Westernhagen will Spaziergängern „Freiheit“ wieder wegnehmen Der Soundtrack der Wiedervereinigung soll zurück ins Museum

Von Alexander Wallasch

Der Musiker, Schauspieler und Sänger Marius Müller-Westernhagen war der Rebell einiger Jugendlicher der Bundesrepublik der späten 1970er und 80er Jahre. Sein musikalischer Weltschmerz mit Rockanleihen vertonte in der späten Bonner Republik die ersten Annäherungsversuche der ungeschickten Pfefferminz-Prinzen an die von ihnen auserwählten jungen Damen. Und so hätte es dann wie ein warmer Käse auslaufen können. Aber dann kam die Wiedervereinigung und mit ihr wurde sein Song „Freiheit“ für Westernhagen zum Bestseller und zu so etwas wie einem Karriere-Booster.

Und – was für eine Gnade für den Musiker – das Wunder wiederholte sich für ihn sogar: Fast 35 Jahre später gehen die Leute auf die Straße und spielen Westernhagens Lied. „Freiheit“ folgt hier dem Ruf „Wir sind das Volk“, der ebenfalls eine Renaissance erlebte. Den allerdings hatte die Politik zunächst der Querdenker-Bewegung und später den Spaziergängern bereits versucht abzuerkennen.

Jetzt soll auch „Freiheit“ nicht mehr die Hymne freiheitsbewegter Spaziergänger sein. Jedenfalls wenn es nach Marius Müller-Westernhagen geht. Der nämlich hat sich impfen lassen – jedenfalls postete der Sänger ein Foto auf Instagram und Facebook, das den 73-Jährigen zeigt, wie der gerade eine Spritze in den Arm bekommt. Westernhagen schrieb nur ein Wort darunter, das jeder im Zusammenhang mit seiner Person versteht: „Freiheit“.

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Wenn jetzt allerdings Zeitungen schreiben, Westernhagen hätte sich damit seine „Deutungshoheit“ zurückgeholt, dann ist das in sich nicht stimmig. Denn wer sich auf dem Foto den alten Herrn im schwarzen T-Shirt mit schwarzer Maske anschaut, der kann Mitgefühl bekommen.

Der könnte beispielsweise denken: Wie traurig, dass Menschen nur dann ihre Freiheit zurückbekommen, wenn sie gegen alle Skepsis diese Impfung nehmen. Oder der könnte meinen: Gut, für ältere Herrschaften ist so eine Impfung empfehlenswert, jetzt gehört Westernhagen eben auch dazu. Der Rebell ist alt geworden. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Wie traurig ist die Vergänglichkeit. Soviel zu Deutungsversuchen in Richtung eines Wortkargen.

Und ohne ihre Verdienste zu schmälern: Für Musiker wie Lindenberg, Grönemeyer und Westernhagen wurde der Mauerfall ein Glücksfall: Die sich im Westen damals schon weit über ihren Zenit hinaus gesungenen Deutschbarden erlebten mit der Wiedervereinigung einen Popularitätsschub. Auf einen Schlag kamen Millionen neuer Konzertbesucher und Schallplattenkäufer dazu, die sich jetzt endlich offiziell mit ihrer Heimlichmusik identifizieren konnten, das Einhundertmark-Begrüßungsgeld landete nicht selten im westdeutschen Plattenladen.

Und etliche Händler aus dem Westen durchstöberten damals parallel zu den Ereignissen in großer Hektik die Westwohnzimmer und kaufen die schon angeranzten Plattensammlungen sammlungsweise das Stück für ein oder zwei Westmark auf, tüteten die Scheiben wie Neuware in Plastikhüllen und verkauften die Gebrauchten reißend vom Tapeziertisch herunter auf Märkten von Halberstadt bis Leipzig für fünfzig Ostmark für einen Lindenberg oder den Westernhagen. Und wer es von den Händlern schlau angestellt hatte, konnte die Plastiktüten voller Ostmark bald 1:1 oder 1:2 in die harte Westwährung zurücktauschen.

Auch diese Goldgräberstimmung der Wendezeit hatte ihre musikalische Vertonung: Vorneweg Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“, der Song erlebte Jahre nach seiner Veröffentlichung ein unverhofftes Remake, als das Lied nachgereicht zum Soundtrack der friedlichen Revolution wurde, zur zweiten Hymne der Deutschen – „Wir sind das Volk“. Was für ein Geschenk für den schon damals über 40-Jährigen, der zu dem Zeitpunkt schon länger an einem Imagewandel gebastelt hatte und etliche seiner Fans im adrett und arrogant wirkenden kalten „Armani-Look“ vor den Kopf gestoßen hatte.

Der Journalist Andreas Borcholte schrieb viele Jahre später über den damaligen Sinneswandel: „Einst zog er über Dicke her, jetzt wird ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen – von seinem Busenfreund, dem Bundeskanzler, höchstpersönlich. Marius Müller-Westernhagen ist endgültig im Establishment angekommen.“

Aber zurück zu den Jahren 1989/90 – ganz gleich, ob Westdeutscher oder Ostdeutscher, so wie der „Wind of Change“ der Scorpions weltweit das Ende des Ost-West-Konfliktes einläutete, war Westernhagens „Freiheit“ geeignet, den Deutschen exklusiv eine Gänsehaut zu verpassen und kollektiv Tränen in die Augenwinkel zu zaubern.

„Freiheit“ gelang es, das unsichere Gefühl, was nun aus den Deutschen werden wird, in Wohlgefallen aufzulösen, in eine gemeinschaftliche fast kitschige Wiedervereinigungsorgie. Ja, auch von Braunschweig bis Würzburg standen zum Jahreswechsel 1998/90 junge Burschen angetrunken auf ihren Balkonen und grölten Westernhagens „Frei-hei-hei-hei-hei-heit“, welche die Einzige sei, die noch fehlen würde.

Dem Soul-Sänger Xavier Naidoo sollte 2006 zur Fußball-WM in Deutschland mit seinem Song „Dieser Weg“ noch einmal gelingen, was Westernhagen mit „Freiheit“ schon erlebt hatte: die kollektive Identifizierung der Deutschen mit einem Lied. Aber auch Westernhagen konnte nicht zaubern, sein Lied war ja schon da, als die Mauer noch stand. Und auch bei der friedlichen Revolution im Osten hatte „Freiheit“ zunächst keine Rolle gespielt, da sang man eher Pete Seegers „We shall overcome“, sogar die Internationale ist verbürgt.

2010 erzählte Westernhagen einmal, wie es überhaupt zum Text von „Freiheit“ gekommen war. Der Sänger war mit seiner Frau im Urlaub: „In Paris, auf dem Weg in die Provence, lasen wir in einem Reiseführer davon, dass die während der Französischen Revolution auf den Gräbern getanzt hätten. Das war die Inspiration.“ Im selben Interview kommentierte Westernhagen auch die Einführung von Hartz IV durch seinen Freund Gerhard Schröder: „Diese Maßnahmen waren notwendig, sonst wäre der Sozialstaat pleite gegangen.“

Aus dieser etablierten Erkenntnis allerdings wurde bei Westernhagen allerdings kein Song. Wie hätte der Text dazu auch gehen sollen? „Der Mensch ist leider primitiv und will nicht arbeiten geh’n. Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif … För-ör-ör-ör-ör-dern und for-or-or-or-dern …“

Nein, den Westernhagen in Jesuspose auf der Bühne von 1989 gibt es heute nicht mehr. Aber die Deutung von „Freiheit“ von 1989 hat in den Spaziergängern von 2022 überlebt.

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“

Bild: Stefan Brending, Creative Commons CC-by-sa-3.0 de
Text: wal

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