Bei Hart aber Fair: Weidel und Lindner können Wahlkampf Außerhalb der Triells punkten FDP und AfD

Von Alexander Wallasch

Showdown für Frank Plasberg und Hart aber Fair: Der Zuschauer kann sich heute Abend final ein Bild davon machen, was passiert, wenn der Talkmaster der Bundesregierung mal wieder die AfD zu Gast im Studio hat. Plasberg hatte einst übergriffig Alexander Gauland (AfD) Hausverbot erteilt – heute, sechs Tage vor der Wahl ist Alice Weidel (AfD) zu Gast.

Aber nicht nur die Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidatin des Oppositionsführers ist da, auch Christian Lindner von der FDP darf mal wieder zu Hart aber Fair. Und damit es nicht zu peinlich wird, immer die gleichen Gesichter aus dieser öffentlich-rechtlichen Triell-Werbesubventionierung der Etablierten zu sehen, sind anstelle der drei Kanzlerkandidaten Ralph Brinkhaus für die Christdemokraten im Studio, Rolf Mützenich für die Sozialdemokraten und Katrin Göring-Eckardt für die Grünen. Die Linke schickt Amira Mohamed Ali ins Rennen.

Letzte Chance für Plasberg vor dem Wahltag, den über vier Jahre lang verfestigten Eindruck von ihm und seinem Sendeformat zu tilgen, er sei immer dann zur Stelle, wo Regierungspolitik einen öffentlich-rechtlichen grünen Haken hinter ihr Tun gesetzt wissen will. Schauen wir also mit besonderer Aufmerksamkeit zu, mit welchen Mitteln dieser Talkmaster, der einmal aktiver Journalist war, sich gegenüber dem Aushängeschild der AfD verhält. Und insbesondere dann, wenn die weiteren Gäste einmal mehr der Überzeugung sind, es würde ausreichen, ihr politisches Wollen darüber zu definieren, sich von der AfD zu distanzieren.

Zu wahrer Meisterschaft hat das Christian Lindner gebracht, der eine Legislatur nichts anderes gemacht hatte, als den Oppositionsführer aufs Korn nehmen, so als sei der Jamaika-Abbrecher nur fälschlicherweise eigentlich mit Oppositionsaufgaben betraut und in Wahrheit Regierungsmitglied.

Hart aber Fair beginnt außer der Reihe erst um 21:30 Uhr, denn die Öffentlich-Rechtlichen haben noch einen Werbefilm für die drei Kanzlerkandidaten vorangestellt, ein viertes Triell war selbst dem regierungstreuen Fernsehen zu offensichtlich. Dieses an Skandalen so reiche Fernsehen auf Zwangsgebührengrundlage hat mit den viel zu großen Werbeanteilen für eine überwiegend öffentlich-rechtlich erzeugte Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wohl ihr propagandistisches Meisterstück abgeliefert.

Frank Plasberg, wir sind bereit, wenn Sie es sind …

„Wer will anfangen?“; fragt Plasberg. „Wiederherstellung der Grundrechte!“, sagt Alice Weidel so in den leeren Raum und ergreift damit das Wort. Na, das fängt ja gut an. Katrin Göring-Eckardt spricht vom Klima und davon, dass Deutschland in der Welt eine Vorbildfunktion hätte. Auf wessen Grundlage diese basiert, wäre die Nachfrage gewesen. Sie kommt aber nicht. Christian Lindner erinnert, dass selbst Italien noch um vier Prozent wachsen würde, Deutschland nur um drei und China und die USA noch weit über Italien lägen.

Rolf Mützenich (SPD) spricht vom Wohnungsbau und erneuerbaren Energien, Ralf Brinkhaus (CDU) will eine bessere Verzahnung von Außenpolitik und innerer Sicherheit. Brinkhaus bringt es fertig, die sechzehn Merkeljahre „gute Jahre“ zu nennen und schießt gleich mal den ersten Vogel des Abends ab, als er die Verbindung zwischen Merkels eigentlich desaströser Politik und der kommenden Legislatur für die CDU und Armin Laschet so zusammenbringt: „Vieles muss sich ändern, damit Gutes bleibt.“ Wie viele Werbetexterteams haben wohl wie lange daran geknobelt, um das noch zusammenzubiegen? Grandioser Betrugsversuch am Wähler, über den Trümmern der deutschen Werte und des Wohlstands sich noch so eine Phrase zusammenzubrechen.

Amira Mohamed Ali (Die Linke) fokussiert sich zunächst auf die Kinder, die Pflegeberufe und die Vermögensverteilung.

Alice Weidel soll dann sagen, warum sie sich nicht impfen lassen will. Sie sagt, weil sie „verantwortungsvoll“ handle. Die Parteichefin erinnert daran, dass sogar einmal der Begriff „Sozialschädlinge“ gefallen sei in der Debatte, als es darum ging, Ungeimpfte zu diffamieren, Weidel findet es notwendig, wieder zu einer sachlichen Debatte zurückzufinden. Der finale Satz der AfD-Chefin zum Thema Impfen dann noch: „Dass Ungeimpfte jetzt so stigmatisiert werden, das halte ich für enorm gefährlich, für gesellschaftspolitisch schädlich.“

Und weil Alice Weidel damit dann einen Satz zu lange unbeschadet von einer Unterbrechung der Moderation davongekommen ist, zieht Göring-Eckardt fragend die Augenbrauen hoch Richtung Plasberg. Der siehts und fragt also folgsam Alice Weidel, ob denn die Gesellschaft sich nicht weigern dürfe, der ungeimpften Frau Weidel weiter die Corona-Tests zu bezahlen. Die Antwort kommt prompt: „Wenn der Staat verordnet, dass jemand sich testen lassen muss, dann soll er auch gefälligst diese Tests bezahlen.“

Gut, das war viel Munition und Frank Plasberg darf nun hoffen, dass die Runde gewillt ist, Alice Weidel alleine und ohne seine Hilfe abzuräumen und der Moderator einmal davon entbunden ist. Plasberg bittet Göring-Eckardt, zu erklären, warum Annalena Baerbock als einzige der drei Kanzlerkandidaten eine Impfpflicht nicht ausschließen würde. Göring-Eckardt fängt damit an, dass Frau Weidel durch ihre Impfverweigerung andere in Gefahr bringen würde und bekommt postwendend als Antwort, was Weidel damit schon zum vierten Mal erwähnen durfte: „Das tun aber Geimpfte auch, damit bricht aber ihre Argumentation zusammen.“ Antwort Göring-Eckardt: „Frau Weidel, das können sie jetzt hundertmal sagen, das reicht jetzt.“ Dass Weidel hier allerdings nur sagt, was sogar regierungskompatible Fachleute nicht ganz abstreiten können, stört die Grüne überhaupt nicht.

Und dann passiert, was wir eingangs schon befürchtet hatten: Plasberg beginnt sein Saustück, er hat nur den für ihn passenden Moment abgewartet, gegen die AfD-Spitzenfrau zu intervenieren. Und was er dann raushaut, das ist selbst für seine Verhältnisse unterm Gully: „Dieses trotzige Ja-Nein-Ja-Nein können wir uns einfach auch für den Rest der Sendung sparen.“ Und dann schwingt sich der Moderator zu so etwas wie einem Corona-Erklärer auf, und meint, man bräuchte keinen Faktencheck „um einfach zu sagen, dass Nichtgeimpfte eine größere Gefahr laufen, als Virenschleuder durchs Land zu gehen, als … das brauchen wir nicht einmal im Faktenscheck.“

Die Angst sitzt offensichtlich verdammt tief, als regierungsnahes Fernsehen versehentlich die nächste Impfkampagne zu boykottieren mit einer sachlichen Herangehensweise und dem Austausch von Argumenten zur Unterstützung der Entscheidung, ob sich der noch umgeimpfte Zuschauer impfen lassen soll oder lieber darauf verzichten will.

Plasberg zu Weidel: „Sie sagen, es stimmt nicht – der Rest sagt, es stimmt.“ Und Göring-Eckardt traut sich dann mit dem Argument zum Schutz der Kinder, zu sagen, da müsse man dann überlegen, ähnlich, wie bei Masern, eben eine Impfpflicht einzuführen. Dass eine Ähnlichkeit des Masernimpfstoffes mit dem gegen Covid allerdings nicht besteht, spielt für Göring-Eckardt keine Rolle. Sie hofft stattdessen, dass man die Kinder möglichst bald auch impfen lassen kann.

Christian Lindner erklärt der Grünen erstmal den Unterschied zwischen der Masernimpfung samt lebenslanger Immunität und der Idee, die Krankheit vielleicht so weltweit ausrotten zu können – das alles ginge bei der Impfung gegen Covid „bedauerlicherweise“ eben nicht.

Lindner will mehr für dass Impfen werben lassen, aber wer sich dagegen entscheidet, hätte das Grundgesetz hinter sich und es müsse ihm auch ermöglicht werden, mit negativem Test am öffentlichen Leben teilzunehmen. Das muss man Lindner lassen – nach dem Disput Weidel versus Göring-Eckardt hat er das Ding gerade ziemlich eindeutig für sich abgestaubt und er ergänzt, dass sich die negativ Getesteten im Zweifel ja nur selbst gefährden würden. Die Tests sollen kostenpflichtig werden, aber viel später, denn viele würden jetzt noch auf einen Test verzichten, die ihn sich nicht leisten können.

Rolf Mützenich sagt zu Weidel, er führe gerade „eine sachliche Diskussion“. Aber offensichtlich führt er sie mit sich selbst, was kurios ist, denn er bringt diesen Punkt, als Weidel nichts anderes macht, als ein Gegenargument ins Spiel zu bringen. Kurios der Mann, so kurios, wie dem Fernsehzuschauer weitestgehend unbekannt.

Frau Mohamed Ali schließt eine Impfpflicht aus, schon allein, weil es die Tests gäbe. Als die Linke sagt, sie sei da inhaltlich bei Christian Lindner, erschrickt der etwas gekünstelt. Aber Mohamed Ali hat schnell verstanden, dass man den Vortrag des Freidemokraten an der Stelle weder torpedieren noch stoppen kann, also passt sie sich für den Moment an – strategisch ist das gut gelöst von der Linken. Sie und ihre Partei sind für 3G. Sie sieht aber viele Unentschlossene, und nicht alle Ungeimpften wären kategorische Impfgegner.

Und einmal mehr nimmt Lindner Weidel die Wurst von der Stulle, die diese sich gerade dick belegt hatte, als Lindner Plasberg recht trocken vorwirft, dieser würde seine Fragen so stellen, als wäre er für eine de facto Impfpflicht. Plasberg hätte sich „mit sanftem Druck“ für die Impfpflicht ausgesprochen, aber Menschen mit Risiko seien jetzt weitestgehend geimpft. Es wäre demnach unverhältnismäßig, eine Impfpflicht einzuführen, denn sie würde auch keine Überlastung des Gesundheitswesens abwehren können. Zumindest bis zu dem Moment hat Lindner seinen großen Augenblick.

Frau Mohamed Ali will Ralph Brinkhaus darauf hinweisen, dass 2G eine Impfpflicht durch die Hintertür ist. Die sei auch verfassungswidrig, ergänzt Alice Weidel. Dann wechselt Plasberg das Thema und geht rüber zum Geld, zu Steuern und zur Steuergerechtigkeit. Also erst einmal wieder zu Christian Lindner, weil sich die anderen Gäste zurückhalten und sich nicht die Finger als erste verbrennen wollen.

Alt geworden ist Frank Plasberg. Müde wirkt er, die Sommerpause war aber gerade erst. Während Plasberg also ein bisschen wegnickt, streiten sich Mohamed Ali und Lindner über den Spitzensteuersatz der Linken von 75 Prozent. Die Linke schlägt sich dabei recht gut, aber fairerweise muss man Brinkhaus und Lindner zugestehen, dass die beiden zahlenfester erscheinen und versierter. Für den Zuschauer ist das schwer einzuordnen.

Rolf Mützenich ist optisch ein ganz cooler Typ. Wäre man Regisseur von Western, würde man diesen Mann als Sheriff einsetzen, da passt alles: die Strenge, die Furchen im Gesicht – fehlen nur noch die rauchenden Colts. Mal schauen, ob von ihm in der kommenden Legislatur noch mehr zu erwarten ist.

Bezeichnend: Es gelingt Plasberg nicht, Göring-Eckardt dazu zu bewegen, sich zum Spitzensteuersatz von 75 Prozent zu positionieren. Mützenich bleibt da ebenso undeutlich, möchte aber schauen, warum so viel Vermögen auf der hohen Kante liegt. Da müsste man schon etwas höher versteuern.

Plasberg macht einen Witz: Frau Weidel hätte schon getrommelt neben ihr wie Phil Collins, weil sie was sagen wollte. War das jetzt eine Art Entschuldigung? Alice Weidel möchte wissen, warum so viel Geld aus dem Fenster geblasen wird – beispielsweise für illegale Migration. Da bräuchte man sich nicht wundern, wenn wir in Deutschland so hohe Steuersätze hätten. Rechtswidrig sei vieles, was die große Koalition da in zehn Jahren angehäuft hätte. Und der Lacher: Dann will Plasberg, dass das so stehen bleibt, keiner darf darauf etwas erwidern.

Und weiter geht’s zur Kanzlerkandidatenfrage. Und hier müsste man den Zuschauer eigentlich daran erinnern, dass Laschet und Scholz, dass beide Kandidaten Politiker der Regierungspartien sind. Diese Karte haben die Grünen im Wahlkampf eigentlich noch viel zu wenig ausgespielt. Göring-Eckardt möchte am liebsten das Wahlrecht auch auf Bundesebene ab 16, oder hatte sie 15 gesagt? Und weil es gerade um Kinder geht, sagt sie, Annalena Baerbock wäre doch auch für die Kids „gut on stage“ – Himmelhergott, was für anbiedernde Phrasen an die Wahljugend für eine Frau über den besten Jahren. Ach so: Göring-Eckardt will keine Regierung, sie will „eine Klima-Regierung im besten Fall.“ Also ganz egal, wer sich das irgendwann ausgedacht hat, in der Grünen hat er jedenfalls seinen allerbesten Klinkenputzer gefunden.

Und Christian Lindner steht wirklich unter Strom, er macht alles richtig, blüht zu jenem Glanz auf, der die FDP 2017 wieder in den Bundestag getragen hatte. Und den er dann vom ersten Tabellenplatz an für vier Jahre nicht mehr hat durchblitzen lassen. Lindner zu Brinkhaus bei Hart aber Fair über die Jamaica-Verhandlungen von 2017: „Die CDU war über zehn Jahre sperrangelweit nach links offen, hat geradezu opportunistisch Ideen von den Grünen übernommen. Ich bin persönlich Zeuge. Ich könnte ja hier heute sitzen als Vizekanzler und Finanzminister, wenn nicht die Union vor vier Jahren den Grünen alle Wünsche von den Lippen hätte ablesen wollen.“

Fassen wir zusammen: Frau Mohamed Ali verkauft sich gut, wirkt im Vortrag glaubwürdig auf den Zuschauer. Über Rolf Mützenich kann man nicht viel sagen, dafür kennt man ihn zu wenig. Ralf Brinkhaus ist es nicht recht gelungen, seinen Kandidaten Laschet zu verkaufen. Katrin Göring-Eckardt weiß um den Lauf der Grünen und macht kaum ein Hehl daraus, dass sie lieber die FDP an der Seite hätte als die Linke, jedenfalls gelingt es ihr noch in den letzten Minuten, die Linke bemerkenswert aggressiv anzufassen. Alice Weidel ist sehr gut und angriffslustig gestartet, dann hat sie die anderen machen lassen – was auch ein Vorteil für AfD sein könnte. Und über Christian Lindner ist alles gesagt: Er dürfte der Sieger des Abends sein, bleibt aber auch der pfiffigste Trickser, der keinen Bock auf Oppositionsarbeit hatte und in diesem Durchgang sicher mit jedem koalieren würde, nur um endlich sein Bundesministerium zu bekommen und sein Jamaika-Trauma, welches er mit den Grünen teilt, endlich ablegen zu können.

 

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Screenshot WDR Hart aber fair, 20.09.2021
Text: wal

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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