Hasst Gauck Deutschland? Ein "Fake" und seine Geschichte

Ein Gastbeitrag von Hans-Hasso Stamer

Auf Telegram kursierte kürzlich ein Ausschnitt von Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., aus der Sendung von Markus Lanz. Zunächst einmal hier der originale Beitrag der Webseite anonymousnews.org. Das Video lässt sich nicht verlinken, es enthält einen Ausschnitt der Sendung, in dem Gauck wörtlich sagt:

Ich schäme mich sozusagen, ein Deutscher zu sein. Obwohl ich nichts verbrochen hatte, aber meine geliebte deutsche Sprache wird mir verdächtig, weil aus dem Grund, aus dem diese schöne Literatur erwachsen ist, aus demselben Grund sind ja Übermut und Hass erwachsen und Mordgier in unglaublichem Maß, und ich hasse und verachte das Land.

Der Begleittext der Quelle anonymousnews.org dazu:

Deutschland zu hassen und zwar abgrundtief, scheint hierzulande Grundvoraussetzung für höchste Regierungsämter zu sein.

In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ räumte Joachim Gauck, Bundespräsident a.D. und ehemaliger Günstling des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, am 13. Juli 2022 freimütig ein: „Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein und hasse und verachte das Land“.

Zur Erinnerung: Dieser Mann lässt sich nach wie vor vom Steuerzahler alimentieren. Die jährlichen Kosten für Personal, Büro und Ehrensold beliefen sich zuletzt auf über 600.000 Euro.

Da ich das kaum glauben konnte, suchte ich mir zunächst aus der ZDF–Mediathek die Originalsendung heraus. Und siehe da: das Zitat ist korrekt. Es ist etwa ab Minute 54 der kompletten Sendung vom 13. Juli anzusehen.

Trotzdem ist es Propaganda.

Denn Gauck hat hier nicht etwa, wie es die Webseite suggeriert, über seine gegenwärtigen politischen Ansichten gesprochen. Sondern er hat beschrieben, wie er als junger Mensch reagierte, als er mit den Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion und auch an deutschen Juden und Dissidenten konfrontiert wurde. Die Wirkung dieser Schilderung unterstreicht er mit entsprechenden Gesten und spricht in der Gegenwartsform, wie das damals auf ihn gewirkt hatte. Dass er heute anderer Ansicht ist, geht dagegen aus dem Kontext hervor, der von anonymousnews.org weggelassen wurde.

Damit man die ganze Dimension dieses üblen Tricks erkennen kann, habe ich einen längeren Abschnitt wörtlich aus der Sendung transkribiert. Dieser stellt das obige Zitat in den korrekten Zusammenhang.

Mein Vater kam verhungert [aus der Sowjetunion, H.-H. Stamer] zurück aber er kam ohne Hass zurück, weil er unterscheiden konnte zwischen verbrecherischen Richtern und Wächtern, die als einfache Menschen auch mal Mensch sein konnten. Ich bin nicht im Hass erzogen worden, wohl aber im Abstand zur kommunistischen Herrschaft.

Herr Lanz, ich bin das öfter gefragt worden, ich habe in meiner ganzen Zeit als Pastor und Oppositioneller in der DDR darüber nicht mit meinem Vater gesprochen und später auch nicht. Ich habe aber sehr wohl über die Rechtsform des Systems gesprochen, darüber dass wir keine freien Wahlen hatten, dass die Menschenrechte nur teilweise galten, zum Teil die Bürgerrechte eliminiert waren, darüber habe ich gesprochen. Man konnte es am System jeden Tag erleben, dass wir in einer Unfreiheit lebten und deshalb habe ich das zum Thema gemacht.

Und jetzt kommt noch etwas anderes hinzu, was meine Gefühle des Mitgefühls gegenüber der Sowjetunion verändert hat. Als ich älter werde, lese ich all die Bücher, was die Generation meiner Eltern veranstaltet hat in der Sowjetunion und gegenüber Deutschen; den deutschen Juden und den deutschen Dissidenten in der Nazizeit. Und ich komme in eine Phase des allertiefsten Erschreckens über mein eigenes nationales Heim. Ich schäme mich sozusagen ein Deutscher zu sein, obwohl ich nichts verbrochen hatte, aber meine geliebte deutsche Sprache wird mir verdächtig, weil aus dem Grund, aus dem diese schöne Literatur erwachsen ist, aus dem selben Grund sind ja Übermut und Hass erwachsen und Mordgier in unglaublichen Maß und ich hasse und verachte das Land.

Und dadurch relativiert sich dann der Zorn auf das Unrecht, das ich als Kind schon erfahren habe und ich bringe erst später beides in eine Beziehung, als mir der Begriff „totalitäre Herrschaft“ dann vertraut wird, als ich Hannah Arendt kennenlernte oder George Orwell und andere. Und dann die unterschiedlichen Wege sehe, wie man die Arroganz der Herrschenden, wie die sich ihre Systeme schafft.

Ich glaube, dies ist ausreichend, um Gaucks Aussage richtig zu verstehen. Anonymousnews.org hat sie falsch verstanden, und zwar mit voller Absicht. Das ist nichts weniger als perfide Propaganda, also genau das, was den klassichen Medien, oftmals zu Recht, vorgeworfen wird.

Dass man aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten einen neuen Sinn geben kann, ist ein alter Hut. Trotzdem ist es eindrucksvoll, dies einmal am Beispiel zu erleben.

Die Webseite wird von der Tagesschau als russischen Ursprungs eingestuft. Ich will das hier nicht bewerten, es gibt kein Impressum, auch nicht behaupten, dass andere Artikel derselben Quelle genauso Propaganda seien. Ich finde nur, dass solche Methoden nicht in eine seriöse Berichterstattung gehören. Aber leider findet man sie nicht nur bei den etablierten Medien, sondern auch bei alternativen Quellen. Und wenn wir nicht selbst dagegen vorgehen, untergraben sie auf diese Weise die Glaubwürdigkeit alternativer Medien insgesamt.

Medien sollten sich immer der Wahrheit verpflichtet fühlen. Wird gegen diesen Grundsatz verstoßen, wie hier geschehen, so prangere ich das an. Egal, wo und egal, wer.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Hans-Hasso Stamer ist Diplomingenieur, Blogger und Musiker (und war als solcher in der DDR bekannt). Über sich schreibt er: „Erfahrungen in zwei Systemen und in verschiedenen Berufsfeldern. Ich lebe ‚jottwede‘ im Land Brandenburg und genieße es. Manchmal schreibe ich auch über Katzen.“ Stamer betreibt den Blog »Splitter & Balken«, auf dem dieser Beitrag zuerst erschien.

Bild: Shutterstock 
Text: br/Gast

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