„Zahl der schweren depressiven Fälle verzehnfacht“ Österreichische Psychologen schlagen Alarm

Von Elias Huber

Während die Bundesregierung darauf verweist, dass hierzulande keine belastbaren Daten zu den psychischen Folgen des Lockdown vorliegen (siehe hier), machen die Österreicher Nägel mit Köpfen. Forscher der Donau-Universität Krems untersuchen bereits seit Beginn der Corona-Krise, ob die Österreicher vermehrt von Schlafproblemen, Ängsten und depressiven Symptomen geplagt werden.

Die Psychologen schlagen nun aufgrund ihrer neuesten Erkenntnisse Alarm. “Die bisherigen Maßnahmen reichen offenbar nicht aus, um die psychische Belastung in den Griff zu bekommen”, sagte Peter Stippl, der Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. Er fährt fort: “Hier benötigt es ein Umdenken auf vielen Ebenen.” Der Psychologe Christoph Pieh bezeichnete die Resultate in einer Mitteilung als “alarmierend”. Es bedürfe einer “raschen und speziell auf die Situation angepassten Hilfe” angesichts der Tatsache, dass sich die Zahl der schweren depressiven Fälle seit dem Jahr 2020 verzehnfacht habe.

Laut den Forschern wird jeder vierte Österreicher von depressiven Symptomen geplagt. Außerdem leiden 23 Prozent an Angstsymptomen und 18 Prozent an Schlafstörungen. Die Untersuchung haben die Psychologen zum Jahreswechsel durchgeführt. “Seit der letzten Erhebung im September kam es zu einer neuerlichen deutlichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit“, sagte Christoph Pieh, der Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung ist.

Besonders betroffen sind demnach junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren. Hier berichten die Forscher von einem Anstieg um 30 Prozent, sodass inzwischen jeder Zweite der 18- bis 24-Jährigen depressive Symptome aufweist. Diese Entwicklung sei “besorgniserregend”, meinte Pieh und verwies darauf, dass im Jahr 2019 nur jeder Zwanzigste an depressiven Symptomen litt. Auch Frauen, Alleinstehende und Arbeitslose seien besonders belastet. Am besten komme die Gruppe der Über-65-Jährigen mit dem Lockdown zurecht, berichten die Forscher.

Als Gründe für die steigenden Zahlen nennen die Psychologen Gesundheitsängste, Jobverlust, Einsamkeit und finanzielle Sorgen. Die Untersuchung mit 1500 Befragten zeigt aber auch, was gegen den Lockdown hilft: Demzufolge werden diejenigen am besten mit der Situation fertig, die in einer Beziehung leben, ein gutes soziales Umfeld haben und regelmäßig Sport treiben.

Die Untersuchung der Donau-Universität Krems dürfte die Frage aufwerfen, inwieweit die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind. Österreich und Deutschland stehen sich kulturell sehr nahe. Auch die Corona-Politik der Österreicher dürfte sich nicht grundlegend von dem Kurs der Merkel-Regierung unterschieden haben.

P.S.: Am Dienstag veröffentlichte das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eine Mitteilung über eine Studie, laut der fast jedes dritte Kind in Deutschland unter psychischen Auffälligkeiten leidet. Vor dem Lockdown war jedes fünfte Kind belastet. Siebzig Prozent der Kinder gaben an, ihre Lebensqualität habe sich vermindert. Die Leiterin der Studie Ulrike Ravens-Sieberer sagte, man müsse die seelischen Belastungen und die Bedürfnisse von Kindern und Familien während eines Lockdown „stärker berücksichtigen“.

 

Elias Huber arbeitet als freier Journalist in Frankfurt am Main.
Bild: goffkein.pro/Shutterstock
Text: eli

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