Basieren die Corona-Beschlüsse der Bundeskanzlerin auf falschen Zahlen? RKI gesteht ein: Möglicherweise viel zu niedrige Impfquoten verbreitet

Von Alexander Wallasch

Warum man sich jetzt ganz neu mit der Corona-Maßnahmenpolitik und dem Robert Koch-Institut beschäftigen muss? Es ist schon zum Verzweifeln, was für ein immer neuer Unfug da von eigentlich ausgewiesenen Fachleuten verzapft wird: Gestern trafen sich die Ministerpräsidenten und sollten abnicken, was sich die Bundeskanzlerin ausgedacht und über ihre Paladine Markus Söder (CSU) und Michael Müller (SPD) in der Runde durchsetzen wollte.

Eine Reihe von Maßnahmen wurde beschlossen rund um die angestrebte Anstrengung, die Zahl der Geimpften in der Bevölkerung weiter zu erhöhen – bis hin zur Erneuerung der Feststellung der pandemischen Lage, Testpflicht für Ungeimpfte, kostenpflichtige Tests und weitere Restriktionen – die Bildzeitung unter dem neuen Gespann Claus Strunz und Julian Reichelt empörte sich auf ganz neue Art und Weise und stellte sich an die Spitze einer Bewegung, die so etwas wie das dänische Modell der Rückkehr zu den Verhältnissen von vor der Pandemie fordert. Die populäre Zeitung macht Opposition, erinnert sich an ihre Aufgabe als Vierte Gewalt im Staat.

Die außerparlamentarische Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzlerin sprach sich gestern erneut für eine Verlängerung der epidemischen Notlage aus – noch über den September hinaus. Immerhin erwähnte die Runde noch, dass rechtlich der Bundestag die Feststellung der Notlage weiter beschließen müsse. Ist das aber erst einmal geschehen – und nichts spricht dagegen, dass diese Abgeordneten dem Wunsch der Kanzlerin entsprechen werden – haben die Behörden freie Bahn, Anti-Corona-Maßnahmen zu erlassen bzw. aufrechtzuerhalten und zu erneuern.

Und nach dieser kurzen Einführung hier zum wirklich empörenden Teil: Zumindest formal berufen sich die Bundeskanzlerin und ihre Ministerpräsidenten auf neueste Zahlen. Diese Zahlen bekommen sie u. a. weiterhin vom Robert Koch-Institut, von diesem düsteren Beratergespann aus Lothar Wieler und Christian Drosten und einer Reihe weiterer, von der Bundeskanzlerin nach Gusto ausgewählter, so genannter Fachleute:

„Die Bundesregierung berät sich bezüglich des Umgangs mit der Corona-Pandemie mit einem vielfältigen Portfolio von Experten“, sagt Sprecherin Martina Fietz. „(…) Christian Drosten, der inzwischen wohl bekannteste Virologe Deutschlands, spielt eine wichtige Rolle.“

Was aber, wenn diese willfährigen Berater alles andere als die übersichtigen und kompetenten Fachleute sind, als die sie vorgestellt werden und sich immer wieder auch selbst verstehen?

Das jüngste Beispiel lässt jetzt tatsächlich an der Befähigung dieser Expertenrunde zweifeln. Wenn nämlich die Zahl der bereits Geimpften im Mittelpunkt der Überlegungen steht, dann müssen diese Zahlen auch absolut wasserfest und doppelt und dreifach überprüft worden sein. Denn es geht hier letztlich um daraus abgeleitete Beschlüsse, die massive Auswirkungen auf die Gesellschaft, das friedliche Zusammenleben, nicht zuletzt auf die Wirtschaft und auf das physische und psychische Wohl jedes einzelnen Bürgers haben.

Jetzt kommt, was sich als Skandal bezeichnen lassen muss: Diese Fachleute und die Regierenden, denen sie mit ihren Empfehlungen Ratschläge geben, haben auf unverantwortliche Weise – drücken wir es höflich aus – mindestens nachlässig gearbeitet. Das Robert Koch-Institut räumte nach der großkopferten Runde mit Merkel ein, bei der Interpretation von Impfquoten-Daten gäbe es wohl möglicherweise eine „gewisse Unsicherheit“.

Zum einen könnten schon wesentlich mehr junge Leute eine Erstimpfung erhalten haben und zum anderen wurde wohl schlicht vergessen mit einzuberechnen, dass der Impfstoff Johnson & Johnson nur einmal geimpft werden muss, also schon nach der Erstimpfung als vollwertiger Impfschutz gelten muss.

Was für eine elende Schlamperei, nach der die Geschicke des Landes bestimmt werden. Der Report des RKI floss nicht mehr rechtzeitig in die Entscheidungen der Konferenz ein. Und wer sich einmal durchliest, in was für Worthülsen sich das RKI verliert, der schlägt schon per se die Hände über dem Kopf zusammen: Ein großer Salat an Irrungen und Verwirrungen. Ein ControlCOVID-Stufenplan ist der Lösungsansatz des Hauses.

Aber was nutzt das alles, wenn es schon an der Ermittlung verlässlicher Zahlen hapert? Und dabei sind wir noch gar nicht dort angekommen, wo Karl Lauterbach (SPD) als eine Art Propaganda-Experte für verschärfende Corona-Maßnahmen darüber sinniert, dass Ungeimpfte sogar Geimpfte gefährden könnten.

Der Nachrichtensender n-tv spricht heute früh von einem „Datenchaos in Deutschland“. Und zitiert das RKI dahingehend, dass die Impfquote möglicherweise viel höher wäre. Auf der aus demselben Hause kommenden, zu niedrig angesetzten Impfquote allerdings basierte u. a. die Erneuerung der Feststellung einer epidemischen Lage. Wird jetzt im Sinne der Bürger nachgebessert? Das ist leider nicht zu hoffen. Könnte der Bundestag sich den Beschlüssen verweigern? Auch das ist leider erfahrungsgemäß nicht zu erwarten.

Was ist konkret schiefgelaufen oder könnte schiefgelaufen sein? Bei den Meldungen im sogenannten Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) wurden die Quoten vermutlich unterschätzt, heißt es. Meldungen von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen Impfteams, Betriebsmedizinern, niedergelassenen Ärzten und Privatärzten bilden die Grundlage für das sogenannte Impf-Dashboard. Hinzu kommen noch Befragungen (COVIMO) des RKI selbst, die der Qualitätssicherung dienen sollen. Und bei einer dieser Befragungen ab Ende Juni bis Mitte Juli hatte sich eine Diskrepanz zum DIM ergeben.

Eine Diskrepanz allerdings, die von höchster Bedeutung für die Beschlusslage der Ministerpräsidentenkonferenz hätte sein müssen – diese Diskrepanz wurde aber erst jetzt, nach der Konferenz, thematisiert – der Bürger muss sich hier zu Recht fragen: Warum erst heute?

Der Nachrichtensender n-tv schreibt: „Die Quote der mindestens einmal Geimpften fiel dabei ,um einiges höher‘ aus, besonders in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen: Während in der Befragung 79 Prozent angaben, geimpft zu sein, waren es laut Meldesystem 59 Prozent.“

Die Erklärung des RKI für die möglicherweise viel zu niedrigen Zahlen der Geimpften, auf deren Grundlage die Konferenz und die Kanzlerin erneut die Alarmglocken meinten läuten zu dürfen, geht dann so: Die Erfassung der Impfungen mit Johnson & Johnson sei bedeutsam, weil hier nur eine Dosis für den vollen Schutz vorgesehen ist. Vertragsärzte würden diese Immunisierungen ausschließlich als zweite Impfdosen melden.

Oder einfacher ausgedrückt: Die mit Johnson & Johnson geimpften Bürger müssten nach der Impfung bei der Zählung der Erst- bzw. Zweitimpfung gleichermaßen auftauchen, das passiert aber nicht. Außerdem sei, bezogen auf die Daten zu Johnson & Johnson, keine Zuordnung von Impfstoff und Altersgruppe möglich, erläutert das RKI.

Was uns dann zuletzt zu der Frage an das Robert Koch-Institut führt: Ja, seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen, eure Schlechtleistung zum einen auf die impfenden Ärzte zu schieben und zum anderen mit diesem Zahlensalat die Geschicke dieses Landes maßgeblich zu bestimmen? Hier muss dringend zukünftig ein einflussreiches Gremium unabhängiger Wissenschaftler eingesetzt werden, welche die für die Entscheidungen der Regierung offensichtlich immer noch so bedeutsamen Verlautbarungen dieses Institutes streng überprüft.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Postmodern Studio/Shutterstock
Text: wal
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