Frostiger Abschied Pfeift Seibert nach seinem letzten Auftritt auf die Maskenpflicht?

Zum voraussichtlich letzten Mal war heute Steffen Seibert als Regierungssprecher auf der Bundespressekonferenz. Ich persönlich konnte nicht in den Saal, weil dort die 2G-Regel herrscht, während man als Journalist etwa in den benachbarten Bundestag auch ohne Test hineinkommt. Ich habe versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, mich vor die Bundespressekonferenz gestellt und die Fragen in die Kamera gesprochen, die ich gerne persönlich gestellt hätte – weil sie etwa durch das Online-Tool in dieser Form kaum wirkungskräftig sind (keine Möglichkeit zur Nachfrage, etc.).

Mein Abschied mit Seibert war eiskalt – beim Schicken der Online-Fragen an der frischen Luft waren meine Finger am Einfrieren. Besonders bemerkenswert: Als er wegfuhr, hatten weder Seibert noch eine Fahrerin eine Maske auf im großen BMW. Gelten die Masken-Regeln nur fürs gemeine Volk? Sehen Sie sich hier meine Videos an, die ich heute vor der Bundespressekonferenz aufgenommen habe. Und lesen Sie unten die Abschiedsworte des Vorsitzenden der Bundespressekonferenz und die von Seibert. In letzteren drückte er mit anderen Worten aus, es sei schade, dass so wenig der vom Staat abhängigen Journalisten in die Bundespressekonferenz kommen und damit freie Journalisten wie ich zu oft zu Wort kommen (er sprach von einer „Schlagseite“).

Als Seibert die Bedeutung der Bundespressekonferenz unterstrich, schickte ich Online die Fragen an ihn, was er von der 2G-Regelung im Saal hält. Und ich wollte noch wissen: „Nach dem, was Sie gesagt haben, müssten Sie die Einstellung der Liveübertragungen bedauern. Ist das so?“. Diese Online-Fragen wurden nicht mehr verlesen (was auch durchaus logisch ist, da es ja ein Schlusswort war. Ich wollte Ihnen aber diese beiden Fragen von mir nicht vorenthalten).  

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Jetzt neu. Das Original aus der Bundespressekonferenz.

 

Bundespressekonferenz-Vorsitzender Feldhoff: Damit sind wir am Ende dieser letzten Regierungspressekonferenz von Ihnen, Herr Seibert. Das war heute Ihr 1165. Besuch hier in der Bundespressekonferenz 96 Mal in Briefings, 11 Mal gemeinsam mit der Kanzlerin und 1058 Mal in dieser Regierungspressekonferenz. Das war heute voraussichtlich nicht, da Sie am Freitag wiederkommen müssen, Ihre letzte.

Sie haben diese Aufgabe, das haben wir ja eben schon gehört, über elf Jahre ausgeübt und sind damit mit der längstgediente Sprecher einer deutschen Bundesregierung. Wahrscheinlich hätten Sie selbst nicht gedacht, dass Sie das so lange mit uns hier aushalten.

Als Sie am 16. August 2010 das erste Mal hier saßen, hat die Begrüßungsworte der damalige Vorsitzende der Bundespressekonferenz, Werner Gößling vom ZDF, gehalten. Heute ist es wieder einer vom ZDF. Das ist vielleicht Zufall, aber irgendwie passt es ja. Der Kreis schließt sich also.

Wir haben es Ihnen hier nicht immer leichtgemacht. Das wollten wir auch gar nicht. Unsere beiden Rollen, die des Regierungssprechers und die der Journalistinnen und Journalisten, die über die Regierung berichten, sind nicht immer konfliktfrei. Aber das ist ja für keinen von uns wirklich überraschend. Nicht immer waren Ihre Antworten auf unsere Fragen wirklich erschöpfend. Nicht immer waren wir mit Ihren Antworten zufrieden. Aber auch das gehört wohl zu den verschiedenen Rollen, die wir hier einnehmen. Zugegeben: Nicht immer waren alle Fragen von tiefer journalistischer Tragweite. Gerade die letzten anderthalb Jahre waren in dieser Hinsicht eine besondere Herausforderung.

Lieber Herr Seibert, ich möchte Ihnen heute für die letzten elf Jahre danken, und zwar weil Sie unsere Rolle als Journalistinnen und Journalisten, die Rolle der Bundespressekonferenz, immer geschätzt und das auch öffentlich betont haben. Die Unabhängigkeit unserer Berichterstattung von der Politik, die Pressefreiheit, die hier in der Bundespressekonferenz ihre Herzkammer hat, ist eine Stärke unserer Demokratie, eine Stärke, die Sie immer verteidigt haben.

Heute, nach Ihrer letzten Regierungspressekonferenz, darf ich vielleicht aus einem Gespräch berichten, das wir zu Beginn der Pandemie geführt haben und in dem es um die für uns, als Bundespressekonferenz, sehr schwierige Entscheidung einer ausgedünnten Regierungspressekonferenz ging. Sie haben damals einen Satz gesagt, den ich Ihnen persönlich, aber auch dem Amt, hoch angerechnet habe. Sie haben nämlich gesagt: Ich komme immer. Damit haben Sie den Wert zum Ausdruck gebracht, den Sie unserer Institution gegenüber entgegenbringen.

Der Vorstand der Bundespressekonferenz hat sich gefragt, was man einem Regierungssprecher nach über elf Jahren schenken kann. Bei Ihrem Antritt haben Sie von den vielen Büchern erzählt, die Sie über das Amt des Regierungssprechers und des Regierungsbetriebes in Berlin geschenkt bekommen haben und darüber, dass Sie diese wohl erst einmal aus Zeitmangel nicht lesen werden können. Auch wir haben damals ein Buch geschenkt. Heute sparen wir uns das. Vielleicht sind ja von damals noch welche übrig.

Heute wollen wir Ihnen gern etwas Praktisches und etwas Schönes schenken. Steffen Seibert kocht gerne. Fragen Sie jetzt nicht, woher wir das wissen. Hobbyköche wissen: Kochen macht den Kopf frei, und es entspannt. Aber als Hobbykoch weiß man auch, dass es nichts Nervigeres als stumpfe Messer gibt. Dann geht es nicht voran. Es wird alles kompliziert. Das Vergnügen wird mühsam. Das ist irgendwie so wie in der Regierungspressekonferenz, wenn, was selten vorkommt, Fragen und Antworten irgendwie flau erscheinen.

Jetzt wollen wir Ihnen aber kein Messer schenken. Stellen Sie sich einmal die Schlagzeile vor, „Seibert bekommt von der Bundespressekonferenz ein Messer“ und jeder denkt: In den Rücken? Das wollen wir uns dann heute doch lieber ersparen.

Nein, die Bundespressekonferenz will Ihnen heute einen Messerschleifer schenken, aber nicht irgendeinen, sondern einen hübschen und praktischen zugleich. Dieser Rollenschleifer, zufällig fast in der Optik unserer Holzvertäfelung, soll Sie an uns erinnern, an scharfe Fragen, und dass wir uns hin und wieder ein paar schnittigere Antworten gewünscht hätten.

Danke für die letzten elf Jahre. Danke für Ihren Beitrag zur Pressefreiheit und für die Demokratie.

(Beifall)

Seibert: Jetzt hören Sie vielleicht das eine oder andere noch einmal, nur eben von mir.

Also: Auf die Zahl waren wir auch durch eigene Ausrechnung gekommen, irgendetwas wie 1065 Regierungspressekonferenzen. Man übersetzt das, glaube ich, besser nicht in Stunden und Tage, die wir hier miteinander verbracht haben.

Ich will versuchen, es einigermaßen kurz zu machen:

Erstens. Von Herzen danke ich der Bundespressekonferenz. Dieser Dank gilt Ihnen allen, die Sie die Bundespressekonferenz ausmachen, ganz besonders aber den Mitgliedern des Vorstands, die das weiß vielleicht nicht jeder neben ihrer journalistischen Arbeit hier ehrenamtlich mit viel Einsatz die Sache am Laufen halten. Ich danke auch Frau Kreutzmann und Frau Brzoska aus dem Büro.

Ich bin hier wirklich immer sehr gern hergekommen. Das müssen Sie mir einfach glauben. Ich weiß, dass ich auf den Fernsehbildern nicht immer so ausgesehen habe. Das ist mir aus meiner Familie regelmäßig widergespiegelt worden. Das Dumme bei mir ist, dass ich, wenn ich sehr konzentriert bin, auch sehr grimmig gucke. Das ließ sich nicht abstellen, elf Jahre lang. Aber ich bin wirklich sehr gern hierhergekommen. Ich habe immer versucht, wenigstens zwei der drei Regierungspressekonferenzen in der Woche zu übernehmen, weil das für mich eine zentrale Aufgabe eines Regierungssprechers ist und es auch der Bedeutung entspricht, die die Bundeskanzlerin dieser Veranstaltung beimisst. Also, glauben Sie es mir.

Zweitens. Ich danke meinen Kollegen und Kolleginnen hier auf der Sprecherbank und auch denen, die jetzt pandemisch bedingt seit einigen Monaten in den ersten Reihen sitzen müssen. Sie haben mich oft genug mit souveräner Ressortfachkenntnis gerettet, und manchmal haben Sie mich auch sanft korrigiert. Ich habe von Ihnen viel gelernt, und einige habe ich für ihr Können auch still bewundert. Dafür vielen Dank.

Das bringt mich zu drittens. Die Regierungspressekonferenz hat, Sie haben es schon angedeutet, ihre guten und ihre schlechten Tage. Manchmal sind die Medien anschließend voll von dem, was wir hier gesagt haben. Manchmal ist es eher unergiebig. Das kann dann an Fragen und Antworten liegen. Aber immer ist diese Regierungspressekonferenz, das war jedenfalls immer die Haltung, die ich hatte, ein gutes Stück Demokratie. Sie laden ein. Sie fragen, wonach Sie fragen wollen und so lange Sie fragen wollen. Das gibt es nicht in Frankreich, nicht in Italien, nicht in Spanien. In vielen europäischen Demokratien gibt es das nicht.

Was es in den meisten Ländern gibt, sind Regierungen, die meist nach ihren Kabinettssitzungen eine Pressekonferenz anbieten und die dabei selber bestimmen, wer fragt und wie lange. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass das System der Regierungspressekonferenz, wie wir es hier haben, in der Regie der Journalisten das bessere System ist, gerade aus Sicht der freien Medien.

Deswegen verstehe ich nicht, warum so viele Mitglieder der Bundespressekonferenz diesem Format so dauerhaft fernbleiben, warum hier regelmäßig mehr Sprecher als Journalisten erscheinen. Das hat nichts mit der Pandemie zu tun. Das war nämlich schon vorher so.

Ich verstehe nicht, dass die großen Fernsehsender, die großen Agenturen, die großen Medienverbünde, die sich in den letzten Jahren hier in Berlin gebildet haben, es nicht regelmäßig dreimal in der Woche schaffen, einen Journalisten hier eine Stunde hin zu entsenden. Ich würde mir wünschen, dass es so ist. Ich fände es wichtig, dass hier im Saal die Hauptstadtpresse einigermaßen vertreten ist, damit die Veranstaltung keine Schlagseite bekommt.

In dem Zusammenhang: Wir haben es hier immer wieder auch mit Vertretern internationaler staatlicher Medien oder deren Ablegern zu tun, die hier eine journalistische Freiheit nutzen, die sie bei sich zuhause nicht gewähren, die dort unterdrückt wird. Es gibt gute Gründe, warum auch solche Medien hier zugelassen sind und warum sie Fragerecht haben. Das unterstütze ich auch. Nur vergessen wir nicht, wie sie zu unserer Demokratie stehen und mit welchem Auftrag sie hierherkommen.

So, viertens und letztens. Ihnen allen, den Journalisten im Saal, den Journalisten, die möglicherweise zugeschaltet sind, wünsche ich alles Gute. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und anregende Zeiten mit der neuen Bundesregierung. Meinem Nachfolger, meinen Nachfolgern, wünsche ich alles Glück und viel Erfolg. Ich werde ja in Zukunft kein Insiderwissen mehr haben. Ich werde also wie die allermeisten Bürger ganz von der Qualität Ihrer Berichterstattung abhängen. Deswegen wünsche ich mir sehr, dass Ihre Berichterstattung so gut bleibt, wie sie bisher war. Ich danke Ihnen. Wenn sich ein Wiedersehen ergibt, dann wäre es schön. Ansonsten leben Sie wohl.

(Beifall)

VORS. FELDHOFF: Vielen Dank, Herr Seibert. Mein Dank gilt auch den Sprecherinnen und Sprechern der Ministerien, die wir vielleicht zum Teil aufgrund der Übergangsphase noch etwas länger sehen werden oder auch nicht. Das werden wir dann in der nächsten Regierungspressekonferenz feststellen.

Die Regierungspressekonferenz fällt am Mittwoch aufgrund der Kanzlerwahl aus.

Ich danke Ihnen und wünsche einen schönen Tag.

Bild: Boris Reitschuster 
Text: br

 

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