Nach möglichem Clan-Mord in Berlin – jetzt Selbstjustiz? Fahndungsfoto Marke Eigenbau "zirkuliert in einschlägigen Kreisen"

Als junger Westdeutscher im Russland der wilden 1990er Jahre war ich immer wieder überrascht und entsetzt darüber, dass der zerbröselnde Staat das Recht nicht mehr durchsetzen konnte. Und viele Menschen zur Selbstjustiz griffen. In Deutschland, so beteuerte ich damals gegenüber meinen russischen Freunden und Bekannten nach bestem Gewissen, wäre so etwas nicht denkbar.

Heute könnte ich das nicht mehr versichern. Und gerade weil ich die Erfahrungen mit der Selbstjustiz damals in Russland machte – auch jetzt ist sie noch kein Fremdwort dort, allerdings seltener – hat es mich so erschüttert was dieser Tage zu lesen ist. Angehörige des am 1. Mai getöteten Mohammed R. haben damit begonnen, den Täter selbst zu suchen. Mitglieder der Sippe sollen die mutmaßliche Wohngegend des Täters in Kreuzberg auskundschaften, berichtet die BZ. Ein Foto, das den angeblichen Täter zeigt, zirkuliere dem Text zufolge in einschlägigen Kreisen. Der 25-jährige Mohammed R. wurde am 1. Mai während eines Volksfestes in der Hasenheide erstochen.

Den bisherigen Erkenntnissen zufolge kam es vor einer Losbude zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Clan von R. und einer anderen „Großfamilie“. Mohammed R. soll im Laufe des „Disputs“ dann zu einer Schusswaffe gegriffen haben. Was weiter passierte in der Hasenheide ist unklar – obwohl auf dem Volksfest jede Menge Menschen waren und es damit auch jede Menge Zeugen geben müsste. Aber möglicherweise wollen diese nicht aussagen. Oder haben Angst davor. Bislang sind trotz eines Zeugenaufrufs der Polizei jedenfalls erst fünf Volksfest-Besucher vorstellig geworden. Und viel zu sagen hatten sie nicht: Laut den Behörden gaben sie nur allgemeine Hinweise. Einer der wenigen fest stehenden Fakten ist, dass Mohammed R. seinen Messerverletzungen erlag. Und dass sein älterer Bruder, Nidal R., vor drei Jahren ebenfalls bei einem Tötungsdelikt nicht allzu weit entfernt auf dem Tempelhofer Feld ums Leben kam. Damals war die Rede von einer Clan-Fehde. Nidal R. hatte Medienberichten zufolge bei einer Hochzeit einen anderen Kriminellen bedroht, dessen Clan als Reaktion Rache ankündigte.

„Wir können weiterhin nichts zu möglichen Tätern und Motiven sagen“, sagte laut BZ Mona Lorenz, die Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft. Ob eine Auseinandersetzung zwischen verfeindeten Clans dahinter steckt? „An Spekulationen über Clan-Streitigkeiten als Hintergrund beteiligen wir uns nicht“, sagte die Beamtin.

Zurück bleibt ein Gefühl, dass der Rechtsstaat machtlos ist angesichts der massiven Kultur der Gewalt und der Clan-Kriminalität, die in Berlin und anderen Großstädten inzwischen zum Alltag gehört und eine Atmosphäre der Angst geschaffen hat, sowie des mangelnden Vertrauens in Polizei und Justiz. Kann man es den Zeugen wirklich übel nehmen, wenn Sie Angst haben, sich zu melden oder gar Belastendes auszusagen – wo sie doch nicht davon ausgehen können, dass der Staat in der Lage ist, sie wirkungsvoll zu schützen vor möglichen Racheakten?

Ebenso schlimm wie diese Zustände ist das Tabu, über sie zu berichten. Wer das kritisch tut wie ich hier in diesen Zeilen, muss damit leben, dass er als „Populist“ oder gar „Rechter“ diffamiert ist – was in Deutschland mittlerweile deckungsgleich ist mit „Nazi“. Diese Kultur des Schweigens ist mitschuldig an diesen Zuständen. Genährt wird sie von Politikern und Medien, die fast ausschließlich in den besseren Vierteln der Städte leben und sich dieser neuen Realität nicht stellen müssen. Noch nicht. Denn wenn die Entwicklung so weitergeht, wird sie irgendwann auch die Parallel-Realitäten in den Nobelvierteln erreichen.

DAVID
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Bild: Shutterstock
Text: br

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