Kontrastprogramm: Normales Leben mit Freude dran in Sankt Petersburg Erstaunlich lebensfrohe Eindrücke aus dem Virusvarianten-Gebiet Russland

Von Ekaterina Quehl

Nach einer langen coronabedingten Pause habe ich mich entschieden, endlich in meine Heimatstadt St. Petersburg zu reisen. Von meinen Freunden und der Familie wusste ich schon, dass Menschen dort ein ganz normales Leben führen und kaum Einschränkungen haben. Aber das, was ich dann sah, hat mich einfach umgehauen. Zwei Stunden Flug und ich war fast zurück in 2019. Eine schnelle oberflächliche Kontrolle des Einreiseformulars, Express-Tests für Transit-Passagiere, Masken nach Lust und Laune – so sah es am Flughafen Pulkovo aus. Vom Taxi-Fahrer auf dem Weg ins Hotel erfuhr ich dann, dass er bereits eine „Pulkovo-Immunität“ hat – wegen der vielen Fahrten vom Flughafen in die Stadt – und ich weder eine Maske in seinem Taxi tragen noch Angst vor einer Ansteckung haben muss. Das Leben geht weiter, auch mit Corona, sagt er mir.

Angekommen im Hotel, erfahre ich bei der Begrüßung, dass es keinerlei spezielle Corona-Regeln gibt. Restaurant, Fitness-Bereich, Sauna, Schwimmbad – alles frei und ohne Einschränkungen zugänglich. Mitarbeiter und Hotel-Gäste sind alle entspannt und freundlich. Lediglich an den Fläschchen mit Desinfektionsmittel hier und da und an den Schildern mit der Bitte, Abstand zueinander zu halten, ist im Hotel die Corona-Pandemie zu erkennen.

In den ersten zwei Tagen und (weißen) Nächten meiner Reise in Sankt Petersburg mache ich sehr viele Dinge, die ich in den letzten 18 Monaten in Berlin nicht machen durfte. Es fühlt sich an wie eine Befreiung aus einer langen Haft. Essen im Restaurant und Shoppen ohne Papierkram, Schwimmen ohne Voranmeldung, Umarmungen mit guten Freunden und der Anblick entspannter, freundlicher Menschen, die ihr normales Leben weiterleben und das Risiko einer möglichen Erkrankung eben in Kauf nehmen, machen mich einfach glücklich.

In Einkaufszentren und in den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht eigentlich Maskenpflicht, aber es halten sich nicht alle daran. Einige tragen ihre Maske am Kinn, andere tragen gar keine Maske. Niemand wird hier aber deshalb hysterisch oder aggressiv. Niemand fordert den anderen auf, seine Maske aufzusetzen. Universitäten, Schulen, Kinos, Theater, Museen – alles ist offen. Wegen der EM, ungewöhnlich hohen Temperaturen, Ferien und der weißen Nächte sind die Sankt Petersburger Straßen voll. Etwas Vorsicht ist an der begrenzten Gästezahl in Kinos und Theatern zu erkennen und daran, dass in manchen Geschäften am Eingang Temperatur gemessen wird. Ein einheitliches System gibt es hier anscheinend nicht. Alle versuchen, etwas vorsichtig zu sein, aber ohne eine Übertreibung. Das Leben wird weiter gelebt und gefeiert. Und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich all das mitmachen kann.

Umso mehr haut mich die Nachricht um, dass Russland ab dem 29.6. für Deutschland zu den sogenannten Virusvarianten-Gebieten zählt. Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes lese ich: „Durch die Coronavirus-Einreiseverordnung vom 12. Mai 2021 und die Einstufung Russlands als Virusvarianten-Gebiet muss bei Reisen aus Russland nach Deutschland neben der bestehenden Anmelde- und Testpflicht und verlängerten und ausnahmslosen Quarantänepflicht der Nachweis eines negativen COVID-19-Tests in deutscher, englischer, französischer, spanischer oder italienischer Sprache mitgeführt werden, auch wenn Reisende bereits vollständig geimpft sind.“

Neben einer Testpflicht bei der Rückkehr nach Deutschland bedeutet das für mich eine 14-tägige Quarantäne. Welche Logik dahinterstecken muss, ist für mich unklar, wie so vieles in Deutschland in den letzten 1,5 Jahren. Nach den russischen Regeln muss ich ohnehin in den ersten 5 Tagen nach der Einreise zwei PCR-Tests machen lassen, unmittelbar vor der Rückkehr nach Deutschland noch einen – das geht in Russland übrigens sehr locker und entspannt, mit Hausbesuch und ohne Schmerzen. Ich bin gesund und werde in eiserne Beweise dafür in den nächsten Tagen eine Menge Geld investieren. Dennoch muss ich in eine verlängerte Pflicht-Quarantäne nach meiner Rückkehr nach Deutschland.

Ich kann es zunächst nicht fassen, will eine Quarantäne unbedingt vermeiden, versuche meine Tickets umzubuchen, sehe dann aber schnell, dass es weder geht noch Sinn macht. Ich entscheide mich, nichts weiter zu unternehmen, außer die nächsten 8 Tage das Leben in meiner Heimatstadt in vollen Zügen zu genießen und all das zu tun und zu lassen, was ich will. Wie eben jeder hier. Und wie es Menschen in vielen anderen Ländern inzwischen auch tun. Ohne eine Abwägung zwischen Freiheit und Gesundheit.

Petersburger „weiße Nächte“ – aufgenommen um 3.26 Uhr nachts.

P.S.: Ich höre jetzt schon die ganzen Corona-Jünger in Deutschland, die sich über diesen Text echauffieren und sagen werden: Dafür gibt es in Russland hohe Fallzahlen und viele Tote… Laut worldometers.info befindet sich Russland aktuell auf Platz 6. Sicher gibt es hier viele Erkrankte und jeder kennt einen, der schon mal krank war oder von einem Todesfall im Bekanntenkreis gehört hat. Aber die Menschen gehen eben damit anders um: ohne Angst und Hysterie. Und sie sind definitiv nicht bereit, ihre Freiheiten wegen dieser Krankheit aufzugeben.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
Namentlich gekennzeichnete Beiträge von anderen Autoren geben immer deren Meinung wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

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Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de und studiert nebenberuflich Design und Journalismus.

Bild: privat
Text: eq
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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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