Das Virus als Weg in die blühende globale Gesundheitswelt Menschenrechte scheinen dabei eher nebensächlich

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

Es mutet befremdlich an. Draußen vor dem Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee haben sich Demonstranten versammelt, die gegen die Corona-Repressionen demonstrieren. Drinnen im Kino findet ein digitaler Gipfel statt, an dem eine globale Elite virtuell teilnimmt.
Die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Größen des Megatrends Gesundheit geben sich aber nicht bedrückt und schockiert, angesichts der weltweiten Pandemie mit massiven Folgen für Demokratie und Gesellschaft, sondern sehen einen neuen Weg in eine globale Gesundheitsgesellschaft.

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht dabei schon mal von der Europäischen Gesundheits-Union, während der UN-Generalsekretär Guterres eine schnellere Gangart zum Erreichen einer globalen Gesundheitspolitik anmahnt. Bundespräsident Steinmeier warnt hingegen wieder (kann er am besten) vor nationalen Abgrenzungsbestrebungen angesichts der Pandemie.

Man kann natürlich fragen, was schlecht daran sein soll, dass die internationalen Funktionäre einer globalen Welt das Virus als Chance sehen und sich gegenseitig Mut zusprechen, was ja eigentlich ein menschlich positives Verhalten ist.

Eigentlich nichts, wenn die negativen Folgen der Corona-Maßnahmen bei diesem Gipfel nicht größtenteils ausgeblendet würden.

Bei einer so hochkarätigen internationalen Konferenz will man natürlich positiv rüberkommen (nicht Sars-Cov-2-positiv) und so wird aus der Niederlage, die wir derzeit im größten Feldversuch der Geschichte, was eine Pandemie betrifft, erleben, doch noch ein Sieg für die Zukunft gemacht. Resiliente Gesundheitsysteme (WHO), eine gut verlinkte Gesundheitsökonomie (Sanofi) und der technologische Fortschritt (Siemens) werden uns in eine blühende globale Gesundheitswelt katapultieren und jedes virale Elend von uns fern halten.

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Da kann die Forderung, dass Menschenrechte im Zentrum der Krisenbekämpfung stehen müssen, auch schon mal etwas locker gesehen werden, denn Wieler (RKI) berichtet, dass der Anfang einer neuen Ära schon geschafft ist. Wir können die öffentliche Gesundheit durch Daten in Echtzeit steuern. Pfizer steuert schon mal den Impfstoff bei. Wer den Wieler´schen Optimismus kritisch sieht, kommt wahrscheinlich aus Deutschland und hat miterlebt, wie erratisch das RKI hier während der Krise agiert. Wichtig aber ist, dass wir in anderen Ländern als perfekte Organisatoren einer perfekten Pandemiebekämpfung anerkannt werden.

Jeder weiß schließlich, wenn er die führende globale Rolle, die Europa in Gesundheitsfragen zukünftig einnehmen wird (wenn es nicht weiterhin die USA tun), anspricht, dass eigentlich Deutschland gemeint ist, laut Drosten, akademisch fest verankert und unbestritten in der internationalen Wissenschaft. Nach so viel euphorischem Eigenlob und nach so viel „Zukunft“, dürfen auch ein paar kritische Stimmen nicht fehlen.

Eigentlich ist es nur eine, die von Victor Dzau, der auf das komplette Fehlen von Prävention, Vorsorgeplänen und einer ernsthaften Antwort in der Anfangsphase der Pandemie verweist. In dieser Anfangsphase sind wir offensichtlich immer noch, weil ein schlüssiges Konzept global weiterhin fehlt.

Man hüte sich allerdings davor, diesen World Health Summit in Berlin zu humoristisch zu nehmen. Denn was hier verbal vorbereitet wird, ist einer neuer Anlauf zur Globalisierung mit den Mitteln der Gesundheitsindustrie, in der wir Deutsche ganz vorne mitspielen. Alle namhaften Gesundheits-Konzerne sind dabei, aber auch diverse NGOs und ihre Akteure, die Stakeholder der Corona-Politik gewissermaßen.

So erfährt man auf #whs2020, was Corona mit richtiger Genderpolitik, mit Klimawandel und Personal-Recruitment für Unternehmen zu tun hat. Mehr als dreihundert Projekte werden vorgestellt.

Vor allem aber geht es um drei Dinge: Daten, Digitalisierung und Überwachung. Das alles global zum Wohl der Menschheit, deren Gesundheit irgendwann im großen Stil überwacht werden kann. Denn Gesundheitsdaten kann man weltweit erfassen und austauschen, ohne großen Argwohn zu erregen. Schließlich will man hier unser Bestes.

„Die Multi-Stakeholder-Karawane“ hat sich längst in Bewegung gesetzt und feiert die Pandemie als den Weg in das gelobte Land einer gütigen, aber strengen Weltgesundheitsregierung, begleitet von globalen Gesundheits-, Hightech- und Online-Unternehmen. Bald acht Milliarden Konsumenten, die das konsumieren müssen, was ihnen verordnet wird, natürlich digital überwacht.

Was für ein Markt! Was für eine Macht!


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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.


Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“


Text: Gast

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