Sind Fantasy-Romane nur etwas für Rechte? SRF hat ein Problem mit Giorgia Melonis Vorliebe für „Der Herr der Ringe“

Von Kai Rebmann

Sie lesen regelmäßig Fantasy-Romane? Besonders die Bücher aus der Feder von John Ronald Reul Tolkien gehören für Sie zur Pflichtlektüre? Und Sie haben sich die „Der Herr der Ringe“-Filme angesehen, womöglich sogar die ganze Trilogie? Je mehr Fragen Sie mit „Ja“ beantwortet haben, umso wahrscheinlicher ist es, dass dieser Artikel gerade von einem ausgemachten Rechtspopulisten gelesen wird. Davon ist jedenfalls das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) felsenfest überzeugt.

Der Wahlerfolg von Giorgia Meloni am vergangenen Sonntag hat den medial-politischen Komplex in Europa in Angst und Schrecken versetzt. Während der „Stern“ die nach allen demokratischen Gepflogenheiten abgehaltene Wahl als „Machtergreifung“ bezeichnet und Meloni in einem Atemzug mit dem Diktator Benito Mussolini nennt, möchte sich der gebührenfinanzierte Sender aus der Schweiz nicht ganz so weit aus dem Fenster lehnen. Dennoch wirft der Rechtsruck in Italien auch beim SFR einige Fragen auf, zum Beispiel diese: „Was macht J. R. R. Tolkiens ‚Herr der Ringe‘ für Melonis politisches Weltbild so attraktiv?“

Absurde Vermengung von Politik und Literatur

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat die Kultur-Redaktion des SRF Christine Lötscher zum Interview gebeten. Die Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich glaubt, dass Rechtspopulisten für den Stoff von „Fantasy-Fantasien“ (O-Ton) besonders empfänglich sind. Daher erstaune es sie auch nicht, dass Giorgia Meloni sich für „ihre Zwecke auf das Fantasy-Epos ‚Der Herr der Ringe‘ beruft“. Fantasy werde immer wieder von rechter, konservativer Seite instrumentalisiert, weil in diesem Genre oft der Kampf Gut gegen Böse im Vordergrund stehe. Lötscher erklärt, dass es in „Der Herr der Ringe“ das Böse zwar gebe, etwa in Gestalt von Sauron oder den Orks, in dem Buch aber andere Aspekte eine wichtigere Rolle spielen. Es gehe in dem Bestseller vor allem um Figuren, die auf der Seite des Guten kämpfen wollen und dabei immer wieder von der Macht, also dem Ring, korrumpiert werden.

Auf der Seite des „Guten“ kämpfen wollen und sich von der Macht korrumpieren lassen? Das kommt einem tatsächlich bekannt vor, jedoch weniger im Zusammenhang mit Konservativen oder den noch viel schlimmeren Rechtspopulisten. Sind es nicht vielmehr die Linken und Grünen, die bei jeder passenden Gelegenheit den Gutmenschen in sich herauskehren und sich dem jeweiligen Zeitgeist des Mainstreams anpassen? Ein Beispiel von vielen – Carola Rackete. Die sogenannte „Aktivistin“ erlangte im Jahr 2017 als Flüchtlingskapitänin im Mittelmeer einige Bekanntheit. Kaum hatte der Mainstream mit dem Klimaschutz ein neues Thema gefunden, schloss sich Rackete der Bewegung „Extinction Rebellion“ an, die bei der Durchsetzung ihrer Ziele insbesondere auf zivilen Ungehorsam setzt. Unter anderem beteiligte sich Rackete an der Besetzung des Dannenröder Forstes.

Damit passen Menschen wie Carola Rackete genau in jenes Profil, das Lötscher im SRF-Interview den Fantasy-Fans und Rechtspopulisten anzudichten versucht. Die Literatur-Professorin führt nämlich weiter aus: „Hier werden Krieg und teilweise auch Gewalt idealisiert. Dazu kommt eine gewisse Heldenverehrung.“ Idealisierung von Gewalt und Heldenverehrung? Dabei muss man doch unwillkürlich und sofort an zahlreiche umstrittene Aktionen aus dem linksgrünen Spektrum denken sowie die fast schon mit religiösem Eifer betriebene Verehrung einer Greta Thunberg. Weder dem SRF noch Christine Lötscher scheint es aufgefallen zu sein, dass diese und weitere Attribute, die die Professorin bei den Konservativen verortet, vielmehr auf die Linken zutreffen.

Auch Linke dürfen Fantasy-Romane lesen – aber nur die richtigen

Autoren wie J. R. R. Tolkien nähmen bei Werken wie „Der Herr der Ringe“ gerne Bezug auf germanische und nordische Mythen, worauf vor allem „rechte Gruppierungen“ anspringen würden, erklärt Lötscher. Dennoch sind Fantasy-Romane und -filme aber offenbar nicht nur den bösen Rechten vorbehalten – wenn es denn die richtigen sind. Die Literatur-Expertin aus Zürich verweist dazu auf „feministische Autorinnen“ wie etwa Ursula K. Le Guin und deren „Erdsee“-Reihe aus dem 20. Jahrhundert. Auch Bücher von „afrofuturistischen Autorinnen“ oder Autoren, „die antirassistische, diverse Fantasy schreiben“, kann Lötscher offenbar guten Gewissens empfehlen.

Insgesamt sei Fantasy immer eine Gratwanderung, was dieses Genre gleichzeitig aber auch so spannend mache, erklärt die Professorin. Auch Christine Lötscher hat sich in dem SRF-Interview an einer Gratwanderung versucht. Gut erkennbar ging es dem SRF und seiner Gesprächspartnerin darum, Giorgia Meloni aufgrund ihrer Vorliebe für Fantasy-Romane im Allgemeinen und „Der Herr der Ringe“ im Speziellen in die rechte Ecke einzubetonieren. Andererseits sollte am Ende aber auch eine Brücke für all jene geschlagen werden, bei denen diese und ähnliche Bücher ebenfalls im Regal stehen, die sich aber dennoch – oder gerade deshalb – zu den „Guten“ zählen.

Übrigens: Noch vor wenigen Wochen hatte die SRF-Kulturredaktion eine ganz andere Sicht auf dieses jetzt verteufelte Genre. Am 2. September 2022 war in einem Tweet zu lesen: „Von ‚Herr der Ringe‘ bis ‚Star Wars‘: Starke Frauenfiguren sind fester Bestandteil des Fantasy-Universums.“ Das war allerdings noch vor der Wahl in Italien und bevor klar war, dass die neue starke Frau in Rom Giorgia Meloni heißen wird.

DAVID
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