet am Abend des 1. Mai. Am 6. April unterbrach Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck die Partie zwischen dem FC Augsburg und 1.FSV Mainz 05 und entsprach damit einer Bitte von FSV-Kapitän Moussa Niakhaté. Wenige Tage später, am 10. April, folgte Schiedsrichter Bastian Dankert diesem Beispiel und unterbrach für den Spieler Mohamed Simakan (RB Leipzig) das Heimspiel seines Klubs gegen die TSG Hoffenheim.

Bundesliga setzt sich dem Verdacht der ideologischen Instrumentalisierung aus

Diese Unterbrechungen von Bundesligaspielen zum Fastenbrechen während des Ramadans werfen einige Fragen auf. Wäre es nicht zumutbar gewesen, zum Beispiel im Fall des RB-Spielers Simakan, die verbleibenden rund 15 Minuten bis zur Halbzeit abzuwarten und sich dann in der Kabine zu stärken? Hätten die beiden Spieler nicht während einer sonstigen kurzen Spielunterbrechung etwas zu sich nehmen können? Warum wurden ausgerechnet zwei Spiele der medial besonders im Fokus stehenden Bundesliga unterbrochen, aber keine Spiele in den darunter liegenden Spielklassen oder im Amateurbereich? Verspielt ein muslimischer Fußballprofi sein Seelenheil, wenn er in Ausnahmesituationen während des Ramadans auch tagsüber mal etwas zu sich nimmt? Welche Alternativen hätte es sonst noch gegeben?

Ich habe beim Südbadischen Fußballverband (SBFV) und Badischen Fußballverband (BFV) nachgefragt, ob in den jeweiligen Verbandsgebieten Fälle von Spielunterbrechungen wegen des Ramadans bekannt sind und wie die Verbände grundsätzlich zu diesem Thema stehen. Johannes Restle (SBFV) antwortete: „Aktuell ist uns ein solcher Fall nicht bekannt. Wir stehen dem Thema aber sehr offen gegenüber. Sollte sich ein Verein vor einem Spiel beim Schiedsrichter melden und darum bitten, dass eine kurze Unterbrechung während des Spiels durchgeführt wird, sehen wir keinen Anlass, dass diesem Wunsch nicht entsprochen wird.“ Annette Kaul (BFV) teilte hierzu mit: „Uns sind aus den Spielklassen im BFV keine derartigen Anträge bekannt. Dies vermutlich auch deshalb, da die Spiele in der Regel vor Sonnenuntergang stattfinden.“ Im Übrigen begrüße man so etwas aber und sehe diese Rücksichtnahme als Teil des Fair Plays. Seit Beginn des Ramadans haben allein im Verbandsgebiet des BFV immerhin 69 Spiele stattgefunden, die um 19:30 Uhr oder später angepfiffen wurden und von denen laut Auskunft des BFV keines unterbrochen worden ist. Weil die ideologische Bühne auf einem Sportplatz in Waldangelloch bei einem Spiel vor 59 Zuschauern nicht groß genug ist?

Rechtsgutachten gestattet Ausnahmen für muslimische Profisportler

Selbst Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, betonte gegenüber dem Deutschlandfunk, dass Ausnahmen existierten, dank derer Fußballprofis auch während des Ramadans vor ihren Wettkämpfen etwas essen und trinken dürften. Diese Aussage deckt sich mit einem Gutachten, das der DFB im Jahr 2010 von Rechtsgelehrten der Al-Azhar-Universität Kairo hat anfertigen lassen, um eben die Frage zu beantworten, wie sich insbesondere Fußballprofis während des Ramadans verhalten sollten. In dem Gutachten wird unter anderem ausgeführt, dass Profisportler von ihren Pflichten während des Ramadans befreit werden können, wenn sie Ersatzleistungen wie etwa Essensspenden an Bedürftige oder das Nachholen der Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt erbringen.

Muslimische Sportler gehen mit dem Fasten während des Ramadans bisweilen sehr unterschiedlich um. Im Jahr 2016 fiel der Ramadan mit der Fußball-EM zusammen. Die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Emre Can wollten damals keine Extra-Wurst gebraten bekommen und verzichteten während des Turniers auf das Fasten. Dem steht das unrühmliche Beispiel des tunesischen Torhüters Mouez Hassen gegenüber, der im Jahr 2018 in mehreren Länderspielen Verletzungen vortäuschte, um seinen Mitspielern während der vermeintlichen Behandlungspause die Gelegenheit zum Fastenbrechen zu geben.

Auch ein Blick auf den Spielplan der Fußball-WM 2022 in Katar offenbart Bemerkenswertes. Am 25. November 2022 (einem Freitag) sind Spiele von Iran (Gegner noch offen) und WM-Gastgeber Katar (gegen Senegal) angesetzt. Der Freitag hat für Muslime eine ähnliche Bedeutung wie der Samstag für Juden oder der Sonntag für Christen. Insbesondere die Teilnahme am Freitagsgebet ist allen männlichen Muslimen ab dem Pubertätsalter verpflichtend vorgeschrieben, Frauen wird die Teilnahme empfohlen. Das Freitagsgebet ist in einer „Freitagsmoschee“ zu verrichten, beginnt um die Mittagszeit zu genau festgelegten Zeiten und dauert in der Regel zwischen 40 und 60 Minuten, teilweise aber auch länger. Für Muslime, die sich am 25. November 2022 in Doha oder in der Umgebung von Katars Hauptstadt aufhalten, beginnt die Gebetszeit für das Freitagsgebet an diesem Tag um genau 11:21 Uhr Ortszeit. Die Partie zwischen dem Iran und einem noch zu ermittelnden Gegner wird um 13:00 Uhr Ortszeit angepfiffen. Warum müssen in Deutschland wegen des Ramadans also Bundesligaspiele unterbrochen werden, wenn selbst bei einer WM in einem arabischen Land ein Spiel des weltweit wohl „muslimischsten“ Landes (Iran) ausgerechnet während der heiligsten Stunden der Woche angesetzt wird?

Christliche Sportler haben gezeigt, dass es auch anders geht

Moussa Niakhaté, Mohamed Simakan und anderen muslimischen Fußballern stünde es frei, bei einem Spiel, das während des Ramadans in den Abendstunden stattfindet, auf einen Einsatz zu verzichten, wenn es ihnen mit dem Glauben tatsächlich so ernst ist. Es gibt wohl kaum einen Trainer, Fan oder Funktionär, der dafür kein Verständnis aufbringen würde. Stattdessen wird die Bundesliga einmal mehr – bewusst oder unbewusst – von einer Minderheit als ideologische Arena benutzt, um der eigenen Haltung Ausdruck zu verleihen. Dass es auch ganz anders geht, haben in der Vergangenheit Sportler gezeigt, die sich zum Christentum bekennen bzw. während ihrer aktiven Zeit dazu bekannt haben.

Der ehemalige Weltklasse-Dreispringer Jonathan Edwards (Großbritannien) verzichtete zu Beginn seiner Karriere auf die Teilnahme an Wettkämpfen, wenn diese sonntags stattfanden. Dadurch verpasste er unter anderem die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und an der Leichtathletik-WM 1991 in Tokio, da die dazugehörigen Qualifikationswettkämpfe jeweils an einem Sonntag stattfanden. Zwar änderte Jonathan Edwards, dessen bei der Leichtathletik-WM 1995 in Göteborg aufgestellter Weltrekord von 18,29 m auch heute noch Bestand hat, seine extreme Haltung im weiteren Verlauf seiner Karriere und fiel inzwischen vollends vom Glauben ab, aber gerade zu Beginn seiner Karriere stellte er seinen christlichen Glauben im Zweifel vor seine sportlichen Ziele.

Auch die US-amerikanische Fußballerin Jaelene Daniels (USA), die für North Carolina Courage spielt, musste für ihr öffentliches Bekenntnis zum Christentum einen hohen Preis bezahlen. Die Verteidigerin, die damals noch Jaelene Hinkle hieß und bereits acht Länderspiele für die USA bestritten hatte, wurde im Juni 2017 in den Kader für die beiden anstehenden Spiele gegen Schweden und Norwegen berufen. Als sie erfahren hatte, dass die USA anlässlich des LGBT-Pride-Monats Juni in den beiden Spielen in Trikots mit dem Regenbogen-Symbol auflaufen würden, verzichtete Daniels auf einen Einsatz und reiste aus dem Trainingslager ab. Die Folge war ein massiver Shitstorm in den Sozialen Medien. Daniels erklärte ihren Verzicht später gegenüber CBN einmal wie folgt: „Tief in meinem Inneren war ich felsenfest davon überzeugt, dass es nicht meine Aufgabe war, dieses Trikot zu tragen.“ Jaelene Daniels wurde nie wieder für ein Länderspiel nominiert. Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über die nach wie vor in der höchsten amerikanischen Profiliga aktive Fußballerin geht mit keiner Silbe auf diese durchaus erwähnenswerte Episode ein und endet stattdessen im Jahr 2016.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Vitalii Vitleo/Shutterstock
Text: kr

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