„Leben nicht von Viren bestimmen lassen“ Abrechnung mit Corona-Politik

Ich muss in diesen Tagen oft an einen alten Witz aus der DDR denken. Auf einer Sitzung des Warschauer Paktes haben die sowjetischen Gastgeber jedem osteuropäischen Parteichef einen Reißnagel auf seinen Stuhl gelegt. Todor Schiwkoff wischt ihn zur Seite und setzt sich hin. Gustav Husak dreht ihn um und drückt ihn ins Holz. Der stolze Janos Kadar ruft seinen Sekretär und lässt den Reißnagel entfernen. Erich Honecker sieht den Nagel, tut nichts, setzt sich drauf, beißt die Po-Backen zusammen und denkt sich: „Die sowjetischen Genossen werden schon ihren Grund dafür haben.“

Der vorauseilende Gehorsam, der fast an vorauseilende Wolllust erinnert, mit der vor allem in Politik und Medien viele die Freiheitsbeschränkungen im Zuge der Corona-Maßnahmen aufnehmen, hat für mich etwas zutiefst Erschreckendes. Kaum veröffentlichte die Welt – leider wie so oft bei so kritischem Material hinter einer Zahlschranke – einen Beitrag mit dem Titel „Hendrik Streeck: ‘Wir dürfen unser Leben nicht von Viren bestimmen lassen‘“, schon ist im links dominierten Netzwerk Twitter der am häufigsten gebrauchte Hashtag „SterbenmitStreeck“. Und Focus Online titelt: „Spahn: Moment der Lockerungen kommt im Sommer, wenn genug Impfungen vollzogen sind“.

Während in anderen Ländern wie Schweden oder Russland das Leben mehr oder weniger normal weitergeht und in dem schwedischen Land ebenso wie in Südkorea auch ohne Lockdown keine Katastrophe eingetreten ist, wie die Studie von Stanford-Professor John Ioannidis belegt, scheinen sich in Deutschland viele geradezu zu ergötzen an den Freiheitsbeschränkungen. Fast kommt man zu dem Schluss, hier sei ein tiefsitzender Selbsthass und Vernichtungswille vorhanden, wie er ja bei besonders radikalen Anhängern der Klimapolitik bereits zum Vorschein kam und an kommunistische Eiferer in finsteren Zeiten erinnert.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass gerade in Deutschland die Forderung nach einer „totalen Ausrottung“ des Virus besonders viele Anhänger findet? Eine Idee, die in ihrem Größen- und Beherrschbarkeits-Wahn ebenfalls an finstere Zeiten erinnert. Wer ungeliebte Wahrheiten ausspricht wie der Virologe Streeck, die nicht in das fatalistische, ja fanatische Weltbild passen, wird da sofort zum Feindbild. Dabei sind die Aussagen des Wissenschaftlers überaus bedächtig und wirken sehr vernünftig.

„In den letzten Tagen gab es in den sozialen Medien Leute, die behaupten, Sie wollten ‘Menschenexperimente‘ durchführen“, lautet eine der Fragen der „Welt“. Wobei hier anzumerken wäre, dass ansteckende Krankheiten nichts Neues sind in der Menschheitsgeschichte. Wohl aber Lockdowns. Was hier das Experiment ist, wäre also noch zu klären. Streeck antwortete: „Ich habe bei ‘Maischberger‘ dafür plädiert, genauer zu bestimmen, was die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems sind. Dazu habe ich angeregt, einen ‘Stresstest‘ durchzuführen. Die Leute, die mich da angreifen, wissen wahrscheinlich nicht, dass ein ‘Stresstest‘ eine Computersimulation ist. Das wird bei Banken gemacht, um zu sehen, ob es potenzielle Probleme gibt, wann ein Zusammenbruch droht. Es würde uns zeigen, wo bestimmte Regionen bei zu vielen COVID-19-Patienten nicht mehr klarkommen würden. Wie würde man weiter vorgehen? Ich glaube nicht, dass wir darauf schon Antworten haben. Keiner will in diese Notsituation kommen, aber es ist besser, wenn man darauf vorbereitet ist. Man will mich aber falsch verstehen, vor allem auf Twitter.“

Weiter wird Streeck in der „Welt“ gefragt, was er davon halte, dass sein Kollege Christian Drosten in einem „Spiegel“-Interview nicht widersprochen habe, als die Interviewer sagten, Wissenschaftler wie er, Streeck, und Jonas Schmidt-Chanasit, die einige Maßnahmen kritisch sehen, hätten „größeren Schaden als Corona-Leugner angerichtet“. Das mache ihn sprachlos, antwortete der Virologe: „Was mich perplex macht, ist, dass die Redakteurinnen in diesem Zusammenhang selbst Falschaussagen verbreiten und etwa behaupten, es sei eine Tatsache, dass man Risikogruppen bei hohen Fallzahlen nicht schützen könne. Es gibt aber inzwischen viele Berichte von Orten, wo es gelingt, Altenheime auch in der gegenwärtigen Infektionslage zu schützen und Einträge weitgehend herauszuhalten. In Tübingen etwa, auch in einem Heim in der Nähe von Bonn. So zu tun, als gäbe es eine universelle Wahrheit und einen, der sie hütet, ist unwissenschaftlich.“ Streeck ist explizit nicht einverstanden mit der weit verbreiteten These, es sei unmöglich, Risikogruppen gezielt zu schützen: Es verstehe nicht, warum man das nicht wenigstens probiere, „anstatt zu sagen, das geht nicht“.

Viele Hinterzimmerabsprachen

Er sei früher blauäugiger gewesen, was politische Entscheidungen und die Rolle der Wissenschaft in der Politik angehe, gesteht Streeck in dem Interview mit der „Welt“ nachdenklich ein: „Ich dachte: Da wird konzertiert vorgegangen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Hinterzimmerabsprachen gibt, dass ein wissenschaftliches Interesse, etwas zu erforschen, so politisiert werden kann.“

Besonders brisant: Streeck erzählt, dass einige Länderchefs ihn und seinen ebenfalls kritischen Kollegen Stöhr in die Beratung vor dem Corona-Gipfel holen wollten – „zwei Wissenschaftler, die eine andere Sichtweise vertreten“. Sie seien aber ignoriert worden. So kamen nur Befürworter eines harten Kurses in die Beratung. Dazu Streeck: „Wäre ich Ministerpräsident, würde ich mir wünschen, ein möglichst breites wissenschaftliches Bild und auch Für- und Wider-Argumente zu hören.“

Auf den Einwand der Welt, „die Bundesregierung betont immer wieder, der Wissenschaft zu folgen“ (was so gar nicht stimmt – siehe die Antwort der Kanzlerin auf meine Frage) – antwortete Streeck: „So einfach ist das nicht. Es gibt die Daten. Dann gibt es die wissenschaftliche Interpretation dieser Daten. Und am Ende muss, darauf basierend, eine politische Meinung gebildet werden. Ich sehe da auch die Politik in der Pflicht, nicht nur eine Position zu hören. Im niedersächsischen Sonderausschuss hatte ich etwa einen gemeinsamen Auftritt mit der Physikerin Viola Priesemann, die eher einen ‘No Covid‘-Ansatz verfolgt. Erst hat sie gesprochen, dann ich, anschließend konnten sich die Abgeordneten ihre Meinung bilden. Das empfinde ich als vorbildlich.“

In der Tat scheint dieser Ansatz mehr Sinn zu machen als die Covid-Informations-Inzucht, die Kanzlerin und Ministerpräsidenten aktuell in ihren Expertenrunden vor den Gipfeln betreiben.

Auch Kinderärzte, Psychologen und Soziologen fragen

Er finde es „gerade als Virologe wichtig, dass man nicht nur den einseitigen Blick auf ein bestimmtes Virus hat, sondern dass man die ganze Situation in den Blick nimmt – in dieser Pandemie also auch die Nebenwirkungen und Kollateralschäden, die gerade wenig erfasst werden“, mahnt Streeck: „Ich will als Virologe zum Beispiel gar nicht so viel zu der Frage nach den Kindern und den Schulen sagen. Viel wichtiger ist, was die Kinderärzte, Psychologen und Soziologen dazu sagen. Es geht ums große Ganze, um die Frage, wie wir gemeinsam am besten durch die Pandemie kommen.“

Auf die Frage „wie kommen wir da durch“ antwortete Streeck: „Wir müssen anfangen, mit dem Virus zu leben. Das ist keine Floskel oder Platitüde. Wenn man sich eingesteht, dass wir dieses Virus nicht ausrotten können, kommt man schnell zu dem Punkt, dass die Infektionszahlen nicht unser alleiniges Instrument bleiben können. Denn es wird so sein, dass wir auch nach dem 14. Februar noch hohe Infektionszahlen haben, und dass auch im Herbst noch Infektionen geschehen.“

Zur „No Covid“-Strategie mit maximaler Kontrolle und einer virenfreien Welt sagte Streeck der „Welt“: „Niedrige Fallzahlen oder keine Infektionen sind natürlich wünschenswert. Aber wie das vor allem langfristig gehalten werden soll, darauf gibt es bisher keine Antwort. Außer, Deutschland riegelt sich dauerhaft ab.“

Ob sich das mancher bzw. manche klammheimlich wünscht?

Streeck klingt wie eine wohltuende Stimme der Vernunft in einem politischen und medialen Ozean der Panik- und Angstmache. Ob deswegen die Reaktionen auf Twitter so gehässig sind?



Bild: Iryna Kuznetsova/Shutterstock
Text: br


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