Massive Unstimmigkeiten bei COVID-19-Intensivbetten-Zahlen Bundesregierung: "Es mag mitunter tatsächlich Unterschiede in diesen Zahlen gegeben haben"

Mein traditionelles Video von der Bundespressekonferenz fällt heute leider wegen der Zensur auf Youtube aus. 332.000 Abonnenten erfahren nichts von der Veranstaltung. Eine von mir dazu heute online gestellte Frage wurde auf der Bundespressekonferenz nicht vorgetragen.

Das „Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus“ (InEK) ist eine entscheidende Instanz, wenn es um die Abrechnung von stationären Krankenhausleistungen geht. Seine Zahlen sind wichtig und ernst zu nehmen. Umso erstaunlicher ist es, dass laut dem Leibniz-Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium die Zahl der auf den Intensivstationen behandelten COVID-19-Fälle zum 1. Januar 2021 entsprechend DIVI-Register um 40 Prozent höher lag als nach den InEK-Zahlen. Ein befreundeter Mediziner, Chefarzt eines deutschen Klinikums, entdeckte den Widerspruch in dem Papier. Im Kleingedruckten, in Fußnote 12 auf Seite 13.

Sein Urteil: Entweder sind die Zahlen des DIVI-Zentralregisters falsch. Oder es wird falsch abgerechnet. Als Laie kann ich das nicht eigenständig beurteilen. Deshalb wies ich am Freitag auf der Bundespressekonferenz das Bundesgesundheitsministerium auf den Sachverhalt hin und bat den Sprecher von Jens Spahn (CDU), Sebastian Gülde:

„Können Sie diese Diskrepanz erklären?“

Gülde antwortete: „Grundsätzlich haben wir uns zur Belegung der Intensivkapazitäten hier schon mehrfach geäußert. Es mag mitunter tatsächlich Unterschiede in diesen Zahlen gegeben haben. Die kann ich jetzt hier im Einzelnen nicht einordnen. Allerdings hatten wir das hier tatsächlich auch schon mehrfach geklärt. Es ist im Laufe dieser Pandemie gelungen, eine flächendeckende Überlastung des Gesundheitssystems tatsächlich zu verhindern. Dass es in Einzelfällen dann tatsächlich auch zu starken Überbelegungen von Intensivkapazitäten gekommen ist und dass in Einzelfällen auch tatsächlich Patientinnen und Patienten in andere Bundesländer verlegt werden, das gab es tatsächlich. Aber glücklicherweise waren dies wenige Fälle. Das ist die Einschätzung, die ich dazu abgeben kann.“

In meinen Augen geht die Antwort klar an der Frage vorbei. Dass der Sprecher des Ministeriums sich nicht sofort zu einer Fußnote eines langen Gutachtens äußern kann, halte ich für nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar fände ich es, wenn keine Erklärung nachgereicht würde. Es bleibt also zu hoffen.

Auch die Antwort auf eine weitere Frage von mir vom Gesundheitsministerium fand ich nicht befriedigend. Ich wollte von Gülde wissen: „Im vergangenen Jahr sagte Herr Wieler, dass es wegen der AHA-Regeln kaum noch Grippefälle gab. Die gelten weiter. Warum droht dann jetzt eine Grippewelle?“

Spahns Sprecher antwortete: „Zum Thema der Grippe haben sich ja Herr Prof. Wieler und Herr Minister Spahn in dieser Woche sehr ausführlich geäußert. Es gab hier eine Pressekonferenz dazu. Dass wir es immer wieder mit unterschiedlichen Grippestämmen pro Saison zu tun haben, das wurde hier sehr ausführlich dargelegt. Dass es aus diesen Gründen sehr schwer ist, die Grippesaison vorherzusagen, das ist ja auch sehr ausführlich behandelt worden.“

Ausgerechnet Merkels Sprecher Steffen Seibert sprang dem Gesundheitsministerium hier zur Seite: „Ich halte das auch für eine Frage, die Mediziner beantworten sollten. Aber man könnte natürlich laienmäßig einmal den Erklärungsversuch machen, dass im Winter 2021 das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland sehr stark heruntergefahren war, auch unser aller privates und gesellschaftliches Leben. Dadurch war die Möglichkeit der Übertragung von einem Infizierten auf andere sehr viel geringer als jetzt in der doch schon wieder weitgehend normalisierten Situation, in der wir heute leben.“

Seibert ging damit im Gegensatz zum Ministerium auf meine Frage direkt ein. Da die AHA-Regeln aber weiter gelten, halte ich die Antwort nur für teilweise befriedigend.

Während Spahns Ministerium bei meinen zwei Corona-Fragen m.E. eine Antwort in der Sache schuldig blieb bzw. sie in einem Fall Seibert überließ, äußerte es sich am Freitag nachträglich ausführlich zu einer anderen Frage von mir:

„Wenn wir beim Thema Corona sind, hätte ich noch eine kurze Nachlieferung, da uns offensichtlich Herr Reitschuster zuhört. Er hatte mich in der vergangenen Woche nach einer Studie aus der Universität Innsbruck gefragt. Dabei ging es um schwere COVID-19-Verläufe. Er hatte da einen möglichen Zusammenhang mit der Impfung hergestellt. Wir haben uns diese Studie tatsächlich einmal angesehen. Diesen Zusammenhang, den er hergestellt hat, können wir beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Lassen Sie mich kurz darstellen, worum es dabei geht. Es ist eine sehr kleine Studie aus der Universität Innsbruck mit insgesamt 37 Probanden. Dabei geht es um eine besondere Form eines schweren COVID-19-Verlaufs, den sogenannten Zytokinsturm, mit anderen Worten eine überschießende Immunreaktion. Diese Studie, die dort vorgelegt wurde, ist eine deskriptive Studie. Die schweren Verläufe waren mit einem hohen Antikörperspiegel einhergehend. Dies lässt aber keine Rückschlüsse auf einen kausalen Zusammenhang zu. Zum Thema Zytokinsturm ist inzwischen relativ gut von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften belegt, dass sie mit einem hohen Antikörperspiegel einhergehen. Aber das lässt keine Rückschlüsse auf einen schweren Verlauf infolge einer COVID-19-Impfung zu.“

Zunächst einmal ist es lobenswert, dass Spahns Ministerium, das sich so oft um Antworten drückt, hier einmal liefert. Danke dafür. Die Behauptung, ich hätte einen Zusammenhang mit der Impfung hergestellt, ist allerdings mehr als steil. Insbesondere war keinerlei Hinweis auf „Rückschlüsse auf einen schweren Verlauf infolge einer COVID-19-Impfung“ in meiner Frage, wie das Ministerium nahelegt. Hier der genaue Wortlaut meiner Frage vom 29.9.2021: „Herr Gülde, es gibt eine Untersuchung der Universität Innsbruck vom August, wonach schwere Verläufe der Coronaerkrankung gerade bei hohen Antikörpertitern häufig auftreten. Sind Sie sich darüber im Klaren? Verfolgt man das? Wenn ja, welche Auswirkungen könnte das auf die Impfstrategie haben, die ja auf eine hohe Zahl von Antikörpertitern setzt?“

Hier noch ein weiterer bemerkenswerter Wortwechsel von der Bundespressekonferenz am Freitag:

JESSEN (von „Jung & Naiv“): Herr Gülde, der Schauspieler Jan Josef Liefers gehörte zu den sehr prominenten Gesichtern der Kampagne #allesdichtmachen vor einigen Monaten. Jetzt hat er auf einer Intensivstation, die sozusagen nicht an ihre Grenzen gekommen war, dennoch nach seiner Auffassung Schockierendes erlebt. Er rückt im Grunde inhaltlich von seiner Position ein Stück weit ab. Empfehlen Sie gegebenenfalls weitere Besuche von Skeptikern in dieser Realität? Würden Sie das ermöglichen und befürworten?

GÜLDE: Was wir natürlich befürworten, ist, dass man sich mit der Lage auf den Intensivstationen und auch mit schweren Verläufen von COVID-19-Erkrankungen tatsächlich befasst. Inwieweit es der Krankenhausbetrieb tatsächlich gestattet, dass man sich die Lage vor Ort anschaut, kann ich jetzt von hier aus natürlich nicht beurteilen. Ich wage aber zu bezweifeln, dass flächendeckende Besuche auf Intensivstationen jetzt tatsächlich möglich sind. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Äußerungen von Ärztinnen und Ärzten, von Intensivpflegerinnen und -pflegern dazu, wie diese Situation dort einzuschätzen ist, und ich denke, das spricht durchaus für sich.

Lesen Sie unten noch den Wortwechsel zum Thema der falschen Impfzahlen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

DR. RINKE: Zum Thema Impfquote an das Gesundheitsministerium die Frage: Der Bundesgesundheitsminister hat ja gestern auf die neue RKI-Studie hingewiesen, dass bis zu 5 Prozent mehr geimpft sein können als die offizielle Statistik ausweist. Ich hätte ganz gern gefragt, ob man dann die offizielle Statistik ändert und wann man sie ändert. Denn auch heute, das habe ich nachgesehen, steht als Impfquote wieder 68,4 Prozent. Wenn man das ernstnimmt, was Herr Spahn gestern gesagt hat, dann müsste man ja immer bis zu 5 Prozent hinzuaddieren. Wird das also verändert, oder geht weiterhin die niedrige und damit eigentlich gar nicht stimmende Zahl in die öffentliche Kommunikation?

GÜLDE: Herr Rinke, vielen Dank für die Frage. Das gibt mir auch die Möglichkeit, das Thema ein bisschen einzuordnen.

Zunächst einmal möchte ich da einhaken. Wir sprechen nicht von 5 Prozent, sondern von bis zu 5 Prozentpunkten, über die die tatsächliche Impfquote liegen könnte. Aus diesem Begriff „könnte“ lässt sich schon absehen: Wir haben einerseits die Zahlen, die uns aus dem digitalen Impfquotenmonitoring vorliegen. Das andere sind Befragungen, die das RKI durchführt.

Aus den vergangenen Befragungen des RKI wurde schon deutlich, dass weder das digitale Impfquotenmonitoring noch diese Befragung die Zahlen wirklich eins zu eins abbilden können. Grundsätzlich ist es so: Wir gehen bei dem digitalen Impfquotenmonitoring von einer leichten Untererfassung aus. Das hatte Minister Spahn, wie Sie ja schon richtig gesagt haben, gestern eingeordnet, warum es da zu einer Untererfassung kommen kann.

Das Andere sind diese Umfragen, die durchgeführt werden. Auch sie haben natürlich gewisse methodische Schwierigkeiten. Es stellen sich hier Fragen: Wer nimmt an diesen Umfragen teil? Ist der- oder diejenige der deutschen Sprache mächtig und kann entsprechend an dieser Umfrage teilnehmen? Insofern gibt es da gewisse methodische Probleme. Von daher sprechen wir nur von Näherungswerten.

Wir haben die Umfrage des Robert Koch-Instituts zum Anlass genommen, das RKI noch einmal zu bitten, in diesem Bereich genauer nachzuforschen. Deswegen hat das Robert Koch-Institut die Meldung der Ärzte mit der Anzahl an tatsächlich ausgelieferten Impfdosen verglichen und hat festgestellt, dass die tatsächliche Impfquote um bis zu 5 Prozentpunkte höher liegen könnte als bislang angenommen.

Aber noch einmal: Das sind Näherungswerte. Bei der offiziellen Impfquote beziehen wir uns auf das digitale Impfquotenmonitoring, also auf das, was uns tatsächlich geliefert wird und an Zahlen vorliegt. Das andere muss man aufaddieren. Wie gesagt: Das sind Näherungswerte, mit denen wir es da zu tun haben.

Vielleicht noch eine Ergänzung: Das RKI hat eine weitere Studie in Auftrag gegeben, die zurzeit aber noch läuft. Sie soll mit mehr Befragten und auch mehrsprachig stattfinden.

DR. RINKE: Noch eine Nachfrage, damit ich es verstehe. Denn wir wollen ja die korrekten Zahlen berichten. Eigentlich müssten Sie doch dann einen kleinen Zusatz machen, dass die Zahlen höchstwahrscheinlich nicht stimmen.

GÜLDE: Das hatten wir tatsächlich gesagt, dass wir von einer leichten Untererfassung beim digitalen Impfquotenmonitoring ausgehen.

 

 
Bild: Boris Reitschuster (Archivbild)
Text: br

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