Da habe ich diesen Artikel eine Weile im Stehsatz liegen – und dann das: Jetzt soll man auch nicht mehr „Elfenbeinküste“ sagen dürfen. Politisch korrekt soll es jetzt „Côte d’Ivoire“ heißen. Warum? Weil der alte Name angeblich ein „Kolonialbegriff“ sein soll. Dabei ist er nichts, aber auch gar nichts anderes als die wörtliche Übersetzung des französischen Namens.
Noch absurder: Es war die Elfenbeinküste selbst, deren Regierung vor 40 Jahren beschloss, international genau diesen Namen – auf Französisch zu verwenden. Ja, genau den Namen der früheren Kolonialmacht. Manchmal entscheiden sich frühere Kolonien auch so, wie es unseren heldenhaften Kämpfern gegen jeglichen früheren und künftigen Rassismus nicht ins strenge moralische Korsett passt.
An Absurdität ist der neue Auswuchs der angeblichen Sprachmoral also gar nicht zu überbieten – und man muss fast dankbar dafür sein, legt er doch die Dummheit dahinter nahe – wenn man ein und denselben Landesnamen, nur eben in einer Fremdsprache verwenden soll.
Besonders interessant: Ausgerechnet Hasnain Kazim, früherer Spiegel-Journalist mit klarer linker Vergangenheit, empört sich diesmal auf X über diese Sprach-Oberlehrerei:
Die rot-grüne Moralblase läuft prompt Sturm gegen den (Ex?-) Genossen. Ein Nutzer mit Ukraine-Flagge im Profil schreibt sinngemäß (und sinnfrei): „Die Elfenbeinküste möchte gerne Côte d’Ivoire genannt werden. Weil Französisch die Landessprache ist. In allen Sprachen. Auch Englisch zum Beispiel. Das muss man respektieren. Bei Belarus war es doch dasselbe. Oder Eswatini.“
Kazim hält dagegen: „Übrigens sagen wir aus gutem Grund im Deutschen Türkei, im Englischen Turkey und niemals ,Turkiye‘.“
Und: „Wer ist ,die Elfenbeinküste‘? Ein Politiker? Das gesamte Volk? Wenn Deutschland Deutschland genannt werden wollte, sollte niemand mehr Germany oder Allemagne sagen? Spannend…“
Womit wir bei meinem Artikel aus dem Stehsatz wären. Voilà:
Ob Kyjiw statt Kiew, Belarus statt Weißrussland oder Beijing statt Peking – fast über Nacht änderten sich die Begriffe in den Nachrichten. Nicht etwa, weil sich die Wirklichkeit geändert hätte. Sondern weil eine neue Sprachmoral herrscht. Und ihre Macht demonstriert.
Und wie immer folgt die Mehrheit brav.
Wer sich noch an die eigene Schulzeit erinnert, kennt den Begriff „Exonym“: ein ausländischer Name, der in der eigenen Sprache eine gewachsene, abweichende Form hat. München heißt auf Italienisch „Monaco“. Köln auf Englisch „Cologne“. Milano wird im Deutschen zu „Mailand“, Nice bleibt wie früher „Nizza“. Und nicht ein einziger Italiener, Franzose oder Münchner käme je auf die Idee, das als Beleidigung aufzufassen.
Doch seit einiger Zeit gelten diese Prinzipien plötzlich nicht mehr. Wer „Kiew“ sagt statt „Kyjiw“, ist suspekt. Wer noch von „Weißrussland“ spricht, wird schräg angeschaut. Und „Peking“ ist sowieso ein Zeichen von Rückständigkeit – dabei spielt keinerlei Rolle, dass die meisten Chinesen gar kein Problem damit haben.
Ich habe große Sympathien für die Ukraine – das will ich ausdrücklich sagen. Auch wenn ich weiß, dass ich mir damit viele Feinde gemacht habe und weiter machen werde. Aber gerade deshalb: Wer anderen vorwirft, seine Nase nach dem Wind zu richten – wie leider auch viele alternative Medien beim Thema Ukraine, nur unter umgekehrten Vorzeichen wie der Mainstream – der muss selbst bei Gegenwind stehen bleiben.
Aber ganz unabhängig von allen außenpolitischen Fronten: Der neue Sprachmoralismus in Deutschland ist mir schlicht zuwider.
Denn hier geht es nicht um Respekt. Nein, es geht um Umerziehung mit Hilfe der Sprache. Um einen stillen Zwang, der sich als Höflichkeit tarnt. Und um ein absurdes Schauspiel, in dem Medien, Ministerien und sogar Schulen plötzlich ihre Ausdrucksweise ändern. Auf eine Art und Weise, dass man glauben könnte, sie stamme aus einem Propagandaministerium.
Noch absurder ist die Denkweise, die hinter diesem Zwang steht: Dass wir die Selbstbezeichnung anderer Länder gefälligst übernehmen sollen – koste es unsere eigene Sprachtradition, was es wolle.
Aber gerade das Gegenteil wäre richtig: Stolz darauf zu sein, wenn eine Stadt in vielen Sprachen einen eigenen Namen hat. Das ist kein Akt der Kolonialisierung, sondern ein Zeichen von historischer Bedeutung. Es gibt einen Grund, warum wir „Rom“, „Venedig“, „Florenz“, „Prag“ oder eben „Kiew“ sagen. Und warum kleinere Städte wie Cherson oder Chmelnyzkyj keine eingedeutschten Namen haben: Weil sie – hart gesagt – jahrhundertelang schlicht keine ausreichend wichtige Rolle gespielt haben. Genauso wie – anders herum – Buxtehude oder Ingolstadt.
Wenn die Haltungswärter heute allen Ernstes fordern, wir müssten „Kyjiw“ sagen, weil das der ukrainischen Aussprache näherkommt, zeigt das vor allem eines: Wie absurd die ganze Debatte geworden ist. Dann müssten wir konsequenterweise auch „Praha“, „Firenze“, „Warszawa“ oder „Krakiv“ sagen – oder gleich alles auf Esperanto umstellen. Wer Kiew sagt, sagt nicht „Putin gut“ – sondern schlicht: Ich spreche Deutsch.
Sprache ist keine Flagge für politische Korrektheit. Sie ist schlicht Kultur. Und wenn wir unsere Sprache nach jedem politischen Wetterbericht umerziehen, dann verlieren wir nicht nur Wörter – sondern auch Identität.
Ich habe noch nie einen Russen erlebt, der sich daran störte, dass wir Moskau sagen statt „Moskwa“. Keinen Italiener, der Mailand in Frage stellt. Keinen Franzosen, der sich über „Nizza“ aufregt. Keinen Polen, den „Warschau“ triggert.
Nur in der Ukraine – und bei uns im vorauseilend gehorsamen Westen – wird aus einer Silbe ein Bekenntnis. Und aus einem Ortsnamen ein Test auf moralische Tauglichkeit.
Wenn das der neue Journalismus sein soll, bin ich gerne altmodisch.
Wenn Sie Texte ohne Sprach-Umerziehung und mit Rückgrat mögen, dann ist Ihre Unterstützung entscheidend – hier steht, wie es geht. Danke.
PS: Mir ist klar: Mit diesem Artikel werde ich mich sowohl bei den Putin-Unterstützern als auch bei vielen Ukrainern höchst unbeliebt machen. Aber genau das macht Texte lesenswert – wenn sie nicht gefallen wollen, sondern etwas zu sagen haben. Kein Herumlavieren, keine anbiedernde Wortwahl, sondern ein klarer Standpunkt. Und ja: Es wird Empörung geben, vermutlich von beiden Seiten. Aber wer nie Prügel kriegt, hat auch nie Haltung gezeigt. Und mit „Haltung“ meine ich nicht das weichgespülte Etikett, das heute bei ARD, ZDF & Co. auf jede Meinungskonserve geklebt wird – und das ich im Motto meiner Seite („Keine ‚Haltung‘“) ganz bewusst aufs Korn nehme. Ich meine Haltung im ursprünglichen Sinn: als Rückgrat. Nicht als Potemkinsche Moral-Fassade.
PPS: Fast vergessen – versprochen: Ich bleibe bei „Elfenbeinküste“, „Kiew“ und „Weißrussland“. Nicht aus Trotz, sondern aus Respekt vor unserer eigenen Sprache und ihrer Tradition, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Wer aus einer exakten, historisch etablierten Eindeutschung ein moralisches Vergehen konstruiert, zeigt vor allem eines: dass er ein Tugendwärter ist, dem es nicht um historische Gerechtigkeit oder Rücksichtnahme geht, sondern um das Ausüben von Macht und Kontrolle. Wir müssen uns dagegen wehren. Sprache darf kein Unterwerfungsritual vor dem Zeitgeist werden. Sie ist unser kulturelles Rückgrat. Und genau das wollen sie uns offenbar brechen.
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