Andersdenkende an den Pranger! "Schädlicher und schändlicher Journalismus"

Eine Entschuldigung vorneweg: Ich weiß, einige meiner Leser nervt es, dass ich oft in meiner Berichterstattung Bezug auf Russland nehme. Aber ich habe nun einmal 16 Jahre in dem Land verbracht, das ich zum ersten Mal mit 15 als Tourist bereiste und mit dem mich bis dahin außer meinem Vornamen nichts verband (allen hartnäckigen anderslautenden Berichten zum Trotz). Ich habe dort eine umfassende Erfahrung mit der postsozialistischen Gesellschaft gemacht, mit autoritären Methoden und auch mit Propaganda. Man mag nun einwenden, dass ich deshalb vielleicht hypersensibilisiert sei und überall das Gras wachsen höre. Das kann ich nicht ausschließen. Aber ich denke, man sollte auch Menschen anhören, die für bestimmte Themen hypersensibilisiert sind. Sie können sich irren, aber sie können auch Entwicklungen vorzeitig erkennen, für die andere nicht sensibilisiert sind. Das hat fast etwas von einer Impfung: Eine gewisse Immunität gegen gewisse Entwicklungen.

Als ich heute die folgende Nachricht von meinem Team zugeschickt bekam, sträubten sich bei mir sofort alle Nackenhaare: „Peter Turi meint: Döpfner sollte sich für Corona-Kurs der Bild entschuldigen. turi2-Gründer Peter Turi wirft der Bild-Zeitung ein ‘Totalversagen‘ in der Corona-Berichterstattung vor und fordert von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner eine öffentliche Entschuldigung – auf Seite 1.“

Turi ist nicht irgendwer. Sein Portal ist einflussreich. Er ist einer der bekanntesten Medienjournalisten in Deutschland.

Und was er da schreibt, erinnert mich stilistisch an die Zeit des Stalinismus (Erklär-Hinweis an alle „Faktenfinder“ – das ist keine Gleichsetzung und noch nicht mal ein Vergleich). In dem Beitrag heißt es: „Peter Turi ist bei seiner Kritik ganz bei Stefan Niggemeier, der ‘Bild‘ bei Übermedien Bigotterie vorwirft, weil das Blatt erst gegen Maskenpflicht, Tests und Beschränkungen polemisierte und der Politik nun vorwirft, auf die explodierenden Corona-Zahlen nicht vorbereitet zu sein.“ Das kann man logisch nachvollziehen. Wobei es auch gute Argumente dagegen gibt.Sodann schlägt Turi aber in einen Ton um, den man eher im Sozialismus erwarten würde: „Meiner Meinung nach ist die Corona-Berichterstattung der ‚Bild‘ schädlich für jeden einzelnen Leser, gefährlich für das Gemeinwesen und schändlich für die Verantwortlichen beim Springer Verlag“, sagt Turi im Podcast turi2 Clubraum. Wie bitte? Kritischer Journalismus ist schädlich und schändlich? Turi ist hier im Kriegsmodus. Denn bisher kannte man so eine Herangehensweise in Demokratien nur im Krieg. Kritischer Journalismus kann sich mit seinen Positionen immer irren. Aber ohne kritischen Journalismus wird sich eine Gesellschaft immer irren. Weil ihr die Frühwarn-Systeme fehlen

Weiter heißt es: Turi „fordert von Mathias Döpfner eine Entschuldigung für den Corona-Kurs unter Julian Reichelt – am besten ‚auf Seite 1 von ‚Welt‘ und ‘Bild‘“. Der Springer-Chef solle „öffentlich allen Verschwörungstheorien und DDR-Vergleichen entsagen und seinen Ex-Assistenten Johannes Boie anweisen, bei ‚Bild‘ einen Kurs der Vernunft zu fahren“ Wie bitte? Öffentliche Selbstbezichtigungen und Entsagungen? Andere Meinungen als Unvernunft? Willkommen zurück im Mittelalter. Oder in der Epoche der zahlreichen Wiederkehren.

Turi zeigt, wie dünn der Lack der Demokratie, des Pluralismus, der Buntheit, der Toleranz und der Offenheit bei vielen heutzutage ist.

Es fehlen einem schlicht die Worte, derart totalitäres Denken, das weit hinter die Zeit der Aufklärung zurückfällt, zu kommentieren.

Ich habe zum Schluss nur eine Bitte. So sehr ich hoffe, selbst gewappnet zu sein: Sollte ich irgendwann, wenn die Aufarbeitung des Rückfalls in finstere Zeiten, den wir heute erleben, begonnen hat, von Leuten wie Turi öffentliche Entsagungen und Reuebekenntnisse fordern – hauen Sie mir einen auf den Deckel. Nur im übertragenen Sinne. Verbal. Aber bitte umso heftiger!

Merchandising

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

 
Bild: Boris Reitschuster (Archiv)
Text: br

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