„Derjenige, der dort überlebt hat, hat hier keine Angst vor dem Tod“ Wir glaubten, dass Gott uns sehen würde, wenn die kleine Warja ein Gebet ausspricht

Von Ekaterina Quehl

Nadeschda Suchorukowa ist eine Kollegin aus der ukrainischen Stadt Mariupol. Bis vor ihrer Evakuierung nach Tschernomorsk und später nach Klaipeda (Litauen) befand sie sich dort. Sie schreibt über ihr Leben in der von russischen Truppen belagerten Stadt. Ihre Berichte postet sie auf ihrer Facebook-Seite, die inzwischen im „russischen Internet“ teilweise blockiert wird. Ich habe diesen Text für Sie übersetzt, weil ich es wichtig finde, Menschen, die diese schreckliche Erfahrung gemacht haben, eine Stimme zu geben. 
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In Mariupol hatten wir Sterben geprobt. Derjenige, der dort überlebt hat, hat hier keine Angst vor dem Tod. Es ist als hättest du Windpocken gehabt und bist immun geworden. Wir können jetzt nicht einfach sterben. Es wäre jetzt dumm, von einem Auto angefahren zu werden oder im Meer zu ertrinken.

David
Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Der Tod ist fast unser enger Freund geworden. In den Kellern von Mariupol war der Tod immer da. Er sah liebevoll zu, wie Granaten auf die Häuser gegenüber einschlugen. Als Bomben von oben kamen und wir wie geprügelte Hunde in unsere Kissen wimmerten, streichelte er uns über den Kopf, damit wir keine Angst haben. Er flüsterte uns ins Ohr, dass wir noch ein bisschen aushalten müssen und dann wird alles vorbei sein. Die Hölle bleibt hier, aber wir werden in die kalte Dunkelheit segeln.

Meine Neffen waren die ganze Zeit ruhig und schläfrig. Sie haben nur zweimal geschrien. Als ein Hochhaus in der Nähe getroffen wurde, wollte ihre Mutter, die Frau meines Bruders, raus gehen und aus irgendeinem Grund zu diesem Haus rennen. Die siebenjährige Warja und der neunjährige Kirill heulten laut: „Mama, geh nicht, geh nicht! Bleib, Mama!“ Sie klammerten sich an sie, umarmten sie und schluchzten laut auf.

Ich glaube, sie haben ihr das Leben gerettet. Sie ging nicht zum Haus, sie fing an, die Kinder zu beruhigen und zu dieser Zeit begannen die Orks, alles in unserem Hof zu töten. Sie wählten einen Platz am Prospekt Mira (Prospekt des Friedens) aus und haben ihn gezielt und sukzessive in eine tote Zone verwandelt. Sie haben nichts ausgelassen. Keine Menschen, keine Vögel, keine Tiere, keine Bäume. Draußen pfiffen und fielen Granaten und in unserem Keller begannen ein Erdbeben und eine Gebetszeit.

Die kleine Warja las das Vaterunser besser als ich. Sie nannte dieses Gebet „Göttchen“. Dreimal sprach sie mit gedämpfter Stimme Worte, die ihr unverständlich waren, aber es war kein einziges Mal falsch. Sie ist sieben Jahre alt und lispelt viel, ihre wichtigsten Zähne sind ausgefallen. Vor dem Krieg haben wir über ihre Aussprache gelacht. Im Keller trauten wir uns nicht einmal zu lächeln. Aus irgendeinem Grund glaubten alle, dass Gott uns sieht, wenn die kleine Warja ein Gebet ausspricht.

Ich habe Angst, daran zu denken, wie sie sich gefühlt hat und wie sie diesen Albtraum überstanden hat. Sie und Kirill schwiegen fast die ganze Zeit. Sie saßen im Eiskeller, wie kleine Soldaten. In Jacke und Regenmantel, zugeknöpft. In Stiefelchen, die man nicht ausziehen durfte, selbst wenn man sich unter die Decke legte.

Als es heftig zitterte und heulte, zerrte Lena ihre Kinder aus ihren Betten und schleifte sie durch den Keller. Sie versuchte, die Kinder zu retten. Sie wollte den Tod überholen.

Die Kleinen folgten der Mutter immer. Bevor wir fliehen konnten, haben sie kaum geschlafen. In der Nähe wurde ständig geschossen. Lena zog die Kinder die ganze Zeit durch den Keller. Vertrauensvoll betraten sie die dunkelsten Ecken des Kellers, weil ihre Mutter es dort sicherer fand. Unsere Kinder hatten keine Angst mehr vor der Dunkelheit. Denn es gab jetzt Schlimmeres in ihrem Leben.

In der letzten Nacht im Keller war es nie ruhig. Es schien, als würden Bomben unser Haus treffen. Die Wände kräuselten sich, brachen und schrumpften. Ein schreckliches Eisengeräusch, wie das Knirschen eines riesigen Kiefers, dann ein Rasseln, dann ein dumpfer Schlag und ein schallender Schlag.

Ich stellte mir vor, es wäre ein abscheulicher gruseliger Riese, der meine Stadt zerstört. Er tritt sie mit den Füßen, ritzt sie mit Granaten, hämmert sie mit Bomben wie mit Nägeln ein und quält sie dann mit Raketen. Er trifft sie mitten ins Herz.

Wir hoben regelmäßig die Eisentür des Kellers an und schnüffelten. Es schien mir, es riecht nach Brand. Es hat mir Angst gemacht, lebendig verbrannt zu werden. Aber wir waren in einem Zustand, in dem wir aufgehört haben, um unsere Existenz zu kämpfen. Wir waren wie gelähmt.

Meine kleinen lieben Neffen, wir sind alle lebend rausgekommen. Es ist so, dass ihr und mein Hund sehr weit von mir entfernt seid, aber ich kann jeden Tag eure Gesichter auf Skype sehen. Manchmal haltet ihr das Telefon an das Ohr meines Hundes, damit Angie meine Stimme hören kann. Angie beginnt dann, nach mir zu suchen und wedelt mit dem Schwanz. Der Krieg hat uns gespalten. Aber er wird enden. Wir warten. Auf dem Foto neben mir sind Wanja, Kyrill, mein Hund Angie und ich – vor dem Krieg, in unserem Mariupol. Auf Prospekt Mira.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Bild: Facebook Boris Jakowenko Screenshot Video Mariupol
Text: eq/Gast
Übersetzung: Ekaterina Quehl

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