Fußballer Max Kruse zu Corona-Maßnahmen: „Verarschen könnt ihr euch selbst“ Ex-Nationalspieler erregt sich auf Twitch-Portal über Impfzwang und Co

Von Alexander Wallasch

Ein bis dahin erfolgreicher deutscher Fußballbundesligaspieler wurde 2016 von Nationaltrainer Jogi Löw aus dem Kader gestrichen, bevor seine Karriere in der Mannschaft so richtig starten konnte. Max Kruse, der zu dem Zeitpunkt beim VfB Wolfsburg spielte, soll laut Jogi Löw „seiner Vorbildrolle als Nationalspieler nicht nachgekommen sein und sich unprofessionell verhalten haben“. Kruse hatte in einer Diskothek eine Auseinandersetzung um Fotos mit einer „Bild“-Reporterin.

Nach Stationen über Istanbul, Bremen und Union Berlin unterschrieb Kruse vor wenigen Tagen erneut bei Wolfsburg einen Vertrag bis zum 30. Juni 2023. Aber Kruse spielt nicht nur Fußball, seit Oktober 2020 macht er privat etwas eher Ungewöhnliches: Kruse streamt regelmäßig auf Twitch, einem erfolgreichen Nischenportal für Gamer, Zocker und Pokerfreunde, die dort zu Zehntausenden live stundenlange Spielsessions verfolgen und kommentieren. Kruse betreibt dort unter „MaxKruseGaming“ einen eigenen Kanal mit über 60.000 Follower, die sich die Twitch-App heruntergeladen haben und von denen viele regelmäßig Max Kruses Live-Sendungen (Streams) verfolgen.

Zuletzt hatte Kruse vor wenigen Tagen eineinhalb Stunden live gesendet. Und was der Profifußballer dort äußerte und mit seinem Fans diskutierte, schaffte es am Folgetag in viele große Zeitungen, die Welt titelte gar: „Max Kruse schießt gegen deutsche Corona-Politik“. Zunächst ging es aber in Kruses Twitch-Sendung um seinen Wechsel vom Erstligisten Union Berlin (aktuell Tabellenplatz 4) zum in dieser Saison wackeligen (Platz 12) Wolfsburg – einen Wechsel, den der über 30-Jährige freimütig unter anderem mit dem besseren finanziellen Angebot begründete.

Nach etwa einer halben Stunde Sendung kam Max Kruse auf die unterschiedlichen Corona-Maßnahmen in Berlin und Niedersachsen zu sprechen. Der Fußballer erzählt, er wäre letzten Montag von Berlin nach Wolfsburg gefahren und da sei alles viel strenger als in Berlin, es gäbe eine FFP2-Maskenpflicht, die meisten Cafés und Restaurants geschlossen, „eine komplett andere Welt bis 23. Februar mindestens“.

Kruse warnt seine Twitch-Gemeinde zunächst vor, er sei „politisch komplett neben der Spur, habe keine Ahnung von Politik“. Aber wenn selbst er sich fragen würde, was da los ist, „dann muss man sich wirklich Gedanken machen“, attestiert Kurse. Politik sei ihm ansonsten „Latte“, sagt der Neu-Wolfsburger. „Aber“, so Kruse weiter, „ich verstehe nicht, wie so was in Deutschland überhaupt möglich ist.“

Anschließend versucht er sich gemeinsam mit seinen kommentierenden Zuschauern an der Corona-Debatte:

„Der Genesenen-Status war sechs Monate. Die Politik hat entschieden, nein, der Genesenen-Status zählt nur noch drei Monate. Alles schön und gut, aber jetzt kommt’s: Aber im Parlament – Leute, die im Parlament arbeiten – haben weiterhin sechs Monate. Ja, ne, what the fuck, was … ist im Parlament kein Corona, oder was? Haben die da irgendwie – keine Ahnung Alter – so Spritzdosen oder was, Corona-Antikörper rumfliegen, oder was? Also Leute mal ganz im Ernst, irgendwann ist auch mal gut.“

Dann macht Max Kruse seinem Unmut erst richtig Luft:

„Ich habe das auch lange verstanden. Alle Maßnahmen, alles schön und gut. Maskenpflicht finde ich auch vollkommen in Ordnung. Impfen … meinetwegen soll auch sein. Aber bitte: Verarschen könnt ihr euch selbst, ja, müsst ihr nicht uns verarschen. Das mal zu dem Thema nur ganz kurz, ich habe keine Ahnung von Politik.“

Einer seiner Zuschauer will wissen, ob Kruse geimpft ist: „Natürlich bin ich geimpft. Ich war ja genesen, das heißt, ich hab dann zwei Impfungen jetzt. Die erste nach dem Genesen-Sein und die zweite Booster-Impfung habe ich im Dezember bekommen. Aber jetzt kommt ja wieder das Neue, Jetzt soll ja wieder die vierte Impfung kommen. Und Johnson & Johnson zählt auf einmal nicht mehr. Also von heute auf morgen so … ja ne … Erst war das der Impfstoff, also auf einmal zählt’s einfach nicht mehr so …(pfeift, macht Handbewegungen für „bekloppt“) Aber gut, jetzt kommt natürlich wieder Deutschland: Alle anderen Länder finden eine Lösung, nur Deutschland findet keine Lösung. Die seuchen durch, machen eine Impfpflicht, ist auf jeden Fall alles wieder auf. Nur in Deutschland, was machen sie? Ja nichts, warten wir mal weiter ab, ne. Also die, wie soll ich das sagen … Scheiß mal auf die Wirtschaft in Deutschland einfach so. Die Läden müssen schließen, Existenzen gehen kaputt. Egal – wir chillen noch ein bisschen im Bundestag. Irgendwann wird schon eine Lösung kommen, vielleicht geht Corona einfach weg. Lass es uns einfach aussitzen. So. Das ist Deutschland Leute, ganz ehrlich. Aber ein Impf-Skeptiker bin ich auf jeden Fall nicht. Ich finde, Impfen ist gut.“

Dann geht es weiter mit Omikron, das wäre ja keine so schlimme Variante, so Kruse weiter. Und wenn es nicht so schlimm sei, dann müsse Deutschland auch handeln und dementsprechend auch die Läden wieder aufmachen. „Oder sehe ich das falsch?“, fragt Kruse in die Runde. Dann erzählt er von einem ehemaligen Kollegen aus der Türkei, dessen Eltern schon zum vierten Mal geimpft wurden und das würde das Immunsystem angreifen, hätte er von seinem Freund gehört: „Er hast mir erzählt, die ersten drei Impfungen hätten die gut vertragen. Bei der vierten Impfung lagen die vier, fünf Tage flach.“

Auch zum Impfzwang äußert sich Max Kruse: „Also ich finde es grundsätzlich nicht richtig, Leute zu irgendwas zu zwingen, jeder Mensch ist für sich selbst zuständig. Wer das machen will, soll es machen, wer das nicht machen will, ist, glaube ich, jedem seine eigene Entscheidung. Ich würde es jedem empfehlen, aber Zwang, also eine Impfpflicht, finde ich persönlich schwierig.“

Dann folgen wieder sportliche Fragen und ein Augenzwinkern von Max Kruse: „Davon habe ich auch mehr Ahnung.“

Wie soll man diesen medial so hochgespielten Vorfall nun beurteilen? Max Kruse hat sich auf einem speziellen, aber öffentlichen Portal unter gleichgesinnten Zockern Luft gemacht. Und wie Kruse dort auftritt, gefällt vielen seiner Fans. Sein Auftritt wird dort positiv als sympathisch und unverstellt wahrgenommen. Ältere Fußballfans kennen Vergleichbares noch von Paul Breitner und Günther Netzer. In dieser libertären Tradition kann man durchaus auch Max Kruse sehen, bis hin zu seiner leichten Rapper-Attitüde.

Der VfL Wolfsburg täte hier übrigens sicher gut daran, diesen Auftritt auf sich beruhen zu lassen und nicht, wie es Nationaltrainer Jogi Löw 2016 tat, hier Privates mit Beruflichem zu mischen. Und so passiert es dann auch, VfL-Sportdirektor Marcel Schäfer (37) macht es auf der gestrigen Pressekonferenz kurz und knackig: „Diese ganze Diskussion, wir brauchen mehr Typen, mehr meinungsstarke Spieler, das ist ja das, was mehr gefordert wird. Jetzt haben wir einen verpflichtet mit Max, der klare Positionen zu gewissen Themen bezieht.“

Der Fußballer Max Kruse steht im Zenit seiner Karriere. Seine Torgefährlichkeit und seine oft genialen Pässe sind beim Gegner gefürchtet, seine offene Art ist bei den Fans beliebt. Jetzt hat Max Kruse sich Luft gemacht und damit vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“

Bild: Silesia711, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Text: wal

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