Top-Epidemiologe bekam Maulkorb zum Infektionsschutzgesetz verpasst Politisch heikel

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

Anlässlich der Änderungen des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) hatten die Epidemiologen Klaus Stöhr und Detlev Krüger am 13. April einen offenen Brief an die Fraktionschefs von Union, SPD, FDP, Grünen und Linken geschickt. In dem Schreiben hieß es: »Wir raten dringend davon ab, bei der geplanten gesetzlichen Normierung die ›7-Tages-Inzidenz‹ als alleinige Bemessungsgrundlage für antipandemische Schutzmaßnahmen zu definieren.«

Die RKI-Inzidenz, bei der »unabhängig von einer Erkrankung mittels Diagnostiktest eine Infektion mit SARS-Coronavirus-2 gefunden« wird, gebe »zunehmend weniger die Krankheitslast« in der Bevölkerung wieder. Darüber hinaus unterliege der Wert »schwankenden Erfassungswahrscheinlichkeiten, die völlig unabhängig vom eigentlichen Infektionsgeschehen sind«.

Indirekte Absage an weniger Föderalismus

Als Alternative schlugen die Wissenschaftler die »Anzahl der Covid-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen« als Bezugswert vor und zwar »differenziert nach [dem] Landkreis des Patientenwohnortes«.

Damit erteilten die Epidemiologen der inzwischen beschlossenen Kompetenzerweiterung des Bundes indirekt auch eine fachliche Absage. Genauso kritisierten sie die Fixierung auf die Daten des DIVI-Intensivregisters. Mit denen der von ihnen vorgeschlagene Bezugswert »nicht zu verwechseln« sei. Denn die »intensivmedizinische Belegungsstatistik« des DIVI würde »die Dynamik des Infektionsgeschehens« schlechter abbilden als die Anzahl der »intensivstationären Neuaufnahmen«.

Experten mit jahrzehntelanger Erfahrung

Das waren deutliche Worte. Sie waren konstruktiv und gewichtig, denn weder Stöhr noch Krüger sind epidemiologische Nobodys. Klaus Stöhr, der von Hause aus Veterinärmediziner ist wie RKI-Chef Lothar Wieler, arbeitete von 1992 bis 2007 als Epidemiologe für die WHO. Dort war er etwa Projektleiter des Globalen Influenzaprogramms (2001-2004) und Koordinator für Forschungen am SARS-Virus (2003). Stöhrs Mitunterzeichner Detlev Krüger ist ebenso ein renommierter Fachmann. Der heute 71-jährige Mediziner hatte 27 Jahre lang an der Berliner Charité als Chefvirologe gewirkt, bis er 2016 durch Christian Drosten abgelöst worden war.

Neben Krüger und Stöhr wollte eigentlich noch ein dritter Fachmann den Brief unterschreiben. Tat es aber nicht. Weil er nicht durfte. Sein Name ist Gérard Krause. Der 1965 im französischen Montreuil geborene Mediziner ist Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Er hat, basierend auf einem Ebola-Ausbruch in Westafrika, die Software SORMAS zur Überwachung von Epidemien entwickelt. SORMAS kommt weltweit zum Einsatz, auch in der Corona-Pandemie.

Nicht »seriös und neutral«

Laut Informationen der Bildzeitung (21. April 2021) wurde Krauses Unterschrift von dessen Arbeitgeber unterbunden. Helmholtz-Forscher sollen sich »seriös und neutral« äußern, »ohne sich dabei in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen«, so die Begründung.

Meinungsfreiheit? – Fehlanzeige. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 3 »Freiheit der Wissenschaft«? – Nie davon gehört. Andere Wissenschaftler indirekt als ”unseriös” abqualifizieren? – Zulässig. Okay. Semantischer Kollateralschaden. Was auch immer.

Das alleine war in seiner Summe schon erstaunlich genug. Das Erstaunlichste an dem Vorgang war allerdings, dass der Maulkorb offenbar nur für Gérard Krause und seine Unterschrift unter den Brief von Stöhr und Krüger galt, nicht aber für Krauses Arbeitskollegen. Sowohl die Virologin Melanie Brinkmann als auch der Epidemie-Modellierer Michael Meyer-Hermann sind jederzeit frei, sich zum Thema »Corona« zu äußern.

»Gesellschaftlicher Konsens« durch staatliche »Motivationskampagnen«

Beide sind Mitverfasser des »NoCovid-Papiers« vom 18. Januar 2021. Darin fordern sie zusammen mit 11 weiteren Experten aus anderen Disziplinen einen harten Lockdown, um die Inzidenz in Deutschland auf null zu drücken. Um dafür einen »gesellschaftlichen Konsens« herzustellen, sei eine breite staatliche »Motivationskampagne« notwendig.

Dagegen mutet der Brief der Epidemiologen Stöhr und Krüger geradezu klein und harmlos an, denn er enthält lediglich fachliche Kritik an der Zuverlässigkeit des Inzidenzwerts. Mehr nicht. Das »NoCovid-Papier« hingegen ist ein umfassendes Strategiepapier mit Ideen, die in der Wissenschaft nicht unumstritten sind, genauso wie in der Realität. In Schweden und in einigen US-Bundesstaaten wird auf andere Maßnahmen gesetzt. Und eben deshalb kann man dem »NoCovid-Papier« nur recht schwer – also nur mit »Augen zu« und »Zähne zusammenbeißen« – die Prüfplakette »neutral« aufkleben.

»NoCovid« bei ARD und ZDF

Trotzdem sind Brinkmann und Meyer-Hermann offenbar frei vom Makel, sich »in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen«. Und weil sie das sind, durften sie nicht nur ihre Unterschrift unter das Strategiepapier setzen, sondern auch intensiv für ihre Sicht der Dinge werben. Die Virologin Brinkmann etwa bei Anne Will (10.01.) oder Maybrit Illner (21.01.) und ihr Kollege Meyer-Hermann im Deutschlandfunk (15.01.), in den Tagesthemen (10.02.) und im NDR-Podcast »Die Idee« (12.02.).

Davon, dass Brinkmann oder Meyer-Hermann ihrem Berufskollegen Krause in puncto »Freiheit der Wissenschaft« zur Seite gesprungen wären, als der den Brief von Stöhr und Krüger nicht unterschreiben durfte, ist bisher nichts bekannt.

Liste der “aussortierten“ Experten wird immer länger

Der wissenschaftlich zulässige Meinungskorridor schrumpft und die Liste derer, die bereits aussortiert worden sind, wird immer länger. Wolfgang Wodarg ist »Verschwörungstheoretiker«, Sucharit Bhakdi »Rentner«, seine Frau Karina Reiß hat »keinen Schimmer«, genauso wenig wie Ulrike Kämmerer. Haditsch ist Österreicher, Tegnell und Giesecke sind Schweden, Hockertz ist »umstritten«, Ioannidis ein »Außenseiter«, Gupta, Bhattacharya und Kulldorff haben nur »alte Ideen neu verpackt«, Stöhr und Krüger sind »unseriös« und Gérard Krause wäre es fast geworden, hätte ihn sein Arbeitgeber nicht rechtzeitig vor dem Sündenfall beschützt.

Eine schöne neue Normalität ist das.

Transparenzhinweis

Der Gastbeitrag beruht u.a. auf einer Meldungen der Bildzeitung (21.04.2021, 15:59). Auf Anfrage hat das Helmholtz-Zentrum laut regionalHeute.de (22.04.2021, 17:29) erklärt, »dieser Vorwurf« beruhe auf »falschen Recherchen«. Der betroffene Epidemiologe Gérad Krause äußerte sich schriftlich auf Anfrage von regionalHeute und erklärte, »dass es sich bei den BILD-Vorwürfen offenbar um ein Missverständnis handele«. Weiter erklärte Krause: »Ich habe mich nach Abwägung der zu erwartenden Wirkungen entschieden, meine Bewertung des Inzidenzwertes nicht in einem Brief, sondern im Rahmen von Medienanfragen zu geben, zum Beispiel in der Tagesschau, FRONTAL, ZDF Morgenmagazin oder im Pressebriefing des Science Media Centers.« Bisher hat die Bildzeitung das mutmaßliche »Missverständnis« nicht korrigiert genauso wenig wie ihre »falschen Recherchen«.

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Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: ANDRANIK HAKOBYAN/Shutterstock
Text: Gast

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