Mein Freund, der Nobelpreisträger Chefredakteur der "Nowaja gaseta" ausgezeichnet

Zuerst traute ich meinen Augen nicht, als ich heute las, dass Dmitri Muratow den Friedens-Nobelpreis bekommt. „Muratow? Doch nicht etwa Dima?“ Dann vergewisserte ich mich: Es ist „mein“ Dima, wie ich Muratow mit dem Kosenamen anspreche. Und ich musste mit den Tränen kämpfen. Seit vielen Jahren verbindet mich mit dem Chefredakteur der „Nowaja gaseta“ in Moskau eine professionelle Freundschaft. Und so sehr ich mich bis heute ärgere, dass mein väterlicher Freund, der große Schriftsteller und Dissident Wladimir Woinowitsch, nie den Literatur-Nobelpreis erhielt, den er in meinen Augen klar verdient hätte, so sehr freue ich mich heute für „Dima“.

Und ich musste sofort zurückdenken an ein Erlebnis mit ihm 2008 in Berlin. Einer guten Freundin habe ich es damals in einem Brief so beschrieben:

Ich erwartete den Chefredakteur der Nowaja gaseta, Dmitrij Muratow gerade in Berlin, als Gast für eine gemeinsame Veranstaltung, als die Nachricht vom brutalen Mord an seinem Anwalt und einer seiner Journalistinnen eintraf. Muratow, in dessen Zeitung ja auch Politkowskaja arbeitete, wollte die Reise sofort absagen – aber die Redaktion und Gorbatschow, sein Freund, baten ihn, jetzt erst recht nach Deutschland zu reisen und die Menschen zu informieren. Nie werde ich sein Gesicht vergessen, nach der Ankunft. „Boris, ich muss meine Zeitung schließen, ich kann nicht noch mehr Leute dem Risiko aussetzen, getötet zu werden“, sagte er mit Tränen in den Augen – und gab sich selbst eine Mitschuld an den Morden. Es waren schlimme, bewegende Stunden, die wir gemeinsam in Berlin verbrachten. Stunden, die einem nie aus dem Kopf gehen werden. Und die an die Substanz gehen.

Nie werde ich vergessen, wie mir Dima, dieser Bär von einem Mann, mit Tränen in den Armen lag, buchstäblich Halt suchte. Bis weit nach Mitternacht saß ich mit ihm in seinem Zimmer im Steigenberger-Hotel am Los-Angeles-Platz in Berlin. Redete ihm Mut zu: „Dima, Du darfst nicht aufgeben! Leute wie Du sind jetzt wichtig! Wenn Russland von den Abwegen, auf die es geraten ist, abkehrt, werden es Menschen wie Du sein, die das Land braucht! Leute wie Du sind das Gewissen der Nation, auf die später Generationen zurückblicken werden und eine Antwort finden auf die Frage, warum so viele geschwiegen haben“. Ich gebrauchte – ohne die Situation in irgendeiner Weise gleichsetzen zu wollen – Stauffenberg und seine Helfer als Beispiel. Erzählte, wie wichtig sie für die weitere Geschichte waren.

Muratow und seine Mitstreiter, wie etwa sein Vize Andrej Lipski, mit dem mich eine sehr enge persönliche Freundschaft verbindet, sind für mich persönliche Vorbilder. Trotz allem Druck, trotz hoher politischer Risiken bleiben sie ihren journalistischen Idealen treu, haben diese nie verraten. Eben weil ich solche Vorbilder habe, macht es mich besonders wütend und traurig, dass in Deutschland so viele Journalisten auch einem sehr viel geringerem Druck nachgeben. Muratow und seine Mitstreiter müssen bis heute nicht nur um das Leben ihrer Mitarbeiter fürchten, sondern auch um das eigene. Bei uns müssen Journalisten, die die Regierung kritisieren, im schlimmsten Fall Ausgrenzung und Jobverlust fürchten. Auch das ist schlimm und unerträglich. Doch warum finden sich hierzulande nicht mehr Mutige? 

Ich will es nicht verheimlichen: Manchmal haderte ich mit Dima. Wie es sich gehört unter Journalisten. Nichts wäre schlimmer, als immer einer Meinung zu sein. So etwas gibt es nur in Diktaturen. Dima hatte große Hoffnungen in Dmitrij Medwedew, den Wladimir Putin 2008 als Präsidenten einsetzte. Er wollte, so glaube ich, nach all den Schrecken, die er mitmachen musste, einfach nicht ohne diese Hoffnung leben. Ich war skeptischer, fürchtete von Anfang an, dass sich alles als große Scharade herausstellen würde. So wie es dann auch kam. Doch aus unserem politischen Diskurs wurde nie ein persönlicher Streit. 

Über einiges, was wir gemeinsam erlebt bzw. herausgefunden haben, haarsträubende Geschichten, bei denen sich mir heute noch die Haare sträuben, kann ich nicht schreiben. Weil wir nicht nur eng, sondern auch diskret zusammenarbeiteten. Und weil es andere Menschen gefährden würde.

Ich verneige mich heute hier an dieser Stelle vor Dima. Vor seiner Hartnäckigkeit, seinem Charakter, seiner Professionalität, seiner Unbestechlichkeit. Russische Seele und glasklarer Intellekt sind bei ihm vereint. Am allermeisten schätze ich seinen Humor. Und ich bin sicher – wenn wir uns das nächste Mal treffen, wird er auch über den Nobelpreis eine ironische Bemerkung machen.

Mir ist klar: Das Nobelpreis-Komitee wollte offenbar Putin einen Warnschuss vor den Bug setzen – hat sich aber nicht getraut, das in der heftigsten Form zu machen: Durch die Auszeichnung von Alexej Nawalny. Insofern ist „Dima“ wohl eine Kompromiss-Lösung. Aber selten dürfte eine Kompromisslösung so verdient ausgezeichnet worden sein wie in seinem Fall.

Vor fast genau einem Jahr war Muratow zu Gast in meiner Sendung „Russisch mit deutschem Akzent“ im Berliner russischsprachigen (und kremlkritischen) Sender OstWest (mehr über den Sender lesen Sie hier). Für meine russischsprachigen Leser hier der Link zu der Sendung.

PS: Muratow ist auch mit meinem langjährigen Fotografen, Freund und Lehrer der russischen Lebensweise Igor Gavrilov befreundet. Igor hat heute zur Feier des Tages zwei Fotos von Muratow auf Facebook gepostet (seine Facebook-Seite empfehle ich auch denen, die kein russisch können – wegen der tollen Bilder).

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
 
Bild: OstWest
Text: br

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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