Soll Spahn zum Kanzler gepuscht werden? Stimmungsmache in der Hauptstadt

„Operation Kanzleramt“ – unter diesem Titel beschreibt heute „Bild“ ganz groß, was ich schon mehrfach aus CDU-Kreisen gehört habe: Dass Gesundheitsminister Jens Spahn Nachfolger von Angela Merkel (CDU) werden will. „Offiziell hält ihn der Kampf gegen die Corona-Pandemie in Atem, doch hinter den Kulissen kämpft Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) noch immer mit aller Macht um das Kanzleramt!“, heißt es in dem Bericht, der hinter einer Bezahlschranke steht.

Am übernächsten Wochenende wird auf einem digitalen Parteitag entschieden, wer CDU-Chef wird. Und damit gute Chancen auf das Kanzleramt hat. Im Kampf um den Posten tritt Spahn zwar selbst nicht an. Doch er ist im Team mit Armin Laschet, der sich gegen Norbert Röttgen und Friedrich Merz durchsetzen will. Vor allem jüngere Mitglieder der CDU klagen laut „Bild“ darüber, dass Laschet nicht hart genug kämpfe. Auch Spahn attackierte angesichts schlechter Umfragewerte seinen offiziellen Bündnisgenossen kaum verhohlen öffentlich: „Wahlkampf heißt auch deswegen so, weil die Partei sehen will, dass man kämpft“, sagte er in einem Podcast.

„Bild“ schreibt weiter, Spahn habe „in den vergangenen Wochen mit verschiedenen einflussreichen CDU-Politikern und -Landesfürsten immer wieder seine künftige Rolle diskutiert. Dabei habe er „in verschiedenen Telefonaten gesagt, dass er über eine Kanzlerkandidatur auch dann nachdenke, wenn Laschet den CDU-Vorsitz übernehmen sollte“.

Um den „Bild“-Artikel richtig einordnen zu können, muss man wissen, wie Medien und Politik in Berlin interagieren. Spahns Mann, Daniel Funke, dem eine Verbindung zur Funke-Familie nachgesagt wird, der zahlreiche Medien gehören (WAZ), ist Leiter des Hauptstadtbüros von Burda. Im Burda-Verlag erscheinen unter anderem „Focus“ und „Bunte“. Spahn wird ein besonders guter Draht auch zur „Bild“-Zeitung nachgesagt. „Da wird öfter mal was durchgestochen und so über die Zeitung Politik und Reklame für Spahn gemacht“, berichtete mir erst kürzlich ein CDU-Insider aus dem Bundestag. Im vorliegenden Fall wird hier also ganz offenbar versucht, in der Öffentlichkeit die Idee zu verankern, Spahn sei ein möglicher Kanzler. Denn tatsächlich wird in dem Beitrag eigentlich nur heiße Luft verdichtet. Aber beim eiligen Leser – und das sind heute die meisten, der Eindruck erweckt, Spahn sei auf dem Weg ins Kanzleramt. Der Minister ließ zwar später den Bild-Bericht dementieren. Aber die Botschaft war in der Welt. Und wer liest schon das Dementi?

Erst kürzlich erschien eine sehr merkwürdige Umfrage, die Spahn bescheinigte, er sei angeblich der beliebteste Politiker in Deutschland. Vor allem unter Frauen (siehe hier).

Tatsächlich hat Spahn offenbar einflussreiche Förderer, die ihn gerne im Kanzleramt sähen. Einiges spricht dafür, dass eine dieser Förderinnen selbst im Kanzleramt sitzt. Sollte sich Merkel wirklich im Herbst als Kanzlerin zurückziehen, was ich keineswegs für ausgemacht halte (siehe hier, hier, hier und hier), wäre ihr wohl viel daran gelegen, einen möglichst schwachen Nachfolger zu haben, auf den sie noch Einflussmöglichkeiten hat.

Sowohl Laschet als auch Röttgen und Merz würden sich nach einer Wahl zum CDU-Chef von der Kanzlerin absetzen, sagte mir der oben zitierte CDU-Insider aus dem Bundestag. Aus Eigeninteresse. Wie eigenständig Spahn wäre, ist offen. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass Friedrich Merz im Dezember 2018 nicht Parteichef wurde. Obwohl er dem konservativen Flügel der Partei zugerechnet wird, lief er im zweiten Wahlgang zu Annegret Kramp-Karrenbauer über und ermöglichte damit den Wahlsieg der Merkel-Favoritin.


Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: br


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